An­ge­la Mer­kels Schat­ten ist noch lang

Die CDU hat den of­fe­nen Bruch mit ih­rer «Über­mut­ter» Mer­kel ver­mie­den. Künf­ti­ge Wahl­sie­ge ga­ran­tiert das noch nicht.

Tages Anzeiger - - International - Do­mi­ni­que Ei­gen­mann

Hät­te der Par­tei­tag Fried­rich Merz ge­wählt, den al­ten An­ti­po­den, hät­te die CDU spek­ta­ku­lär mit An­ge­la Mer­kel ge­bro­chen, zu­min­dest sym­bo­lisch. Doch am En­de schreck­te die Par­tei knapp da­vor zu­rück – trotz al­ler Be­geis­te­rung, die der Rück­keh­rer bei sei­nen kon­ser­va­ti­ven Fans aus­ge­löst hat.

Statt für Merz vo­tier­te die CDU für An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er, von der al­le wuss­ten, dass sie Mer­kels Wunsch­kan­di­da­tin war. Dies be­legt nicht nur, wie lang der Schat­ten der «ewi­gen Kanz­le­rin» selbst am En­de ih­rer Ära noch ist. Vie­le De­le­gier­te wei­ger­ten sich wohl auch schlicht, ei­nen Teil ih­rer Par­tei­ge­schich­te zu de­men­tie­ren, in­dem sie aus­ge­rech­net dem his­to­ri­schen «An­ti-mer­kel» Merz ih­re CDU an­ver­trau­ten. Hät­ten sie da­mit nicht auch ei­nen Teil ih­rer ei­ge­nen Par­tei­ar­beit nach­träg­lich zum Irr­tum er­klärt? Für nicht we­ni­ge De­le­gier­te war das Vo­tum für Kramp-kar­ren­bau­er ver­mut­lich auch ein Akt der Selbst­ach­tung.

Den­noch wur­de die Saar­län­de­rin kei­nes­wegs ge­wählt, weil Mer­kel es so woll­te – eher im Ge­gen­teil. Aber ei­ne Mehr­heit trau­te ihr of­fen­sicht­lich zu, die Par­tei zu er­neu­ern, oh­ne gleich Mer­kels po­li­ti­sches Er­be zu ver­ra­ten, und sie zu­sam­men­zu­hal­ten, ob­wohl die Wi­der­sprü­che und Flieh­kräf­te in der Par­tei in den letz­ten Jah­ren ste­tig ge­wach­sen sind.

Kramp-kar­ren­bau­er kommt nun die Auf­ga­be zu, die CDU von der «Über­mut­ter» Mer­kel zu eman­zi­pie­ren und ihr wie­der ein kla­re­res und zugleich brei­ter ab­ge­stütz­tes Pro­fil zu ver­schaf­fen. Im Un­ter­schied zu Merz, dem be­gna­de­ten Mi­t­reis­ser und Spal­ter, ist die Saar­län­de­rin be­gabt dar­in, Brü­cken zu bau­en. Die­ses Ta­lent ist nun wich­tig, da es dar­um geht, das po­li­ti­sche Spek­trum in der Par­tei wie­der zu ver­brei­tern und auch das kon­ser­va­ti­ve La­ger wie­der stär­ker an den Ent­schei­dun­gen zu be­tei­li­gen. Be­son­ders un­ter den Wirt­schafts­li­be­ra­len, den Wert- und den Na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven in der CDU ist die Ent­täu­schung, dass ihr Hoff­nungs­trä­ger Merz sich nun (wie­der) nicht durch­ge­setzt hat, rie­sig. Kramp-kar­ren­bau­er wird Sor­ge tra­gen müs­sen, dass aus Ent­täu­schung nicht Ver­bit­te­rung und wei­te­re Ab­kehr ent­steht. Die Par­tei wie­der zu­sam­men­zu­füh­ren und dann auch zu­sam­men­zu­hal­ten, wird ih­re ers­te und ei­ne der schwie­rigs­ten Auf­ga­ben sein.

Po­li­tisch wei­ter die Mit­te zu be­set­zen, wie es Kramp-kar­ren­bau­ers Ab­sicht ent­spricht, ist für das Über­le­ben der CDU als Volks­par­tei zwar stra­te­gisch wich­tig. Es ga­ran­tiert aber kei­nes­wegs künf­ti­ge Wah­l­er­fol­ge, wie das de­sas­trö­se Er­geb­nis des Mer­kel-ver­trau­ten Vol­ker Bouf­fier bei den hes­si­schen Land­tags­wah­len im Ok­to­ber ein­drück­lich ge­zeigt hat. Die neue Che­fin muss in den nächs­ten Mo­na­ten zwin­gend star­ke und fri­sche ei­ge­ne Ak­zen­te set­zen, soll die ver­spro­che­ne Er­neue­rung nicht in ei­nem mut- und kraft­lo­sen «Wei­ter so» ver­en­den.

Im Un­ter­schied zu Merz wird es Kramp-kar­ren­bau­er kei­ne gros­se Mü­he be­rei­ten, mit der Kanz­le­rin und ih­rer Gros­sen Ko­ali­ti­on ge­deih­lich zu­sam­men­zu­ar­bei­ten. Über ih­re Aus­sich­ten, der­einst ganz aus Mer­kels Schat­ten zu tre­ten und selbst nach der Kanz­ler­schaft zu grei­fen, wird wo­mög­lich be­reits das nächs­te Jahr ent­schei­den. Stürzt die CDU bei den Eu­ro­pa- und Kom­mu­nal­wah­len im Mai und bei den drei ost­deut­schen Land­tags­wah­len im Herbst wei­ter ab, könn­ten die nun dü­pier­ten Kon­ser­va­ti­ven um Merz, Wolf­gang Schäu­b­le und Jens Spahn ihr die Kan­di­da­tur durch­aus noch ein­mal strei­tig ma­chen. Ru­he wird al­so so schnell kei­ne ein­keh­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.