Br­ex­i­teers in der Bre­douil­le

Dass Gross­bri­tan­ni­ens Aus­tritt aus der EU oh­ne Ver­trag nur Cha­os brin­gen wür­de, wis­sen jetzt auch die Hard­li­ner.

Tages Anzeiger - - Meinungen -

Nach zwei­ein­halb qual­vol­len Jah­ren bahnt sich nun mit Hoch­ge­schwin­dig­keit ein ech­ter Wan­del bei den Br­ex­it­ver­hand­lun­gen an. Der ei­ser­ne Griff, mit dem die Br­ex­i­teers die bri­ti­sche Po­li­tik so lan­ge fest­hiel­ten, lo­ckert sich. Die Dro­hun­gen zie­hen nicht mehr.

Bis vor kur­zem noch glaub­ten ja selbst mo­de­ra­te To­ries und die meis­ten Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker, dass es zur ra­di­ka­len Ab­kop­pe­lung von Eu­ro­pa kei­ne Al­ter­na­ti­ve gä­be. Das, wur­de ih­nen vor­ge­hal­ten, ha­be «der Volks­wil­le» so ge­wollt.

Wer dar­über klag­te, dass Br­ex­it-hard­li­ner wie Bo­ris John­son ih­ren Lands­leu­ten beim Re­fe­ren­dum Schwin­del­ge­schich­ten er­zählt hat­ten, wur­de ge­ra­de­zu des Lan­des­ver­rats be­zich­tigt. Die 48 Pro­zent, die ge­gen den Aus­tritt ge­stimmt hat­ten und in der Fol­ge Kom­pro­mis­se ver­lang­ten, tat man als üb­le Que­ru­lan­ten ab.

Ih­rer­seits ein­ge­schüch­tert, folg­te auch The­re­sa May lan­ge den Vor­ga­ben ei­ner na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Min­der­heit bei den To­ries. Um sich al­ler Kri­ti­ker ih­res Kur­ses zu ent­le­di­gen, ver­such­te sie so­gar im­mer wie­der, das Par­la­ment zum Ver­stum­men zu brin­gen. Die­se Wo­che aber hat Bri­tan­ni­ens Par­la­ment be­gon­nen, sich sei­ner Rol­le als Sou­ve­rän des Lan­des zu er­in­nern. Es hat sich, in schö­ner Iro­nie, den Br­ex­it-slo­gan der «Wie­der­an­eig­nung der Kon­trol­le» an­ge­eig­net. Die «Mut­ter der Par­la­men­te» will wie­der das Sa­gen ha­ben über das, was pas­siert.

Grün­de für die­ses neue Selbst­be­wusst­sein gibt es vie­le. Mays aus Brüs­sel mit­ge­brach­ter Br­ex­it-deal hat die Par­la­men­ta­ri­er mit der Rea­li­tät kon­fron­tiert. Ein Aus­wei­chen, ein Hin­aus­zö­gern ist nicht mehr mög­lich. Am Di­ens­tag ist die Ab­stim­mung.

Vie­len Ab­ge­ord­ne­ten ist plötz­lich be­wusst ge­wor­den, dass ih­nen kaum mehr Zeit bleibt, «das Schlimms­te» zu ver­hin­dern. Was die­ses «Schlimms­te» ist, ha­ben Fir­men­bos­se, Öko­no­men, das Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um und zu­letzt der Gou­ver­neur der Bank von En­g­land der Na­ti­on in Form von Ka­ta­stro­phen­pro­gno­sen deut­lich ge­macht.

Mit ei­nem Mal ist, was lan­ge nicht laut ge­sagt wer­den durf­te, hör­bar ge­wor­den. Par­la­men­ta­ri­er spre­chen of­fen über Wahl­kampf­be­trug und über die Lü­gen der Ver­gan­gen­heit. Den ro­si­gen Mor­gen­däm­mer neu­er glo­ba­ler Grösse und glo­rio­ser künf­ti­ger Han­dels­ver­trä­ge, die dem Land ver­spro­chen wur­den, ver­mag beim bes­ten Wil­len am Ho­ri­zont nie­mand aus­zu­ma­chen. Dort steht nur Do­nald Trump.

