Auch ein Erb­ver­zicht kann Geld kos­ten

Auch wer ei­ne Erb­schaft ab­lehnt, er­hält im Kan­ton Zü­rich ei­ne Rech­nung. An­de­re Kan­to­ne ver­lan­gen kei­ne Ent­schä­di­gung. Über­all soll­ten An­ge­hö­ri­ge aber ge­wis­se Re­geln ein­hal­ten, um Kos­ten zu ver­mei­den.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - (ki)

Wer ein Er­be aus­schlägt, tut dies, da­mit ihm kei­ne Kos­ten auf­ge­bür­det wer­den. Doch im Kan­ton Zü­rich wer­den auch An­ge­hö­ri­gen, die ver­zich­ten, nebst Ge­büh­ren Spe­sen für Stamm­baum­for­schung auf­er­legt. An­de­re Kan­to­ne ver­rech­nen in sol­chen Fäl­len nichts. Manch­mal ist es für An­ge­hö­ri­ge schwie­rig, her­aus­zu­fin­den, ob Ver­stor­be­ne Schul­den hin­ter­las­sen. Ein öf­fent­li­ches In­ven­tar schafft in sol­chen Fäl­len Klar­heit. Da­nach ha­ben An­ge­hö­ri­ge drei Mo­na­te lang Zeit, sich zu ent­schei­den, ob sie das Er­be an­neh­men wol­len oder nicht.

Mar­cel Brandt* ver­zich­te­te auf das Er­be sei­nes ver­stor­be­nen Cou­sins, da er nicht si­cher war, ob am En­de nur Schul­den üb­rig blei­ben. Er schlug das Er­be aus, wie Ju­ris­ten sa­gen, und glaub­te, dass der Fall für ihn da­mit er­le­digt sei. Das Be­zirks­ge­richt Win­ter­thur kün­dig­te je­doch an, dass für die Er­baus­schla­gung ei­ne Ge­bühr von 150 Fran­ken er­ho­ben wer­de. Hin­zu kom­men «Bar­aus­la­gen» für Nach­for­schun­gen – mit kos­ten­pflich­ti­gen Zi­vil­standsur­kun­den such­te das Ge­richt nach wei­te­ren Erb­be­rech­tig­ten. Die Kos­ten be­lau­fen sich auf knapp 300 Fran­ken. Auf Brandts An­fra­ge teil­te ihm das Ge­richt mit, dass ihm auf­grund des «enor­men Auf­wands» ei­ne noch viel hö­he­re Ge­bühr hät­te auf­er­legt wer­den kön­nen. Zu­dem kön­ne der Rech­nungs­be­trag noch stei­gen, falls an­de­re aus­schla­gen­de An­ge­hö­ri­ge den Be­trag nicht be­zahl­ten.

Das Be­zirks­ge­richt Win­ter­thur be­stä­tigt die Ge­büh­ren und Bar­aus­la­gen, die es er­hebt, wenn je­mand ein Er­be aus­schlägt. Auch im kan­to­na­len Merk­blatt zur Er­baus­schla­gung sind sie auf­ge­führt. Den er­baus­schla­gen­den Per­so­nen wür­den nur je­ne Nach­for­schungs­kos­ten be­rech­net, die sie be­trä­fen, ver­si­chert das Be­zirks­ge­richt. Die so­li­da­ri­sche Haf­tung al­ler aus­schla­gen­den Er­ben er­gibt sich laut Ge­richt aus dem Ge­setz. Und wenn es gleich­zei­tig An­ge­hö­ri­ge gibt, die das Er­be an­neh­men, wer­den die­sen im­mer­hin die auf sie ent­fal­len­den Bar­aus­la­gen über­wälzt, wenn sie mit ei­nem Erb­schein Zu­gang zum Ver­mö­gen des Erb­las­sers be­an­tra­gen. Schliess­lich ver­weist das Be­zirks­ge­richt Win­ter­thur dar­auf, dass die Kos­ten bei ein­fa­che­ren Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­sen et­was tie­fer aus­fie­len als im vor­lie­gen­den Bei­spiel, bei dem es sich um ei­nen kom­ple­xe­ren Fall hand­le.

