Mos­kau wird we­der beim INF noch bei der Krim ein­len­ken

Prä­si­dent Pu­tin recht­fer­tigt sei­ne Ge­walt­po­li­tik als Selbst­ver­tei­di­gung – und stösst da­mit in sei­nem Land auf viel Zu­stim­mung.

Tages Anzeiger - - International - Sil­ke Bi­gal­ke, Mos­kau

Wenn nichts mehr hilft, kann man es mit Hu­mor ver­su­chen. Man kann dann das, was En­de No­vem­ber an der Stras­se von Kertsch ge­sche­hen ist, so be­schrei­ben: In­dem ukrai­ni­sche Schif­fe durch ukrai­ni­sche Ge­wäs­ser von ei­nem ukrai­ni­schen Ha­fen zum an­de­ren ukrai­ni­schen Ha­fen fah­ren woll­ten, ha­ben sie Russ­land pro­vo­ziert. Ge­schrie­ben hat das ei­ner, der sich «Darth Pu­tin» nennt und auf Twit­ter ei­ne sechs­stel­li­ge Zahl Le­ser hat.

Sei­ne Er­klä­rung stimmt gröss­ten­teils. Drei Schif­fe der ukrai­ni­schen Ma­ri­ne woll­ten durch die Meer­enge ins Asow­sche Meer fah­ren, ein Bin­nen­meer zwi­schen Russ­land und der Ukrai­ne. Bei­de Län­der ha­ben je­des Recht, dort frei zu na­vi­gie­ren, auch weil sie sich dar­auf 2003 ver­trag­lich ge­ei­nigt ha­ben. Doch seit der Anne­xi­on der Krim be­trach­tet Russ­land die Meer­enge zwi­schen Krim und Fest­land als rus­sisch. Es hat ei­ne Brü­cke über sie ge­baut und braucht nur ei­nen Tan­ker quer­zu­stel­len, um das Asow­sche Meer ab­zu­rie­geln.

Neue Auf­ga­be für die OSZE?

Die Krim-anne­xi­on, der Brü­cken­bau, die Sper­rung ver­let­zen in­ter­na­tio­na­les Recht. Trotz­dem wird dis­ku­tiert, wer wie viel Schuld an dem Vor­fall trägt, wem er nützt, wel­che Aus­we­ge es gibt. Ei­ne neue Idee ist, Be­ob­ach­ter der Or­ga­ni­sa­ti­on für Si­cher­heit und Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa (OSZE) nicht nur in die Ost­ukrai­ne zu schi­cken, wo wei­ter ein Krieg herrscht, an dem sich Mos­kau ver­deckt be­tei­ligt. Sie könn­ten auch das Asow­sche Meer über­wa­chen.

Es wird Mos­kau kaum zum Ein­len­ken be­we­gen. Dort weicht Wla­di­mir Pu­tin wie ge­wohnt dar­auf aus, sei­ne Ge­walt­po­li­tik als Selbst­ver­tei­di­gung zu recht­fer­ti­gen. Für den Zu­sam­men­stoss mach­te er die Re­gie­rung in Kiew als «Par­tei des Krie­ges» al­lein ver­ant­wort­lich, so wie für den Krieg. Im Streit um den Inf-ver­trag sind es die USA, die an­geb­lich schon lan­ge mit den bis­her ver­bo­te­nen ato­ma­ren Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten auf­rüs­ten wol­len. «Was wer­den wir antworten? Wir wer­den das Glei­che tun», sagt Pu­tin und be­strei­tet, sol­che Ra­ke­ten längst sta­tio­niert zu ha­ben.

Wür­de der Prä­si­dent dem west­li­chen Druck nach­ge­ben, sagt der rus­si­sche Aus­sen­po­li­ti­k­ex­per­te Wla­di­mir Fro­low, egal ob beim Asow­schen Meer oder beim Inf-ver­trag, wür­de sei­ne Re­gie­rung als schwach wahr­ge­nom­men. Das wie­der­um sei «ein er­heb­li­ches in­nen­po­li­ti­sches Ri­si­ko». Die rus­si­sche Wirt­schaft sta­gniert, Re­for­men kom­men we­der vor­an, noch kom­men sie gut an bei der Be­völ­ke­rung; die klagt über das stei­gen­de Ren­ten­al­ter, stei­gen­de Ben­zin­kos­ten. Mit der Krim kann Pu­tin nur ge­win­nen: In ei­ner Um­fra­ge des staat­li­chen In­sti­tuts Wzi­om sag­ten 93 Pro­zent, dass die rus­si­schen Grenz­pos­ten rich­tig ge­han­delt hät­ten. 79 Pro­zent spra­chen, ge­nau wie ihr Prä­si­dent, von ei­ner ukrai­ni­schen Pro­vo­ka­ti­on. Die Be­zie­hun­gen zum Wes­ten wei­ter zu ver­schlech­tern, sagt Fro­low, kos­tet Pu­tin we­ni­ger, als ein­zu­len­ken.

