Das La­ger der Frie­dens­freun­de wird klei­ner

Die pa­läs­ti­nen­si­sche Po­li­ti­ke­rin Ha­n­an Ashra­wi er­klärt, war­um der ara­bisch-is­rae­li­sche Frie­dens­pro­zess zer­stört wird. Sie wirft Is­ra­el vor, al­le vom Dis­kurs aus­zu­schlies­sen, die nach ei­ner Zwei­staa­ten­lö­sung ru­fen.

Tages Anzeiger - - International - Alex­an­dra Fö­derl-schmid, Ra­mal­lah

Ha­n­an Ashra­wi gilt als ei­ne der wich­tigs­ten Stim­men der Pa­läs­ti­nen­ser, sie ist schon seit den 70er-jah­ren po­li­tisch ak­tiv. Die jet­zi­ge Pha­se aber, sagt die 72-Jäh­ri­ge, ist «ei­ne der schlimms­ten Pe­ri­oden in un­se­rer Ge­schich­te». Es sei in der Pa­läs­ti­na­fra­ge zu ei­ner Bal­lung in­ter­ner, re­gio­na­ler und in­ter­na­tio­na­ler Fak­to­ren ge­kom­men, die den ara­bisch-is­rae­li­schen Frie­dens­pro­zess zer­stör­ten und das An­lie­gen der Pa­läs­ti­nen­ser nach ei­nem ei­ge­nen Staat in im­mer wei­te­re Fer­ne rü­cken las­se.

Nüch­tern ana­ly­siert Ashra­wi im Haupt­quar­tier der Pa­läs­ti­nen­si­schen Be­frei­ungs­or­ga­ni­sa­ti­on (PLO), de­ren Exe­ku­tiv­ko­mi­tee sie an­ge­hört, die La­ge: Is­ra­els der­zei­ti­ge Re­gie­rung «im­ple­men­tiert das zio­nis­ti­sche Pro­jekt. Nicht nur durch Sied­lun­gen, son­dern auch durch den Raub von Res­sour­cen, durch die Do­mi­nanz der Spra­che. Es wer­den Fak­ten am Bo­den ge­schaf­fen.» In Is­ra­el wer­de das La­ger der Frie­dens­freun­de im­mer klei­ner, jüngst durch den Tod des Schrift­stel­lers Amos Oz. «Der Ex­tre­mis­mus in Is­ra­el hat al­le vom Dis­kurs aus­ge­schlos­sen, die nach ei­ner Zwei­staa­ten­lö­sung ru­fen.» Is­ra­el wer­de un­ter­stützt von Us-prä­si­dent Do­nald Trump, der sich zur Ver­le­gung der Us-bot­schaft nach Je­ru­sa­lem ent­schlos­sen ha­be. «Das ist die den Pa­läs­ti­nen­sern am feind­lichs­ten ge­sinn­te Us-re­gie­rung», sagt Ashra­wi.

Feh­len­der Wil­le

Von Eu­ro­pa sei­en die Pa­läs­ti­nen­ser ent­täuscht. «Die Eu­ro­pä­er könn­ten mehr tun, aber es gibt kei­nen Wil­len da­zu», so Ashra­wi. «Sie schei­nen zu glau­ben, al­les, was sie tun müs­sen, ist, Er­klä­run­gen ab­zu­ge­ben: Wir sind für die Zwei­staa­ten­lö­sung, ge­gen Sied­lun­gen, Je­ru­sa­lem soll die Haupt­stadt bei­der Staa­ten sein. Aber das sind kei­ne Ak­tio­nen.» Eu­ro­pa sei Nach­bar des Na­hen Os­tens. Wenn die Ge­walt es­ka­lie­re, wür­den die Eu­ro­pä­er das zu spü­ren be­kom­men, et­wa durch Flücht­lings­strö­me.

