Der Ver­kehrs­streit flammt wie­der auf

Die Bür­ger­li­chen müs­sen in der Stadt Zü­rich in Ver­kehrs­fra­gen im­mer wie­der Nie­der­la­gen ein­ste­cken, weil die Lin­ke stär­ker ist. Jetzt will das Kan­tons­par­la­ment, in dem die Rech­te die Mehr­heit hat, Zü­rich und Win­ter­thur an die Kan­da­re neh­men.

Tages Anzeiger - - Zürich - Pas­cal Un­ter­näh­rer und Beat Metz­ler

Tem­po 30 am Ri­gi­platz, test­wei­se nächt­li­ches Tem­po 30 auf di­ver­sen Stras­sen, Spur­re­duk­ti­on am Uto­quai, ein Am­pel­re­gime auf den Ein­fal­lach­sen, das den Ver­kehr nur tröpf­chen­wei­se in die Stadt lässt: Die Be­mü­hun­gen der Stadt Zü­rich, die Be­völ­ke­rung vor Lärm zu schüt­zen, sind den Bür­ger­li­chen ein Graus. Sie be­zich­ti­gen die Stadt, Au­to­fah­rer zu ver­grau­len und an der Stadt­gren­ze stop­pen zu wol­len. Die Crux: Die Stadt darf Tem­po-30Schil­der auf Haupt­stras­sen stel­len, so­lan­ge sie kei­ne bau­li­chen Mass­nah­men er­greift. Auch darf sie Licht­si­gna­le sel­ber ein­stel­len.

Ge­gen die­se Aus­nah­me­re­ge­lung in der kan­to­na­len Si­gna­li­sa­ti­ons­ver­ord­nung hat der frü­he­re Fdp-ge­mein­de­rat und heu­ti­ge Kan­tons­rat Marc Bour­geois zu­sam­men mit Al­li­ier­ten aus SVP und BDP ei­nen Vor­stoss im Kan­tons­rat ein­ge­reicht, der ihn 2016 prompt mit 98 ge­gen 71 Stim­men an den Re­gie­rungs­rat über­wie­sen hat. Die­ser war er­freut und kün­dig­te an, «An­pas­sun­gen» an der Ver­ord­nung zu prü­fen. Der Re­gie­rungs­rat, der die Ver­ord­nung in Ei­gen­re­gie än­dern darf, de­le­gier­te die Auf­ga­be an Volks­wirt­schafts­di­rek­to­rin Car­men Wal­ker Späh (FDP). In der Ant­wort auf Bour­geois’ Vor­stoss be­zog sich die Re­gie­rung auf den Spur­ab­bau am Uto­quai. Die­sen hat­te die Stadt ge­richt­lich durch­ge­setzt, und der Kan­ton muss­te ein­se­hen, dass sei­ne Macht auf den Stadt­zür­cher Ver­kehrs­ach­sen be­schränkt ist.

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Nun soll der Ein­fluss der Städ­te Zü­rich und Win­ter­thur, die in Stras­sen­fra­gen seit 1981 ei­nen Son­der­sta­tus ha­ben, be­schnit­ten wer­den. Die Ver­kehrs­kom­mis­si­on des Kan­tons­rats (Ke­vu) hat meh­re­re par­la­men­ta­ri­sche Initia­ti­ven be­han­delt, die das kan­to­na­le Stras­sen­ge­setz än­dern wol­len. Mit 9 zu 6 Stim­men wur­den die bei­den zen­tra­len Vor­stös­se an­ge­nom­men, wie ges­tern öf­fent­lich wur­de. Da­für ha­ben sich SVP, FDP, CVP, BDP und EDU aus­ge­spro­chen, da­ge­gen SP, GLP, Grü­ne und EVP.

Der schärfs­te Vor­stoss stamm­te aus der Fe­der von Jürg Trach­sel (SVP, Rich­ters­wil), der heu­te kan­to­na­ler Om­buds­mann ist. Er woll­te zu­sam­men mit Ri­co Bra­zerol (BDP, Hor­gen) und Heinz Ky­burz (EDU, Män­ne­dorf) den bei­den Gross­städ­ten al­le Kom­pe­ten­zen auf den Haupt­stras­sen ent­zie­hen. Die Ke­vu hat das Vor­ha­ben über­nom­men, aber ab­ge­mil­dert. Der zwei­te Haupt­vor­stoss kam von Alex Gant­ner (FDP, Maur), Mar­cel Leng­gen­ha­ger (BDP, Gos­sau) und Tho­mas Vo- gel (FDP, Ill­nau-ef­fre­ti­kon). De­ren Stoss­rich­tung war die­sel­be: Die Kom­pe­ten­zen zwi­schen den Städ­ten und dem Kan­ton sol­len neu ge­re­gelt wer­den. Kon­kret soll­te der Kan­ton neu bei Stras­sen­bau­vor­ha­ben von über 6 Mil­lio­nen Fran­ken den Le­ad ha­ben. Das­sel­be gilt für Stras­sen­pro­jek­tie­run­gen, wel­che 300 000 Fran­ken über­stei­gen.

Neu­auf­la­ge von 2010

Man­che mö­gen nun ein Déjà-vu ha­ben. Tat­säch­lich ent­spricht Gant­ners Vor­stoss weit­ge­hend ei­ner Vor­la­ge aus dem Jahr 2010. Und die­se hat­te es in sich. Die da­ma­li­ge Volks­wirt­schafts­di­rek­to­rin Ri­ta Fuh­rer (SVP) hat­te nach jah­re­lan­gen Que­re­len mit der Stadt Zü­rich ge­nug und schlug die Ent­mach­tung der Städ­te in Stras­sen­fra­gen vor. Zü­rich und Win­ter­thur wehr­ten sich, fan­den aber nur bei den Lin­ken Ge­hör.

