Kos­ten­los mit Bus und Bahn

Die Re­gie­rung will den öf­fent­li­chen Ver­kehr gra­tis an­bie­ten. Statt Ju­bel gibt es Kri­tik.

Tages Anzeiger - - International - Tho­mas Kirch­ner

Lu­xem­burg hat seit die­ser Wo­che ei­ne neue Re­gie­rung. Es ist mehr oder we­ni­ger die al­te: Li­be­ra­le, So­zi­al­de­mo­kra­ten und Grü­ne set­zen ih­re Ko­ali­ti­on fort. Xa­vier Bet­tel bleibt Pre­mier, und Je­an As­sel­born darf als Aus­sen­und Flücht­lings­mi­nis­ter wei­ter­hin an das Ge­wis­sen der Eu­ro­pä­er ap­pel­lie­ren.

Über­ra­schen­der da­ge­gen sind in­halt­li­che An­kün­di­gun­gen. So will das blau-rot-grü­ne Bünd­nis Her­stel­lung, Kauf und Kon­sum von Can­na­bis für den per­sön­li­chen Be­darf le­ga­li­sie­ren. Das wä­re ei­ne Pre­mie­re in der EU. Noch mehr Be­ach­tung fin­det der Plan, die Be­nut­zung des ge­sam­ten öf­fent­li­chen Ver­kehrs (ÖV) im Land, in­klu­si­ve Bahn, bis 2020 kos­ten­los für al­le zu ma­chen. Das gibt es sonst nir­gends in der Welt. Statt Ju­bel ist aber über­wie­gend Kri­tik zu hören, von meh­re­ren Sei­ten.

Die Idee stammt aus dem Wahl­pro­gramm der Li­be­ra­len, die So­zi­al­de­mo­kra­ten for­dern seit län­ge­rem das­sel­be. Die Par­tei­en se­hen dar­in ein Mit­tel, die Luft zu ver­bes­sern und die gra­vie­ren­den Ver­kehrs­pro­ble­me zu lindern. Rund um die Haupt­stadt kommt es re­gel­mäs­sig zu zer­mür­ben­den Staus, nicht zu­letzt we­gen der 190 000 Pend­ler, die täg­lich aus Frank­reich, Bel­gi­en und Deutsch­land nach Lu­xem­burg fah­ren.

Dar­an wird der Gra­tis-öv wohl nichts än­dern. Und ob die Lu­xem­bur­ger um­stei­gen, ist frag­lich. Sie lie­ben ihr Au­to und ihr Haus am Stadt­rand oder auf dem Land. Und schon jetzt kos­tet das Bahn­fah­ren we­nig; für zwei Eu­ro kann man Lu­xem­burg durch­que­ren.

My­lè­ne Bi­an­chy, Vor­sit­zen­de der Trans­port­ge­werk­schaft Sy­pro­lux, spricht von ei­nem «ver­gif­te­ten Ge­schenk». Die Idee sei ein Schritt zu­rück: «Was nichts kos­tet, taugt auch nichts.» Bei der Bahn gin­gen Ar­beits­plät­ze ver­lo­ren, aus­ser­dem sol­le das Geld aus dem Ti­cket­ver­kauf lie­ber in ei­nen bes­se­ren ÖV in­ves­tiert wer­den.

Hier gibt es gros­sen In­ves­ti­ti­ons­be­darf. Die Bahn gilt als un­pünkt­lich, oft fal­len Zü­ge aus, das Netz ist ve­r­al­tet. Der al­te Traum von ei­ner lan­des­wei­ten S-bahn scheint bis auf wei­te­res ein Traum zu blei­ben.

Aus­ge­rech­net der grü­ne Ver­kehrs­mi­nis­ter François Bausch ist eben­falls skep­tisch. Als so­zia­le Mass­nah­me sei der Schritt zu be­grüs­sen, sagt er, doch ver­kehrs­po­li­tisch hand­le es sich um «Po­pu­lis­mus».

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.