She ist der Boss

Vi­cki Saun­ders von SHEEO will das Sys­tem än­dern: Mit «ra­di­ka­ler Gross­zü­gig­keit» sol­len Frau­en an­de­re Frau­en da­bei un­ter­stüt­zen, ei­ge­ne Fir­men zu grün­den. Auch in Zü­rich.

Tages Anzeiger - - Zürich - Sa­lo­me Mül­ler

Wie meis­tens, wenn et­was Neu­es be­gin­nen soll, weiss man nicht so recht: Ist die­se Idee wirk­lich gut oder ein­fach nur ein Hirn­ge­spinst? Sind die An­sprü­che über­haupt rea­lis­tisch oder all­zu über­zo­gen? Kann man, darf man, schafft man das?

Im Zwei­fels­fall im­mer: Ja. Sagt Vi­cki Saun­ders sinn­ge­mäss. Die aus­tra­li­sche Un­ter­neh­me­rin, 2011 vom World Eco­no­mic Fo­rum (WEF) zum «Glo­bal Lea­der for To­mor­row» ge­wählt, hat vor drei Jah­ren SHEEO ge­grün­det. Mit der Or­ga­ni­sa­ti­on will sie Frau­en welt­weit zu «Ac­tiva­tors» ma­chen, zu Frau­en al­so, die an­de­re Frau­en da­bei un­ter­stüt­zen, ih­re Ide­en zu ver­wirk­li­chen und Fir­men zu grün­den.

Bis­her sei es schwie­rig, Frau­en zu för­dern, er­klär­te Saun­ders kürz­lich an der Kick-off-ver­an­stal­tung im Im­pact Hub in Zü­rich. Weil die Füh­rungs­po­si­tio­nen meis­tens im­mer noch von Män­nern be­setzt sei­en. Und weil das Wirt­schafts­sys­tem zu sehr auf Män­ner aus­ge­rich­tet sei und es Frau­en er­schwe­re, wei­ter­zu­kom­men. Den Frau­en feh­le es oft an Ge­hör, an Geld, auch an Mut.

Nicht al­le er­hal­ten gleich viel

Im zwei­stö­cki­gen Raum des Via­dukt­bo­gens sit­zen vi­el­leicht 80 Zu­hö­re­rin­nen, al­le be­gie­rig, von Saun­ders zu er­fah­ren, wie die 53-Jäh­ri­ge die­ses Sys­tem auf­bre­chen will. «Mit ra­di­ka­ler Gross­zü­gig­keit», sagt sie. Und wird so­gleich kon­kret: An­fäng­lich spen­den 500 Ac­tiva­tors je 1100 Fran­ken in ei­nen Topf. Zu- sam­men wäh­len die Ac­tiva­tors fünf Frau­en aus, von de­ren Ge­schäfts­ide­en sie den­ken, sie sei­en un­ter­stüt­zens­wert. Fi­nan­ziert wer­den die aus­ge­wähl­ten Ide­en mit dem ge­spen­de­ten Geld – aber nicht zu glei­chen Tei­len. Die Ac­tiva­tors set­zen Prio­ri­tä­ten und ver­han­deln un­ter­ein­an­der, war­um je­mand mehr er­hal­ten soll als ei­ne an­de­re.

Die neu­en weib­li­chen CEOS – die Shee­os – zah­len die er­hal­te­ne Sum­me in­nert fünf Jah­ren zins­frei zu­rück. Aber nicht an die Spen­de­rin­nen, son­dern in den Topf. So soll die­ser ste­tig an- wach­sen durch im­mer neue Ac­tiva­tors in im­mer mehr Län­dern. Und so soll das Geld stän­dig in Be­we­gung blei­ben, weil wei­te­re Shee­os da­zu­kom­men, Geld er­hal­ten und es nach ein paar Jah­ren wie­der zu­rück­zah­len.

Um die Schwei­ze­rin­nen für die­se Vi­si­on zu ge­win­nen, ist Saun­ders nach Zü­rich ge­kom­men. Fin­den die Zürche­rin­nen die­se Vi­si­on gut oder ein­fach ein Hirn­ge­spinst?

Ein Ve­lo für Geh­be­hin­der­te

Saun­ders nennt kon­kre­te Zah­len: 3000 Ac­tiva­tors konn­te die Or­ga­ni­sa­ti­on SHEEO in Ka­na­da, den USA und Neu­see­land ge­win­nen. Drei Mil­lio­nen Dol­lar be­fin­den sich der­zeit im Geld­topf. Und 32 Frau­en ha­ben be­reits ein Un­ter­neh­men ge­grün­det.

Dar­un­ter die Hol­län­de­rin Bar­ba­ra Alink, die ein er­höh­tes Ve­lo ent­wor­fen hat, mit dem sich al­te und geh­be­hin­der­te Men­schen vor­wärts­be­we­gen – und zwar auf Au­gen­hö­he an­de­rer Pas­san­ten. Alink fiel auf, dass be­ein­träch­tig­te Per­so­nen von der üb­ri­gen Ge­sell­schaft klein ge­macht wer­den: Man setzt sie et­wa in nied­ri­ge Roll­stüh­le. Kön­nen sie sich aber wei­ter­hin auf glei­cher Hö­he fort­be­we­gen wie die Ge­sun­den, füh­len sie sich selbst­be­wuss­ter, sind we­ni­ger an­fäl­lig für De­pres­sio­nen und neh­men mehr am öf­fent­li­chen Le­ben teil.

Un­ter­stüt­zung zu­ge­sagt

Die zwei­stün­di­ge Kick-off-ver­an­stal­tung in Zü­rich, an­ge­rei­chert mit vie­len en­thu­si­as­ti­schen Wer­be­spots, dröh­nen­den Vi­deo­clips und kri­ti­schen Fra­gen aus dem Pu­bli­kum, ist er­geb­nis­of­fen. Am Schluss, beim Apé­ro, kann sich auf ei­ner Lis­te ein­tra­gen, wer ger­ne Ac­tiva­tor wer­den möch­te.

Ei­gent­lich spre­che nichts da­ge­gen, sagt manch ei­ne Be­su­che­rin. 1100 Fran­ken für ei­nen gu­ten Zweck? Sei ja ei­gent­lich gar nicht so viel, wenn man es ge­nau be­den­ke.

Laut den Ver­an­stal­te­rin­nen ha­ben schliess­lich ge­gen 40 Schwei­ze­rin­nen ge­sagt, dass sie ger­ne mit­ma­chen wür­den, und vie­le hät­ten be­reits Un­ter­stüt­zung via ih­re Netz­wer­ke an­ge­bo­ten. Vi­el­leicht gibt es bald ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on SHEEO Swit­z­er­land. Es wä­re der ers­te Ab­le­ger in Eu­ro­pa.

Fo­to: Dah­lia Katz

Die För­der­gel­der sol­len stän­dig in Be­we­gung blei­ben, schwebt Vi­cki Saun­ders vor.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.