Den Geld­eseln auf der Spur

In gros­sen Ak­tio­nen er­mit­telt die Po­li­zei Pri­vat­per­so­nen, die ih­re Kon­ten für Geld­wä­sche­rei zur Ver­fü­gung stel­len.

Tages Anzeiger - - Zürich - Ste­fan Hoh­ler

Das Sys­tem ist so ein­fach wie un­über­sicht­lich: Per­so­nen stel­len kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­tio­nen ih­re Pri­vat­kon­ten zur Ver­fü­gung, die dar­über Geld wa­schen. Man nennt die­se Per­so­nen Mo­ney Mu­les, Geld­esel. Der­zeit er­mit­telt die Kan­tons­po­li­zei Zü­rich in­ten­siv nach sol­chen Geld­eseln. Seit An­fang De­zem­ber hat sie im Rah­men ei­ner ko­or­di­nier­ten Ak­ti­on zur Be­kämp­fung il­le­ga­ler Fi­nanz­ak­tio­nen 31 von ih­nen über­führt. Ih­re Kon­ti wur­den von kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­tio­nen – vor al­lem aus Ost­eu­ro­pa, Asi­en und Afri­ka – zur Geld­wä­sche be­nutzt. Zum Bei­spiel für il­le­ga­le On­li­ne­ge­schäf­te, für den Dro­gen­han­del und für das Rein­wa­schen von Er­lö­sen aus dem Men­schen­han­del und der Pro­sti­tu­ti­on.

Die­se Art von Kri­mi­na­li­tät bil­det mo­men­tan ei­nen Schwer­punkt der Ab­tei­lung Cy­ber­cri­me der Kan­tons­po­li­zei. Die ver­gan­ge­ne Ak­ti­on ist be­reits die vier­te die­ser Art der Zürcher Po­li­zei. Rund 30 Län­der in ganz Eu­ro­pa hat­ten zwi­schen Sep­tem­ber und No­vem­ber un­ter der Lei­tung von Eu­ro­pol ähn­li­che Ak­tio­nen durch­ge­führt. In der Schweiz wa­ren zehn kan­to­na­le Po­li­zei­korps in­vol­viert, die Bun­des­po­li­zei (Fed­pol) über­nahm die Ko­or­di­na­ti­on zwi­schen Eu­ro­pol und den ver­schie­de­nen Kan­to­nen.

500 000 für ei­nen Geld­esel

Laut Re­bec­ca Ti­len, Spre­che­rin der Ka­po Zü­rich, sind über die Kon­ten der ver­haf­te­ten Mo­ney Mu­les über 650 000 Fran­ken ge­flos­sen. Auf ei­nes der Pri­vat­kon­ten sind al­lein ins­ge­samt über 550 000 Fran­ken ein­be­zahlt wor­den. An­de­re Geld­esel er­hiel­ten Be­trä­ge zwi­schen 250 Fran­ken und meh­re­ren Tau­send Fran­ken.

Das Vor­ge­hen bei On­line­be­trü­ge­rei­en äh­nelt sich je­weils. So wer­den et­wa Han­dys oder an­de­re Ar­ti­kel auf Ver­kaufs­platt­for­men wie Tut­ti, Ri­car­do oder Face­book güns­tig zum Kauf an­ge­bo­ten. Der Käu­fer über­weist den Ver­kaufs­preis auf das Pri­vat­kon­to des Mo­ney Mu­le, den ge­kauf­ten Ar­ti­kel er­hält der Käu­fer aber nie, auch der Kon­takt zum ver­meint­li­chen Ver­käu­fer kommt bald zum Still­stand.

Der Geld­esel lei­tet den er­hal­te­nen Be­trag an­schlies­send per Post, per Geld­trans­fer wie Wes­tern Uni­on oder mit­tels E-ban­king an die kri­mi­nel­len Hin­ter­män­ner wei­ter. Der Mu­le er­hält da­für ei­ne Pro­vi­si­on, die bis zu 10 Pro­zent der trans­fe­rier­ten Geld­sum­me be­tra­gen kann.