Doch der Kan­tons­rat ver­biss sich in die Vor­la­ge, dreh­te ei­ni­ge Pi­rou­et­ten, bis die Re­vi­si­on im No­vem­ber 2011 mit 125 zu 39 Stim­men ver­wor­fen wur­de. Da­nach frag­ten sich die Bür­ger­li- chen ver­wun­dert, wie ei­ne Vor­la­ge hoch­kant schei­tern konn­te, die im Par­la­ment mehr­heits­fä­hig war. Ver­ant­wort­lich war letzt­lich die SVP, die kei­ne Tem­po20-Zo­nen und kei­ne Prio­ri­sie­rung des öf­fent­li­chen Ver­kehrs woll­te – Ne­ben­as­pek­te des Stras­sen­ge­set­zes. Fuh­rers Nach­fol­ger Ernst Sto­cker (SVP) hat­te bis zu­letzt für die Vor­la­ge ge­kämpft. In ei­nem letz­ten Auf­ruf be­schwor er den Kan­tons­rat: «Wenn links und rechts nicht zu­frie­den sind, lie­gen wir mit un­se­rem Vor­schlag gar nicht so schlecht», sag­te er. Doch da­nach konn­te sich die Lin­ke ins Fäust­chen la­chen. Und die Städ­te wa­ren froh, dass es beim Sta­tus quo blieb.

Nun al­so die Neu­auf­la­ge, wel­che vor­aus­sicht­lich nach den Wah­len im Früh­ling 2019 ins Rats­ple­num kommt. Die Bür­ger­li­chen sind ge­willt, es die­ses Mal bes­ser zu ma­chen. Mit dem Ent­scheid der Kom­mis­si­on sei man auf gu­tem Weg, sagt der Stadt­zür­cher Fdp-kan­tons­rat Marc Bour­geois, der die Ent­mach­tung der Stadt mit­an­ge­stos­sen hat. Wer ei­ne Stras­se zah­le, sol­le auch die Re­geln dar­auf be­stim­men. Noch wich­ti­ger sei die er­wähn­te Si­gna­li­sa­ti­ons­ver­ord­nung, fin­det er. Da­rin wird ge­re­gelt, ob der Kan­ton oder die Städ­te auf den Kan­tons­stras­sen das Tem­po fest­le­gen dür­fen. Auch Ver­kehrs­po­li­ti­ker Chris­ti­an Lucek von der SVP be­tont die Be­deu­tung der Si­gna­li­sa­ti­ons­ver­ord­nung. «Ich hof­fe sehr, dass der Re­gie­rungs­rat sie in un­se­rem Sinn an­passt.» Der Kan­ton müs­se die Tem­po­li­mi­ten auf den ei­ge­nen Stras­sen sel­ber fest­le­gen kön­nen. Ein Tri­umph über Zü­rich sei das aber nicht.

Die Re­gie­run­gen der be­trof­fe­nen Städ­te Zü­rich und Win­ter­thur woll­ten beim jet­zi­gen Stand des Ge­schäfts kei­ne Stel­lung be­zie­hen. Ih­re Ver­tre­ter ha­ben aber bei der Ke­vu vor­ge­spro­chen.

Neue Har­mo­nie ge­fähr­det

Ganz an­ders die SP. Ge­mäss Kan­tons­rat Fe­lix Hoesch, dem ein­zi­gen Stadt­zür­cher in der Ke­vu, steht das gu­te Ver­hält­nis zwi­schen dem Kan­ton und der Stadt auf dem Spiel. Tat­säch­lich hat­te sich seit dem Ab­gang Fuh­rers der Dia­log ver­sach­licht. Die «Macht- de­mons­tra­ti­on» des Kan­tons er­ge­be kei­nen Sinn, fin­det Hoesch. Das kan­to­na­le Tief­bau­amt müss­te Leu­te an­stel­len, und bis die­ses gut auf­ge­stellt sei, herr­sche auf den Zürcher Stras­sen Still­stand. Aus­ser­dem müss­te der Kan­ton wei­ter­hin eng mit der Stadt ar­bei­ten, weil die­se bei Stras­sen­bau­ten die Ge­le­gen­heit nut­ze, Werk­lei­tun­gen zu er­set­zen. Hoesch ist auch der Mei­nung, dass der Kan­ton ris­kie­re, den Good­will des Zürcher Stadt­rats beim The­ma Ro­sen­gar­ten­tun­nel zu ver­lie­ren – was ihm per­sön­lich ei­ner­lei ist: «Ich wür­de mich freu­en, wenn der Stadt­rat sein Ja zum Tun­nel über­denkt», sagt Hoesch. SP, Grü­ne und AL sind ge­gen das Mil­li­ar­den­pro­jekt.

Die Sp-sek­tio­nen von Zü­rich und Win­ter­thur kön­nen sich vor­stel­len, die Städ­te da­bei zu un­ter­stüt­zen, das Ge­mein­de­re­fe­ren­dum ge­gen das neue Stras­sen­ge­setz zu er­grei­fen. Das Pro­blem da­bei: «Ich glau­be nicht, dass ein sol­ches im Kan­ton ei­ne Chan­ce hät­te», sagt die Zürcher SP-GE­mein­de­rä­tin Si­mo­ne Brander.

Fo­to: Urs Jau­das

Der Kan­ton will die Kom­pe­ten­zen der Städ­te beim Ver­kehr ein­schrän­ken – ei­ne Neu­auf­la­ge ei­nes An­lie­gens, das 2011 schei­ter­te.

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