Schwer nach­voll­zieh­bar

El­tern und Bru­der des Ver­stor­be­nen le­ben zwar nicht mehr. Doch von ins­ge­samt drei­zehn Cou­sins und Cou­si­nen ha­ben drei das Er­be an­ge­nom­men. Al­le Kin­der der Cou­sins und Cou­si­nen ha­ben das Er­be aus­ge­schla­gen. Brandt kann nicht nach­voll­zie­hen, dass ihm Kos­ten für die Stamm­baum­for­schung in Rech­nung ge­stellt wer­den.

Tat­säch­lich ist es in an­de­ren Kan­to­nen üb­li­che Pra­xis, dass aus­schla­gen­de Er­ben we­nig bis gar nichts ent­rich­ten müs­sen. In den Kan­to­nen Ba­sel­land und Ba­sel-stadt wer­den An­ge­hö­ri­gen, die ein Er­be aus­schla­gen, kei­ne Kos­ten auf­er­legt. Das be­stä­ti­gen die zu­stän­di­gen Erb­schafts­äm­ter. Im Kan­ton Bern fällt nur ei­ne Ge­bühr von 30 Fran­ken an, wie Si­mo­ne Mül­chi vom Ver­band Ber­ni­scher No­ta­re er­läu­tert. Dass An­ge­hö­ri­ge ei­ne Rech­nung über meh­re­re Hun­dert Fran­ken er­hal­ten, über­rascht selbst Fach­leu­te: «Wer ein Er­be aus­schlägt, hat nach mei­nem Ge­fühl nichts mehr mit dem Nach­lass zu tun und soll­te auch kei­ne so ho­hen Kos­ten für Nach­for­schun­gen tra­gen müs­sen», sagt Oli­ver Rein­hardt, Ge­ne­ral­se­kre­tär des Schwei­ze­ri­schen No­ta­ren­ver­bands.

Wer ein Er­be an­nimmt, muss auch für all­fäl­li­ge Schul­den des Ver­stor­be­nen ge­ra­de­ste­hen. Von der Wohn­ge­mein­de er­hielt Brandt zwar die Aus­kunft, dass der Cou­sin ge­mäss Steu­er­er­klä­rung über ein Ver­mö­gen von et­was mehr als 60 000 Fran­ken ver­füg­te. Trotz­dem ent­schied er sich ge­gen das Er­be. Denn er war un­si­cher, ob wei­te­re For­de­run­gen exis­tie­ren, die in der Steu­er­er­klä­rung nicht be­rück­sich­tigt sind. Zu­dem war un­klar, was nach Ab­zug von Ge­richts­ge­büh­ren, Kos­ten für Woh­nungs­räu­mung und aus­ste­hen­den Mie­ten üb­rig bleibt.