Die deut­sche Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel nimmt Ashra­wi zwar als «sta­bi­li­sie­ren­den Fak­tor in Eu­ro­pa» wahr, sie stel­le sich «ge­gen Frem­den­feind­lich­keit und Ras­sis­mus». Ei­ne Ver­mitt­ler­rol­le traue sie ihr aber nicht zu: «Deutsch­land ist durch sei­ne Ver­gan­gen­heit, den Hor­ror des Ho­lo­caust, ge­hemmt.» Und Is­ra­el set­ze je­de Kri­tik mit An­ti­se­mi­tis­mus gleich. Ein wei­te­rer Grund für das Er­lah­men des Frie­dens­pro­zes­ses sei, dass «die ara­bi­sche Welt in Auf­ruhr» sei und es Ver­su­che ge­be, ei­ne Po­la­ri­sie­rung zwi­schen Sun­ni­ten und Schii­ten her­bei­zu­füh­ren. Auch des­halb hät­ten pa­läs­ti­nen­si­sche An­lie­gen kei­ne Prio­ri­tät mehr. «Aber die Men­schen in den ara­bi­schen Län­dern ha­ben uns Pa­läs­ti­nen­ser nicht ver­ges­sen.»

Ashra­wi hält trotz­dem an der Zwei­staa­ten­lö­sung fest. Ei­ne Ein­staat­lö­sung kom­me nicht in Be­tracht, auch wenn im­mer mehr Pa­läs­ti­nen­ser dies for­der­ten. «Das wä­re ei­ne neue po­li­ti­sche Ära, es gibt auch in­ter­na­tio­nal kei­ne Re­fe­ren­zen da­für.» Süd­afri­ka, von vie­len als Vor­bild zwi- schen zer­strit­te­nen Be­völ­ke­rungs­grup­pen im ehe­ma­li­gen Pa­läs­ti­na be­trach­tet, sei kein Mo­dell. «Die Süd­afri­ka­ner woll­ten nicht al­le Schwar­zen raus­schmeis­sen und ei­nen ei­ge­nen Staat schaf­fen, der ex­klu­siv für Weis­se ist. In Süd­afri­ka hat ei­ne Min­der­heit ver­sucht, die Mehr­heit zu be­herr­schen, aber nicht, sie zu ver­trei­ben.»

Kri­tik an Ab­bas

Die Po­li­ti­ke­rin, die der Par­tei Der drit­te Weg an­ge­hört, kri­ti­siert aber auch die ei­ge­ne pa­läs­ti­nen­si­sche Füh­rung. So for­dert Ashra­wi, de­ren Par­tei beim letz­ten Ur­nen­gang vor zwölf Jah­ren nur 2,41 Pro­zent er­reicht hat­te, Prä­si­dent­schafts- und Par­la­ments­wah­len im West­jor­dan­land und im Ga­za­strei­fen, was Prä­si­dent Mahmoud Ab­bas aber seit Jah­ren ver­wei­gert. «Wenn wir un­ser Sys­tem nicht re­vi­ta­li­sie­ren, wird es kol­la­bie­ren», sagt Ashra­wi. «Wir müs­sen für Wah­len kämp­fen!»

Sie kri­ti­siert eben­so den Dau­er­streit zwi­schen der im Ga­za­strei­fen seit 2007 re­gie­ren­den ra­di­kal­is­la­mi­schen Ha­mas und der Fa­tah, die die Pa­läs­ti­nen­si­sche Au­to­no­mie­be­hör­de und die PLO do­mi­niert. «Die Ha­mas muss ver­ste­hen, dass sie nicht al­le Be­woh­ner Ga­zas als Gei­sel hal­ten kann, um an der Macht zu blei­ben.

Die Men­schen lei­den schon un­ter der is­rae­li­schen Be­sat­zung, und dann kom­men auch noch Schrit­te der Au­to­no­mie­be­hör­de und des Prä­si­den­ten da­zu», er­klärt Ashra­wi mit Blick auf Mass­nah­men von Ab­bas, der ei­nen Ge­halts­stopp für Mit­ar­bei­ter der Ver­wal­tung in Ga­za und die Schlies­sung des Grenz­über­gangs Ra­fah ver­füg­te. Die­se Mass­nah­men soll­ten die Ha­mas tref­fen, «aber in Wahr­heit lei­den die nor­ma­len Men­schen dar­un­ter», meint Ashra­wi. Das Fa­zit ih­rer Ana­ly­se: «Ich bin nicht op­ti­mis­tisch.»

«Wenn wir un­ser Sys­tem nicht re­vi­ta­li­sie­ren, wird es kol­la­bie­ren. Wir müs­sen für Wah­len kämp­fen!»

Ha­n­an Ashra­wi Mit­glied des Plo-exe­ku­tiv­ko­mi­tees

Fo­to: E. Emin (Ala­my)

Ashra­wi: «Die Men­schen in den ara­bi­schen Län­dern ha­ben uns Pa­läs­ti­nen­ser nicht ver­ges­sen.»

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.