Auch bis­her stumm ge­blie­be­ne Volks­ver­tre­ter fin­den mitt­ler­wei­le, dass beim Re­fe­ren­dum von 2016 kein Wäh­ler da­für ge­stimmt ha­be, durch den Aus­tritt aus der EU, und vor al­lem durch ei­ne ra­bia­te Ab­kop­pe­lung, är­mer zu wer­den. Nun, da der Br­ex­it kon­kre­te Gestalt an­nimmt, sieht al­les et­was an­ders aus. Und per­plex se­hen sich jetzt Po­li­ti­ker wie John­son der Tat­sa­che ge­gen­über, dass neu­er­dings so­gar der Wunsch nach ei­ner zwei­ten Volks­ab­stim­mung nicht mehr ta­bu ist, son­dern von kon­ser­va­ti­ven Pro-eu­ro­pä­ern of­fen dis­ku­tiert wird.

Vie­le Pa­ro­len der Br­ex­i­teers be­gin­nen, hohl zu klin­gen. Im Lich­te neu­er Er­kennt­nis­se fin­den im­mer mehr Bri­ten, dass die Zeit für ei­ne nüch­ter­ne Be­stan­des­auf­nah­me ge­kom­men sei.

Und Mays Au­to­ri­tät hat schwer ge­lit­ten. Im Par­la­ment selbst hat sie die­se Wo­che gleich meh­re­re wich­ti­ge Ab­stim­mun­gen ver­lo­ren. Ein­mal muss­te die Re­gie­rung sich dreis­te Miss­ach­tung der Volks­ver­tre­tung vor­wer­fen las­sen. Das an­de­re Mal such­te das Un­ter­haus sich Wei­sungs­be­fug­nis ge­gen­über der Exe­ku­ti­ve zu ver­schaf­fen – für den Fall, dass im Ja­nu­ar noch im­mer kei­ne Br­ex­it-lö­sung ge­fun­den ist. Mit die­ser Initia­ti­ve hof­fen Par­la­men­ta­ri­er al­ler Par­tei­en, ei­nen Aus­tritt des Lan­des aus der EU oh­ne ver­trag­li­che Re­ge­lung prak­tisch aus­zu­schlies­sen. Nicht mal aus Ver­se­hen soll es zu ei­nem «Schre­cken oh­ne En­de», zu ei­nem «Stol­pern in den Ab­grund» kom­men im nächs­ten März.

Da­mit ist die «No Deal»-op­ti­on, die auch The­re­sa May im­mer gern als po­li­ti­sche Waf­fe be­nutz­te, zwar noch nicht aus der Welt ge­schafft. Das Ri­si­ko, dass es so weit kommt, ist aber we­sent­lich re­du­ziert wor­den. Ein zu neu­em Le­ben er­wach­tes Par­la­ment wehrt sich erst­mals ernst­haft ge­gen ei­nen be­den­ken­lo­sen Plan.

Wie geht es wei­ter? Dass Br­ex­it-hard­li­ner in letz­ter Mi­nu­te noch auf The­re­sa Mays Deal ein­schwen­ken, um we­nigs­tens «et­was Br­ex­it» zu ret­ten, ist nicht ganz aus­zu­schlies­sen, je­doch höchst un­wahr­schein­lich. Zu ver­här­tet sind die Fron­ten für ei­nen spä­ten Kom­pro­miss.

Ver­liert May aber, braucht Lon­don ei­nen Plan B. Der könn­te im Ge­such um zeit­li­chen Auf­schub und in zü­gi­ger Aus­hand­lung ei­ner neu­en Form en­ger As­so­zia­ti­on mit der EU be­ste­hen. Oder in ei­ner Be­fra­gung der Be­völ­ke­rung zur ak­tu­el­len La­ge: Ist das, was sich ihm jetzt bie­tet, wirk­lich das, was Gross­bri­tan­ni­en will?

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.