In­ven­tar schafft Klar­heit

Im Erb­schafts­we­sen gibt es von Kan­ton zu Kan­ton gros­se Un­ter­schie­de. Doch es exis­tiert ei­ne schweiz­weit gül­ti­ge Regelung, die An­ge­hö­ri­gen hilft, sich vor An­nah­me ei­nes Er­bes Klar­heit über die fi­nan­zi­el­len Ver­hält­nis­se des Ver­stor­be­nen zu ver­schaf­fen. Sie kön­nen ein so­ge­nann­tes Erb­schafts­in­ven­tar oder ein öf­fent­li­ches In­ven­tar ver­lan­gen. Beim öf­fent­li­chen In­ven­tar wer- den Gläu­bi­ger durch Pu­bli­ka­ti­on auf­ge­ru­fen, ih­re For­de­run­gen an­zu­mel­den. Nach Ge­setz ha­ben An­ge­hö­ri­ge ab Kennt­nis­nah­me des To­des­falls drei Mo­na­te Be­denk­zeit, um zu ent­schei­den, ob sie das Er­be aus­schla­gen. Ver­strei­chen die drei Mo­na­te un­ge­nutzt, gilt das Er­be als an­ge­nom­men. «Der Vor­teil so­wohl des Erb­schafts­in­ven­tars als auch des öf­fent­li­chen In­ven­tars ist, dass die­se Frist erst mit der Be­kannt­ga­be des In­ven­tars zu lau­fen be­ginnt», sagt Si­mo­ne Mül­chi. Die An­ge­hö­ri­gen müs­sen al­so erst ent­schei­den, wenn sie die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se ken­nen. Beim öf­fent­li­chen In­ven­tar ha­ben die Er­ben zu­dem die Mög­lich­keit, die Er­klä­rung ab­zu­ge­ben, dass sie «un­ter öf­fent­li­chem In­ven­tar an­neh­men», was da­zu führt, dass sie grund­sätz- lich nur die­je­ni­gen Schul­den über­neh­men, die im In­ven­tar auf­ge­nom­men wur­den. Der Nach­teil die­ser Va­ri­an­te ist, dass für das In­ven­tar Kos­ten an­fal­len. Der Auf­wand hängt von der in­di­vi­du­el­len Ver­mö­gens­si­tua­ti­on des Ver­stor­be­nen ab. Je nach Kan­ton ist es mög­lich, dass An­ge­hö­ri­ge da­für ei­nen Kos­ten­vor­schuss von meh­re­ren Tau­send Fran­ken leis­ten müs­sen.

In man­chen Kan­to­nen kön­nen An­ge­hö­ri­ge auf ei­ner trans­pa­ren­te­ren Ba­sis über ein Er­be ent­schei­den, auch oh­ne dass sie für ein öf­fent­li­ches In­ven­tar be­zah­len müs­sen. Zum Bei­spiel in Ba­sel­land er­stellt das Erb­schafts­amt ein ver­ein­fach­tes In­ven­tar und stellt die­ses den Er­ben zu. Mit der Zu­stel­lung wür­den die Er­ben auf­ge­for­dert, in­ner­halb drei­er Mo­na­te zu ent­schei­den, ob sie das Er­be an­neh­men oder aus­schla­gen woll­ten, sagt Da­ni­el Stoll, Prä­si­dent des ba­sel-land­schaft­li­chen No­ta­ri­ats­ver­bands.

Ein­mi­schung ver­mei­den

Die Wohn­ge­mein­de des Ver­stor­be­nen frag­te Mar­cel Brandt, ob er die Erb­tei­lung or­ga­ni­sie­ren und die Woh­nung räu­men wür­de. Er lehn­te ab. Was hart­her­zig er­schei­nen mag, ist aus ju­ris­ti­scher Sicht rich­tig: Denn wer sol­che Auf­ga­ben wahr­nimmt, läuft Ge­fahr, das Er­be nicht aus­schla­gen zu kön­nen, wie No­ta­rin Si­mo­ne Mül­chi er­läu­tert.

Das Pa­ra­de­bei­spiel ist, wenn ein An­ge­hö­ri­ger die Ab­wick­lung des Nach­las­ses an die Hand nimmt wie et­wa Kün­di­gung und Räu­mung der Woh­nung oder gar ge­wis­se Nach­lass­ge­gen­stän­de an sich nimmt. Das gilt als «Ein­mi­schung» in den Nach­lass und so­mit als An­nah­me des Er­bes. Des­halb rät Mül­chi An­ge­hö­ri­gen, die ein Er­be aus­schla­gen, auf sol­che Auf­ga­ben zu ver­zich­ten und sich von Be­hör­den nicht un­ter Druck set­zen zu las­sen, wenn die­se da­zu auf­for­dern, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Schla­gen al­le Er­ben aus, ge­hen die Kos­ten zu­las­ten der öf­fent­li­chen Hand, so­weit sie nicht aus dem Nach­lass fi­nan­ziert wer­den kön­nen.

Wer ein Er­be ab­lehnt, soll­te nicht die Ab­wick­lung des Nach­las­ses an die Hand neh­men.

Fo­to: Ala­my

Manch­mal ist es für An­ge­hö­ri­ge ei­nes Ver­stor­be­nen klü­ger, ei­ne Erb­schaft aus­zu­schla­gen.

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