Am Zü­rich­berg wer­den Dut­zen­de Vil­len frei

Der Um­bau des Hoch­schul­quar­tiers be­deu­tet, dass zweck­ent­frem­de­te Häu­ser am Zü­rich­berg wie­der zum Woh­nen ge­nutzt wer­den. Da­durch schlies­sen sich für die Öf­fent­lich­keit ei­ni­ge Tü­ren.

Tages Anzeiger - - Vorderseite - Ma­ri­us Hu­ber

Mit dem Um­bau des Zürcher Hoch­schul­quar­tiers wer­den Uni­ver­si­tät und Uni­spi­tal Herr­schafts­vil­len am Zü­rich­berg frei­ge­ben, in de­nen sie heu­te ein­ge­mie­tet sind. Vie­le der be­gehr­ten Lie­gen­schaf­ten ge­hö­ren Pri­va­ten. Was der Kan­ton mit sei­nen 14 Vil­len macht, ist noch of­fen. Wo­mög­lich wird er sie der Stadt zum Kauf an­bie­ten. Be­reits spricht der Stadt­rat von «Wohn­raum­rück­füh­run­gen». Al­ler­dings ist eher un­wahr­schein­lich, dass in die­sen re­prä­sen­ta­ti­ven Vil­len be­zahl­ba­re Woh­nun­gen ent­ste­hen. Die Häu­ser sind teu­er und zu­dem häu­fig re­no­va­ti­ons­be­dürf­tig.

Hart­nä­cki­ge po­li­ti­sche Kämp­fe um Wohn­raum ist man sich in Zü­rich ge­wohnt, bloss geht es in der Re­gel nicht um Vil­len am Zü­rich­berg. Des­halb fällt aus dem Rah­men, was Sp-stadt­rat An­dré Oder­matt kürz­lich als Er­folg ver­mel­de­te: dass ein Ver­trag un­ter­zeich­net ist, wo­nach fast zwei Dut­zend zweck­ent­frem­de­te Lie­gen­schaf­ten rund um die Uni­ver­si­tät wie­der be­wohn­bar ge­macht wer­den müs­sen – dar­un­ter ei­ni­ge der im­po­san­te­ren Her­ren­häu­ser, die Zü­rich zu bie­ten hat.

Heu­te sind in die­sen Häu­sern Dé­pen­dan­cen von Uni­ver­si­tät und Uni­spi­tal ein­ge­rich­tet. Bi­blio­the­ken, Se­mi­nar­räu­me, Ko­pier­ap­pa­ra­te, Kaf­fee­ma­schi­nen. Es ist ei­ne jahr­zehn­te­al­te Not­lö­sung, die hin­fäl­lig wird, wenn in acht Jah­ren tat­säch­lich wie ge­plant die ers­ten Neu­bau­ten im trans­for­mier­ten Hoch­schul­quar­tier er­öff­net wer­den.

Hoch­sitz der Alt­sprach­ler

Die über 150-jäh­ri­ge Vil­la Tan­neck an der Rä­mi­stras­se ist ei­nes je­ner um­ge­nutz­ten Her­ren­häu­ser, in de­nen nie rich­tig zu­sam­men­ge­wach­sen ist, was nicht zu­sam­men­ge­hört. Sie ist seit 1991 der Hoch­sitz der Alt­sprach­ler. Vom Bal­kon ganz zu­oberst in ei­nem fach­werk­ver­zier­ten Er­ker geht der Blick über ei­nen ro­man­ti­schen Park. Drin­nen flie­gen ge­mal­te Schwal­ben über ei­ne ge­wölb­te De­cke, und guss­ei­ser­ne Put­ten flä­zen sich auf ei­nem an­ti­ken Ra­dia­tor.

All das kol­li­diert mit den stan­dar­di­sier­ten Ar­beits­ti­schen und Bü­cher­re­ga­len, die den Raum be­herr­schen: Hier geht es nicht um welt­li­che Din­ge. