Tat­too it yours­elf

Sich mit Na­del und Tin­te sel­ber zu ste­chen, liegt ge­ra­de im Trend. Wes­halb macht man das? Die Su­che nach Ant­wor­ten führt an die ZHDK.

Tages Anzeiger - - Bellevue - Patri­ce Sieg­rist

Jean­ne-ve­ra Bour­gu­i­gnon sticht sich sel­ber Tin­te un­ter die Haut. Beim ers­ten Mal tat sie dies zwi­schen Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger der lin­ken Hand. Ein Fisch­ske­lett hät­te es wer­den sol­len. Hät­te: Die Grä­ten sind kaum er­kenn­bar, die Tin­te ist ver­lau­fen. «Weil ich kei­ne Ah­nung hat­te, sieht es nun so aus, wie es aus­sieht», sagt sie. Den schwar­zen Klecks be­reue sie nicht. «Ich war jün­ger und et­was un­ge­dul­dig.»

Was Bour­gu­i­gnon macht, nennt sich Do-it-yours­elf-tat­toos. Es ist ein Trend, der sich seit ei­ni­ger Zeit auch in Zürich aus­brei­tet: Tat­toos in ih­rer sim­pels­ten Art, zu Hau­se oder auf der Par­ty ge­sto­chen. Mit im In­ter­net ge­kauf­ten Ma­schi­nen. Oder noch ru­di­men­tä­rer, so wie es Jean­ne-ve­ra Bour­gu­i­gnon macht: mit ei­ner lan­gen Na­del, Stich für Stich für Stich, Punkt für Punkt für Punkt. Stick­and-po­ke oder Hand-po­ke nennt sich die Me­tho­de.

Bour­gu­i­gnon ist 26-jäh­rig, brau­ne Haa­re, dunk­le Au­gen, gol­de­ner Na­sen­ring, schwar­ze Tat­toos. Sie sitzt im Ca­fé Lang, «weil man dort ja im­mer so Bu­si­ness macht». An der Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te (ZHDK) stu­diert sie Trends & Iden­ti­ty. Mit 21 hat sie mit den Tat­toos be­gon­nen. Sie woll­te ei­nes, hat­te aber kei­ne Lust, Hun­der­te Fran­ken da­für aus­zu­ge­ben: «Ich hat­te ei­nen Kol­le­gen, der Hand-po­ke-tat­toos ge­sto­chen hat.» Sie war fas­zi­niert, bat ihn, ihr eins zu ver­pas­sen. «Er stach es mir hier­hin», sagt sie und deu­tet auf ih­ren So­lar­ple­xus. «Ich konn­te ihm ge­nau zu­schau­en.» Die Fra­ge nach dem Schmerz ist ob­so­let: Ei­ne Na­del sticht Tin­te un­ter die Haut.

Der Kol­le­ge schenk­te ihr ei­ne Na­del. So­fort folg­te Bour­gu­i­gnons ers­ter Ver­such: das Fisch­ske­lett. Es miss­riet, aber sie war den­noch an­ge­fixt. Sie üb­te wei­ter, an sich und ih­ren Freun­din­nen. «Ich stach uns ein Gang-tat­too, drei Buch­sta­ben: FAK.» Zu­erst an sich selbst, mit Tu­sche, weil sie kei­ne Tat­too-far­be hat­te. «Das sieht jetzt et­was ge­fäng­nis­mäs­sig aus, weil es ver­lau­fen ist.» Der Lern­pro­zess setz­te ein. Wie ver­hält sich die Na­del, die Tin­te, die Haut? «Die­ses Zu­sam­men­spiel muss man füh­len. Be­schrei­ben kann ich das nicht.»

Ein Te­tra Pak, ein sim­pler Satz

Wäh­rend des ver­gan­ge­nen Som­mers zeig­te sich auf Zü­richs Stras­sen: Der Tat­too-hy­pe hat sich noch ein­mal be­schleu­nigt. Schnör­kel­lo­se, gross­flä­chi­ge Wer­ke übe­r­all, Man­da­las, Eu­len, Kois, Blu­men und ein paar letz­te «Arsch­ge­wei­he». Aber: Aus der Mas­se von pro­fes­sio­nell ge­sto­che­nen Tat­toos ste­chen im­mer wie­der klei­ne Su­jets her­aus, teil­wei­se kaum grös­ser als ein Zwan­zi­grap­pen-stück. Mo­ti­ve, die an Zeich­nun­gen im Schul­heft er­in­nern, die nicht per­fekt sind, eher co­mi­car­ti­ge Krit­ze­lei­en. Ein Milch-te­tra-pak, ein Ve­lo, der Satz «Too ma­ny tabs open». Jo­el Tweit­mann wid­me­te sich in sei­ner Ba­che­l­or­ar­beit dem Phä­no­men Do-ityours­elf-tat­too. Er stu­diert eben­falls an der Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te. Lai­en-tat­toos wa­ren be­reits im 20. Jahr­hun­dert ein fes­ter Be­stand­teil der Kul­tur, schreibt er in sei­ner Ar­beit. Meist sym­bo­li­sier­ten sie Zu­ge­hö­rig­keit, soll­ten ih­ren Trä­ger ab­gren­zen oder Ge­schich­ten er­zäh­len. Ma­tro­sen sam­mel­ten sie als Sou­ve­nirs. Häft­lin­ge ver­pass­ten sich ge­gen­sei­tig Mo­ti­ve. In Russ­land zeich­ne­ten zum Bei­spiel Ster­ne auf den Schul­tern hoch­ran­gi­ge Be­rufs­ver­bre­cher aus. Die Tat­toos sta­chen sie sich mit ru­di­men­tä­ren Werk­zeu­gen, als Far­be dien­te of­fen­bar ei­ne Mi­schung aus ver­brann­tem Gum­mi und Urin. In der Ro­cker­sze­ne der 70er-jah­re sta­chen sich jun­ge Mit­glie­der in den USA mit ei­ner Na­del sel­ber. «Der Ein­stich war oft­mals zu tief», schreibt Tweit­mann in sei­ner Ar­beit, «es ent­stan­den gro­be und un­ge­naue Tat­toos.»

