Mit dem Schutz­en­gel durch die Ve­lo­stadt

Tages Anzeiger - - Bellevue - Car­men Ros­hard

Fei­er­abend, Rush­hour. Schnell ab in die Agglo! Auf dem Fuss­gän­ger­strei­fen vor dem Bü­ro­haus war­tet be­reits die ers­te Hür­de. Sie ist grau­schwarz, fast manns­hoch und aus Blech. Es ist die Ka­ra­wa­ne der Pend­ler, die sich Stoss­stan­ge an Stoss­stan­ge nach Hau­se staut. Wer mit dem Ve­lo pas­sie­ren will, braucht Übung.

Der Platz rechts am Stras­sen­rand ist knapp. Hier rollt der Ver­kehr, wenn auch nur auf zwei Rä­dern. Vor­bei gehts an den War­ten­den bis zur nächs­ten Blo­cka­de: Ein schwar­zes Breit­pneu­mons­ter steht pass­ge­nau am rech­ten Rand­stein. Rauf aufs Trot­toir, in die Il­le­ga­li­tät ge­drängt.

Wei­ter­fahrt in der Misch­zo­ne, die sich Velo­fah­ren­de und Fuss­gän­ger an­stän­dig tei­len soll­ten. Das Kon­zept zur Ver­kehrs­er­zie­hung hat al­ler­dings nie ge­fruch­tet. Jetzt sol­len die­se Zo­nen wie­der ab­ge­schafft wer­den, den Fuss­gän­gern zu­lie­be. Wo­hin die Zwei­rä­der sol­len, bleibt wei­ter­hin un­ge­löst. Als ob sie es nicht ge­nug schwer hät­ten. In der Quar­tier­stras­se kom­men Pan­zer­fahr­zeu­ge ent­ge­gen mit ei­nem An­spruch, als hät­ten sie die gan­ze Stras­sen­brei­te ge­pach­tet. Die Ner­ven der Heim­keh­rer lie­gen blank. Manch ei­ner reckt den Stin­ke­fin­ger, bei Voll­mond sind es mehr.

Ab­stand ist das obers­te Ge­bot. Zu Fuss, um nie­man­den an­zu­rem­peln, im Au­to, um kei­nem auf­zu­fah­ren. Auf dem Ve­lo braucht es da­zu noch ei­nen Schutz­en­gel. Sein Job ist es, zu ver­hin­dern, dass in der Park­ko­lon­ne ei­ne Au­to­tür auf­ge­ris­sen wird. Heu­te schwebt er nah ge­nug, Schien- und Na­sen­bein blei­ben in­takt. Rein in die Lang­stras­sen-un­ter­füh­rung, die Mut­pro­be auf dem Nach­hau­se­weg. Ve­lo- und Mo­ped­fah­rer brau­sen hier im Ge­gen­ver­kehr hand­breit an­ein­an­der vor­bei. Ein­zel­ne Ad­re­na­lin­jun­kies ver­zich­ten so­gar auf Licht. Es ist schweiss­trei­bend, mit­ten im De­zem­ber.

Ist die Ori­en­tie­rungs­fahrt über den Escher-wyss-platz ge­schafft, gehts den Berg hin­auf. Zwi­schen der Tram­schie­ne und dem par­kier­ten Blech am Stras­sen­rand bleibt kaum Platz. Wenn der 13er her­an­quietscht, brauchts ein mu­ti­ges Ma­nö­ver in die Park­lü­cken.

Nach 30 Mi­nu­ten ist der Stadt­rand er­reicht. En­de der Kampf­zo­ne. Der Au­to­ver­kehr wird flüs­si­ger, für Ve­los gibts Platz in Form ei­nes ei­ge­nen Wegs. Jetzt lässt es sich ent­spannt in die Pe­da­le tre­ten. Vor­bei an Obst­gär­ten wird der Herz­schlag ru­hi­ger. Hal­lo, Agglo, ich le­be noch!

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