Re­kru­tiert wer­den die Geld­esel laut Ti­len über In­se­ra­te. Hin­ter­män­ner bie­ten auf On­line­platt­for­men, in so­zia­len Me­di­en oder Zei­tun­gen at­trak­ti­ve Jobs in deut­scher, eng­li­scher oder fran­zö­si­scher Spra­che an. An­ge­spro­chen wür­den viel­fach gut­gläu­bi­ge Per­so­nen, die ih­re fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on auf­bes­sern woll­ten.

In ein­zel­nen Fäl­len ha­ben die Tä­ter da­für ei­gens Fir­men er­fun­den oder ge­grün­det – oder sie fäl­schen Mails im Na­men be­kann­ter Fir­men. Die Job­su­chen­den wer­den als Fi­nanz­agen­ten an­ge­heu­ert, um Gel­der zu wa­schen. Was vie­le nicht wis­sen oder nicht wis­sen wol­len: Für die Mit­hil­fe zur Geld­wä­sche­rei kön­nen sie be­langt wer­den.

Ti­len nennt drei Fäl­le von sol­chen Mo­ney Mu­les: — Ei­ne Schwei­zer So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ge­rin mit zwei Kin­dern woll­te von der So­zi­al­hil­fe weg­kom­men und nahm ei­ne Stel­le bei ei­ner fik­ti­ven Auk­ti­ons­fir­ma an. Über ihr Kon­to zahl­ten die Be­trugs­op­fer ins­ge­samt 21 000 Fran­ken ein, die die Frau nach En­g­land wei­ter­lei­te­te. — Ein ein­ge­bür­ger­ter Tür­ke stell­te sein Bank­kon­to für Trans­ak­tio­nen in die Tür­kei zur Ver­fü­gung. Er über­wies 42 000 Fran­ken und er­hielt da­für 9 bis 15 Pro­zent Pro­vi­si­on. — Ei­ne Bra­si­lia­ne­rin mel­de­te sich auf das Stel­len­an­ge­bot ei­ner Im­mo­bi­li­en­fir­ma. Per E-ban­king über­wie­sen die Hin­ter­män­ner Geld auf ihr Pri­vat­kon­to. Die­se hob das Geld ab und sen­de­te 9000 Fran­ken per Brief­post nach Russ­land. Als Ge­gen­leis­tung er­hielt sie 200 Fran­ken.

Um an die Hin­ter­män­ner zu ge­lan­gen, er­mit­telt die Po­li­zei be­reits bei der An­wer­bung der Fi­nanz­agen­ten, aber auch beim Geld­fluss ins Aus­land. Die Er­folgs­aus­sich­ten der Er­mitt­lun­gen sind stark vom Land ab­hän­gig, in dem sich die Tä­ter­schaft be­fin­det.

Um nicht plötz­lich sel­ber zum Geld­esel zu wer­den, rät die Po­li­zei zu fol­gen­den Vor­sichts­mass­nah­men: Wenn et­was zu gut tönt, um wahr zu sein, ist es auch nicht wahr. Selbst dann nicht, wenn ein Lo­go oder die Gestal­tung des Ab­sen­ders be­kannt er­scheint oder die Fir­ma im Schwei­zer Han­dels­re­gis­ter zu fin­den ist. Se­riö­se Fir­men for­dern nie­mals ver­trau­li­che Da­ten per E-mail an, und se­riö­se Ar­beit­ge­ber la­den in der Re­gel zu ei­nem Vor­stel­lungs­ge­spräch ein. Se­riö­se Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen nicht, dass ein Ar­beit­neh­mer sein Pri­vat­kon­to für den Zah­lungs­ver­kehr des Ge­schäfts zur Ver­fü­gung stellt. Im Zwei­fels­fall beim «rich­ti­gen» Ab­sen­der di­rekt nach­fra­gen, ob tat­säch­lich ein Job­an­ge­bot be­steht.

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