Vom Sieg fast er­schla­gen

Erst fei­er­te die CDU ih­re nach 18 Jah­ren ab­tre­ten­de Par­tei­che­fin An­ge­la Mer­kel, dann wähl­te sie de­ren Wunsch­kan­di­da­tin An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er zur Nach­fol­ge­rin. Für die Kon­ser­va­ti­ven in der Par­tei war es ei­ne ka­pi­ta­le Nie­der­la­ge.

Tages Anzeiger - - International - Do­mi­ni­que Ei­gen­mann, Ham­burg

Mi­nu­ten­lang stand sie da, mit Freu­den­trä­nen im Ge­sicht. Im­mer wie­der schlug sie die Hand vor den Mund, wie nie­der­ge­schmet­tert von dem bis­her gröss­ten Tri­umph ih­rer Kar­rie­re. Hauch­dünn nur, mit 517 zu 482 Stim­men, hat­te An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er beim Kampf um den Vor­sitz der Christ­lich­de­mo­kra­ti­schen Uni­on Fried­rich Merz ge­schla­gen.

Un­ter dem Ju­bel ih­rer An­hän­ger und dem Ap­plaus der Hal­le ging die 56-Jäh­ri­ge auf ih­ren stärks­ten Kon­kur­ren­ten zu und liess sich von die­sem be­glück­wün­schen. Jens Spahn, den drit­ten Kan­di­da­ten, um­arm­te sie. Auf der Büh­ne wur­de sie von An­ge­la Mer­kel er­war­tet, ih­rer Vor­gän­ge­rin im Amt, ih­rer För­de­rin und Im­mer-noch-kanz­le­rin. Sel­ten hat man die Meis­te­rin der Macht so un­be­fan­gen strah­len se­hen wie in dem Mo­ment, als sie die zier­li­che Saar­län­de­rin herz­haft um­fass­te. Und Kramp-kar­ren­bau­er stell­te sich hin, wink­te ins Pu­bli­kum, mit Trä­nen in den Au­gen.

Was ge­nau den Aus­schlag für Kramp-kar­ren­bau­er ge­ge­ben hat, wird man nie wis­sen, so knapp war das Re­sul­tat. Zu ver­mu­ten ist, dass die Re­den auf der Büh­ne eher das Ge­gen­teil von dem be­wirk­ten, was vie­le Be­ob­ach­ter er­war­tet hat­ten. Kramp­kar­ren­bau­er hielt ei­ne kämp­fe­ri­sche, emo­tio­na­le, ge­schickt um den Be­griff «Mut» kom­po­nier­te Re­de, wohl ei­ne ih­rer bes­ten über­haupt.

Merz’ ver­pass­te Chan­ce

Merz, der als ei­ner der gröss­ten Red­ner der deut­schen Po­li­tik gilt, blieb hin­ter sei­nen Mög­lich­kei­ten weit zu­rück. Er über­zog die vor­ge­ge­be­ne Zeit von 20 Mi­nu­ten um die Hälf­te und wur­de kaum kon­kret, als er von ei­nem «Stra­te­gie­wech­sel» sprach, den die CDU drin­gend be­nö­ti­ge. So liess sich sein Ver­spre­chen von «Auf­bruch» und «Klar­heit» am En­de le­dig­lich an sei­nem My­thos fest­ma­chen.

So sehr wie Kramp-kar­ren­bau­ers Sieg auch für Mer­kel ein grosser Sieg war, so sehr war Merz’ Nie­der­la­ge ein schmerz­haf­ter Fehl­schlag für al­le Kon­ser­va­ti­ven und Wirt­schafts­li­be­ra­len in der Par­tei – be­son­ders für Merz’ wich­tigs­ten Un­ter­stüt­zer Wolf­gang Schäu­b­le. Die graue Emi­nenz, die in ih­rer glanz­vol­len Kar­rie­re we­gen Mer­kel nicht Kanz­ler und auch nicht Bun­des­prä­si­dent ge­wor­den war, hat­te vor dem Par­tei­tag ein letz­tes Mal ge­gen sei­ne al­te Ri­va­lin auf­be­gehrt und sich mit Pa­thos («Sei­ne Wahl wä­re das Bes­te für un­ser Land») hin­ter sei­nen Freund Merz ge­stellt. So fiel dem 76-Jäh­ri­gen nun auch die­se Nie­der­la­ge auf die Füs­se.

In der Stich­wahl war ent­schei­dend ge­we­sen, wer die 157 Stim­men von Jens Spahn er­ben wür­de, der nach dem ers­ten Wahl­gang aus­schied. Po­li­tisch und auch vom Ha­bi­tus her steht Spahn Merz er­heb­lich nä­her als Kramp­kar­ren­bau­er. Es ver­wun­der­te des­we­gen nicht, dass Merz die Mehr­heit von des­sen Stim­men ge­wann. Dass aber 67 Spahn-an­hän­ger am En­de die Saar­län­de­rin wähl­ten, brach­te die­ser den Sieg. Ver­mut­lich nicht zu Un­recht ver­spre­chen sich der 38-jäh­ri­ge Spahn und sei­ne meist eben­falls jun­gen Mit­strei­ter un­ter der in­te­gra­ti­ven Kramp-kar­ren­bau­er ei­ne güns­ti­ge­re Zu­kunft als un­ter dem ego­zen­tri­schen 63-jäh­ri­gen Rück­keh­rer Merz.

