Der Preis für sein Ein­grei­fen ist hoch

Es ge­schah in der Zürcher Ci­ty: Ein jun­ger Mann mischt sich in ei­nen Streit zwi­schen ei­nem un­be­kann­ten Mann und ei­ner Frau ein – und lan­det im Spi­tal.

Tages Anzeiger - - Zürich - Ste­fan Hoh­ler

«Mann nach tät­li­chem An­griff im Kreis 1 ver­letzt», so lau­te­te der Zeu­gen­auf­ruf der Stadt­po­li­zei Zü­rich vom Mon­tag. Am frü­hen Sonn­tag­mor­gen war ein Mann von zwei Män­nern tät­lich an­ge­grif­fen wor­den, als er ei­nen Streit zwi­schen den bei­den und ei­ner Frau schlich­ten woll­te. Das Op­fer muss­te mit er­heb­li­chen Ver­let­zun­gen ins Spi­tal ge­bracht wer­den. Bei ihm han­delt es sich um den 28-jäh­ri­gen Sil­vio Ros­si (Na­me ge­än­dert). Der Bü­ro­an­ge­stell­te war mit ei­nem gu­ten Freund im Aus­gang, als er kurz vor 4 Uhr an der St.-pe­ter-stras­se un­weit des Pa­ra­de­plat­zes ei­nen Streit zwi­schen zwei Män­nern und ei­ner Frau hör­te. «Ei­ner von ih­nen, ein Kas­ten von ei­nem Typ, hat die Frau hef­tig ver­bal be­droht und an­ge­schrien.»

Schlag von hin­ten auf die Schlä­fe

Da die Frau laut schrie, sag­te Sil­vio Ros­si sinn­ge­mäss zum Mann, dass er auf­hö­ren sol­le, an­sons­ten er die Po­li­zei ru­fe. Als der Un­be­kann­te ihn an­sah und frag­te, ob er ein Pro­blem ha­be, woll­te Ros­si wei­ter­ge­hen. «Ei­ne Se­kun­de spä­ter lag ich am Bo­den», schil­dert er. Der et­wa 190 Zen­ti­me­ter gros­se Typ ha­be ihm von der Sei­te oder von hin­ten auf die Schlä­fe ge­schla­gen, wor­auf er nur noch schwarz sah. «Als ich mich halb bei Be­wusst­sein am Bo­den wälz­te, trat er mich min­des­tens noch ein wei­te­res Mal ins Ge­sicht.» Am Bo­den in ei­ner Blut­la­che lie­gend, folg­ten dann noch zwei Trit­te, an die er sich nur noch va­ge er­in­nern kann.

Frau ver­schwin­det mit dem Ag­gres­sor

Im Spi­tal stell­ten die Ärz­te bei Sil­vio Ros­si ein Schä­del-hirn­T­rau­ma und un­ter den Au­gen ei­ne Or­bi­ta­wand­frak­tur fest. Au­gen­braue und Hin­ter­kopf muss­ten ge­näht wer­den. Er muss­te zwei Ta­ge im Spi­tal blei­ben, hat auch heu­te noch im­mer hef­ti­ge Kopf­schmer­zen. Doch mehr als die kör­per­li­chen be­schäf­ti­gen ihn die see­li­schen Schmer­zen: Er hat Angs­tat­ta­cken und kann nicht schla­fen.

Dass ein Mensch so ag­gres­siv zu­schla­gen kann, ist für ihn un- ver­ständ­lich. «Die­se Skru­pel­lo­sig­keit und die Wut», sagt Sil­vio Ros­si, «sind ein­fach nicht nach­voll­zieh­bar.» Es schien, als ha­be der Typ nur dar­auf ge­war­tet, auf je­man­den ein­zu­prü­geln. Der 28-Jäh­ri­ge will sich nicht vor­stel­len, was pas­siert wä­re, wenn nicht Pas­san­ten ein­ge­schrit­ten wä­ren. Ob die Män­ner un­ter Dro­gen stan­den, weiss er nicht. Sil­vio Ros­si macht sich im­mer wie­der Ge­dan­ken, ob er et­was falsch ge­macht ha­be. Hand­kehrum ist er über­zeugt, dass man Zi­vil­cou­ra­ge zei­gen müs­se. Vor al­lem, wenn ei­ne Frau be­droht wer­de. Dass die Frau of­fen­bar zu den bei­den Män­nern ge­hör­te und mit ih­nen da­von­ging, oh­ne sich um ihn zu küm­mern, be­schäf­tigt ihn zu­sätz­lich. Es sei ein fei­ges Ver­hal­ten, ei­ne Per­son, die sich für ei­nen ein­set­ze, ein­fach lie­gen zu las­sen. Er hat sich in­zwi­schen an die kan­to­na­le Op­fer­hil­fe­stel­le ge­wen­det und hat dem­nächst ei­nen Ter­min.

Der Schlä­ger hat ei­ne ath­le­ti­sche Sta­tur und ei­nen Bart. In der Kopf­mit­te wa­ren die Haa­re län­ger, auf der Sei­te kurz ra­siert. Er trug ei­nen hel­len Pull­over mit V-aus­schnitt und sprach Schwei­zer­deutsch mit ei­nem Se­con­doAk­zent. Der zwei­te Mann war cir­ca 175 Zen­ti­me­ter gross und sprach eben­falls Schwei­zer­deutsch. Die bei­den Män­ner und die Frau sind trotz Zeu­gen­auf­ruf der Po­li­zei wei­ter­hin un­be­kannt. Hin­wei­se sind an die Stadt­po­li­zei Zü­rich (Te­le­fon 044 411 71 17) zu rich­ten. Die hier er­wähn­te Ge­schich­te weist Par­al­le­len auf zu ei­nem Fall von – nicht ver­ba­ler, son­dern tät­li­cher – Ge­walt ge­gen Frau­en im Nie­der­dorf. Mit­te Sep­tem­ber sind zwei Frau­en in den frü­hen Mor­gen­stun­den an der Ver­zwei­gung Hä­ring-/zäh­rin­ger­stras­se von ei­nem 35-jäh­ri­gen Ta­mi­len in Be­glei­tung ei­nes 33-jäh­ri­gen Lands­manns am Kopf ver­letzt wor­den.

Ta­mi­le bleibt in Un­ter­su­chungs­haft

Der 35-Jäh­ri­ge soll ei­ner Frau ei­ne Bier­fla­sche an den Kopf ge­wor­fen und der an­de­ren mit der Faust mit­ten ins Ge­sicht ge­schla­gen und ihr den Kie­fer ge­bro­chen ha­ben. Da­bei setz­te sich ein 22-jäh­ri­ger Ta­mi­le für die Frau­en ein, wor­auf es mut­mass­lich zu ei­ner wilden Schlä­ge­rei kam. Die Stadt­po­li­zei ver­haf­te­te al­le drei Ta­mi­len nach der Spi­tal­be­hand­lung. Laut der zu­stän­di­gen Staats­an­wäl­tin be­fin­det sich der 35-Jäh­ri­ge wei­ter­hin in Un­ter­su­chungs­haft. Die bei­den an­de­ren Män­ner sind Mit­te/en­de Ok­to­ber aus der U-haft ent­las­sen wor­den.

Fo­to: PD

Schlim­mer als die kör­per­li­chen Schmer­zen sei­en die psy­chi­schen Fol­gen, sagt das Op­fer.

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