Wes­halb macht man das?

Die Fra­gen, die sich der Stu­dent stell­te: Was be­wegt Schwei­zer da­zu, sich Lai­en­tä­to­wie­run­gen ste­chen zu las­sen und da­für Im­per­fek­tio­nen und Hy­gie­ne­ri­si­ken auf sich zu neh­men? Wel­chen «Mehr­wert» bringt die­se Art Tä­to­wie­rung? Sei­ne Ant­wort: «Bei der Selbst­ste­chung fliesst der Vor­gang der Ste­chung als be­son­de­re Er­in­ne­rung in den Be­deu­tungs­wert der Tä­to­wie­rung ein.»

Die­sen Schluss le­gen Ge­sprä­che mit Per­so­nen na­he, die sol­che Do-it-yours­elf-tat­toos ha­ben: So be­rich­tet et­wa Se­bas­ti­an in Tweit­manns Ar­beit von ei­nem von Al­ko­hol ge­schwän­ger­ten Abend nach dem WK in der Ar­mee, der mit ei­ner tä­to­wier­ten Gift­fla­sche auf dem Ober­schen­kel und ei­nem «Fuck Ar­my» auf der Po­ba­cke en­de­te. Die Gift­fla­sche stim­me ihn heu­te noch nost­al­gisch. Sie tra­ge ihn zu­rück in ei­ne Zeit, in der al­les so egal und aus der Hüf­te ge­schos­sen er­schien. Et­was an­ders sieht Se­bas­ti­an das «Fuck Ar­my»-tat­too. Kaum ei­ner weiss da­von. Er dach­te schon dar­über nach, es sich ent­fer­nen zu las­sen. «Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sie­ben»: Bour­gu­i­gnon zählt die Tat­toos, die sie sich sel­ber ge­sto­chen hat. Sie zeigt da­bei auf di­ver­se Kör­per­stel­len. Das bren­nen­de «Lo­ve» auf dem rech­ten Arm schmerz­te am meis­ten. Das hat sie sich al­ler­dings nicht sel­ber ge­sto­chen. Es war ei­ne Freun­din, die an ihr üb­te. Mit ihr und ei­ner wei­te­ren Freun­din hat sie das Kol­lek­tiv Stä­che­rin­ne ge­grün­det. Plötz­lich sei­en frem­de Per­so­nen auf sie zu­ge­kom­men und hät­ten ge­fragt, ob sie ih­nen ein Tat­too ste­chen wür­de. «Ich fand das toll. Mach­te es für ei­ne Fla­sche Wein, Klei­der oder so.»

Bour­gu­i­gnon tä­to­wiert heu­te haupt­säch­lich an­de­re Leu­te zu­sam­men mit ih­rem Kol­lek­tiv – an Par­tys, an Ver­nis­sa­gen, im Frei­en. Ste­ril zu ar­bei­ten, sei kei­ne He­xe­rei, sagt sie. Sticht sie an­de­re Per­so­nen, sei sie we­ni­ger ein­ge­schränkt und kön­ne mit der Na­se bis fast zur Haut hin­ge­hen, so wie frü­her beim Pa­pier, als sie noch wis­sen­schaft­li­ches Zeich­nen stu­dier­te.

Bour­gu­i­gnon hat kei­ne uni­ver­sel­le Er­klä­rung für das Phä­no­men der Lai­en­tat­toos, aber ei­ne de­zi­dier­te für sich selbst. «Es ist pun­ky, Trotz und Re­bel­li­on!» Für sie be­deu­tet es noch mehr. Sie hat dar­in die Ge­duld, die Ru­he und die Mo­ti­va­ti­on ge­fun­den, die ihr beim Zeich­nen auf dem Pa­pier ent­glit­ten sind. An die­se per­sön­li­che Ent­wick­lung er­in­nert sie noch heu­te ein ver­schwom­me­nes Fisch­ske­lett auf der lin­ken Hand.

Da ha­ben wirs! Wenns zu schnell geht, hilft es manch­mal, die Haa­re ein biss­chen grau zu fär­ben.

Der Bun­des­prä­si­dent sagt es zur Ver­ab­schie­dung der Sp­na­tio­nal­rä­tin Chan­tal Gal­la­dé aus Bun­des­bern, spricht aber für das Volk (der «Ge­sagt ist ge­sagt»­schrei­ben­den): Wir be­hal­ten Su­ters Get­wit­ter und sei­ne Fri­sur im Au­ge. Ver­spro­chen.

Die ha­ben vi­el­leicht Ide­en! Al­so Vi­sio­nen (oder schie­len sie ein­fach?). Al­les, was am Zü­rich­see stört, kommt un­ter den Bo­den: Au­tos, Zü­ge und noch mehr Au­tos.

Fo­to: Re­to Oesch­ger

Stick­and­po­ke­me­tho­de: Ei­ne Tä­to­wie­re­rin des Kol­lek­tivs Stä­che­rin­ne sticht ein Lai­en­tat­too. Der sang 1965 «Sieb­zehn Jahr, blon­des Haar».

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