Ein Takt­stock für Mer­kel

An­ge­la Mer­kel hat­te zu­vor ihr Amt mit ei­ner ein­schlä­fernd pas­to­ra­len Re­de, aber viel Wür­de ab­ge­ge­ben. Sie nahm kei­ner­lei di­rek­ten Be­zug zum Kampf um ih­re Nach­fol­ge, so wie sie auch Kramp-kar­ren­bau­er zu kei­nem Mo­ment öf­fent­lich un­ter­stützt hat­te. Zu ei­nem in­di­rek­ten Sei­ten­hieb auf Merz, ih­ren Ri­va­len am En­de der Ära von Helmut Kohl, liess sie sich dann doch noch hin­reis­sen: «Un­se­re CDU ist heu­te ei­ne an­de­re als in den 2000er-jah­ren – und das ist gut so.» Die Par­tei müs­se nun in die Zu­kunft bli­cken, nicht in die Ver­gan­gen­heit.

«In die­ser St­un­de bin ich von ei­nem ein­zi­gen Ge­fühl er­füllt», schloss Mer­kel. «Von Dank­bar­keit. Es war mir ei­ne gros­se Freu­de und ei­ne Eh­re.» Die 1000 De­le­gier­ten ap­plau­dier­ten ihr ste­hend zehn Mi­nu­ten lang, und am En­de wirk­te so­gar die meist so nüch­ter­ne Kanz­le­rin ge­rührt. Da­bei war es ja noch nicht ein­mal ein rich­ti­ger Ab­schied ge­we­sen, im­mer­hin be­hält sie ja ihr wich­tigs­tes Amt. Als Ge­schenk er­hielt sie ei­nen Takt­stock des an der Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie di­ri­gie­ren­den Kent Na­ga­no. «Mit mei­ner gröss­ten Ver­eh­rung für An­ge­la Mer­kel, die wich­tigs­te Di­ri­gen­tin der Welt­po­li­tik», schrieb der Ame­ri­ka­ner da­zu.

Nach Mer­kels Ab­schied ver­lang­te Merz in sei­ner Re­de ei­nen an­de­ren Um­gang mit der AFD, de­ren Auf­stieg sei­ne Par­tei mit «Ach­sel­zu­cken» zur Kennt­nis ge­nom­men ha­be. So hat­te er es je­den­falls vor dem Par­tei­tag ge­sagt, sehr zum Är­ger des Mer­kella­gers. In Ham­burg for­mu­lier­te er es an­ders. Er be­strei­te nicht, dass in der CDU der Wil­le herr­sche, Wäh­ler von der AFD zu­rück­zu­ge­win­nen. «Aber es ge­lingt uns eben nicht.»

Mehr Mut

Auch Mer­kels Lieb­lings­tak­tik, dem Streit mit dem po­li­ti­schen Geg­ner aus­zu­wei­chen, um des­sen An­hän­ger nicht zu mo­bi­li­sie­ren, sei längst aus der Zeit ge­fal­len. «Die Aus­zeh­rung des po­li­ti­schen Streits in der Mit­te ver­la­gert die­sen an die Rän­der.» Oh­ne kla­re­re Po­si­tio­nen wer­de man auch kei­ne bes­se­ren Wah­l­er­geb­nis­se mehr ho­len. Des­we­gen sei ein Stra­te­gie­wech­sel drin­gend nö­tig. Wo­rin die­ser ge­nau be­ste­hen und wie er sich von den be­reits ge­schei­ter­ten Ver­su­chen un­ter­schei­den soll­te, sag­te Merz frei­lich nicht.

Kramp-kar­ren­bau­er for­der­te in ih­rer Re­de mehr Zu­ver­sicht, Ei­gen­stän­dig­keit und Mut. «Ha­ben wir den Mut, nicht den Schwarz­ma­lern hin­ter­her­zu­lau­fen! Ha­ben wir den Mut, nicht ängst­lich nach rechts und nach links zu schau­en, son­dern mit un­se­ren ei­ge­nen Ide­en zu über­zeu­gen!» Die CDU müs­se sich über­dies trau­en, ih­re Kom­fort­zo­ne zu ver­las­sen, um bei den schwie­ri­gen The­men – der Zu­kunft des So­zi­al­staats, Mi­gra­ti­on und Si­cher­heit, Eu­ro­pa – bes­se­re Lö­sun­gen zu fin­den.

Die CDU dür­fe nicht sa­gen, «man soll­te und müss­te». Zäh­len tue ein­zig: «Wir ma­chen!» Zum Schluss va­ri­ier­te sie das Mot­to, das sie bei ih­rer Re­de als an­ge­hen­de Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin spon­tan ge­fun­den hat­te, und ver­sprach: «Wir kön­nen das. Wir wol­len das. Wir wer­den das.» Drei St­un­den spä­ter hat­te sie Trä­nen der Freu­de in den Au­gen.

Fo­to: Reu­ters

An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er und An­ge­la Mer­kel: Die neu ge­wähl­te und die ab­ge­tre­te­ne Cdu-che­fin strah­len um die Wet­te.

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