Mag sein, dass die ukrai­ni­schen Schif­fe es auf ei­nen Zu­sam­men­stoss an­leg­ten. Je­den­falls hat­ten sie be­reits von der Brü­cke ab­ge­dreht und wa­ren auf dem Rück­weg durch das Schwar­ze Meer. War­um ha­ben die Rus­sen die Schif­fe trotz­dem ge­en­tert? Auch da­zu gibt es meh­re­re Theo­ri­en. Viel­leicht war es ei­ne un­über­leg­te Re­ak­ti­on, viel­leicht Ver­gel­tung für das rus­si­sche Fi­scher­boot Nord, das die Ukrai­ne im März fest­ge­setzt hat­te. Viel­leicht war es die Tat­sa­che, dass im Sep­tem­ber zwei ukrai­ni­sche Pa­trouil­len­schif­fe er­folg­reich ge­tes­tet hat­ten, ob sie un­be­hel­ligt durch die Meer­enge kom­men. Ukrai­ni­sche Me­di­en fei­er­ten das wie ei­nen klei­nen Sieg. Kiew hat­te zu­dem an­ge­kün­digt, den Ha­fen Berd­jansk zum Ma­ri­ne­stütz­punkt im Asow­schen Meer aus­zu­bau­en und Na­to-schif­fe dort ein­zu­la­den. So ein Be­such ist zwar un­rea­lis­tisch, die Schif­fe bräuch­ten rus­si­sche Er­laub­nis und könn­ten oh­ne kaum auf fried­li­che Art ins Asow­sche Meer ge­lan­gen. Mos­kau fühlt sich aber of­fen­bar schon von der Idee pro­vo­ziert. «Russ­land hat über­wäl­ti­gen­de mi­li­tä­ri­sche Macht in der Re­gi­on», sagt der rus­si­sche Mi­li­tär­ex­per­te Alex­an­der Golz. «Kiew wird das frü­her oder spä­ter als Rea­li­tät an­er­ken­nen müs­sen.» Die Ukrai­ne ha­be zwar je­des Recht, Russ­lands Re­geln nicht an­zu­er­ken­nen und die in­ter­na­tio­na­le Ge­mein­schaft um Hil­fe zu bit­ten. Es sei aber ei­ne ris­kan­te Stra­te­gie.

«Es ist zu be­fürch­ten, dass wir in den kom­men­den Mo­na­ten vie­le sol­cher Kon­flik­te ha­ben wer­den», sagt auch die rus­si­sche Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Tat­ja­na Sta­no­va­ja. Die Ukrai­ne wird wei­ter ro­te Li­ni­en aus­tes­ten. Russ­land wer­de wei­ter auf die ein­zi­ge Art antworten, die es ken­ne, in­dem es «über­re­agiert und über­treibt.» Sie ver­gleicht das Land mit ei­nem Haus­be­set­zer, der glau­be, das Haus ge­hö­re wirk­lich ihm. Je­des Mal, wenn ihn der ech­te Be­sit­zer her­aus­for­de­re, füh­le er sich ver­wund­bar in die­sem Haus. Nicht, weil Russ­land mi­li­tä­risch schwach wä­re. Son­dern weil es kaum Mög­lich­kei­ten ha­be, auf kor­rek­te, le­ga­le Wei­se zu re­agie­ren.

Russ­land ver­hält sich be­reits so, als sei das Asow­sche Meer ein rus­si­scher See. Mög­lich ge­macht hat das die Anne­xi­on der Krim. Mit den Flug­ab­wehr­ra­ke­ten auf der Halb­in­sel, die es nach dem Zu­sam­men­stoss bei Kertsch auf­ge­rüs­tet hat, kann es gros­se Tei­le des Schwar­zen Mee­res über­span­nen. Dort hat es sei­ne Flot­te er­neu­ert und ver­grös­sert, in die­sen Ta­gen hält es ei­ne mi­li­tä­ri­sche Übung auf dem Schwar­zen Meer ab. Könn­ten Osze-be­ob­ach­ter an der Stras­se von Kertsch wirk­lich für freie Durch­fahrt sor­gen? In der Ost­ukrai­ne sol­len sie über­wa­chen, ob das Frie­dens­ab­kom­men von Minsk ein­ge­hal­ten wird. Wird es aber nicht.

Fo­to: Pav­lis­hak Ale­xey (Reu­ters)

Ein rus­si­sches Ra­ke­ten­trans­port­schiff fährt in den Ha­fen von Se­was­to­pol, Krim.

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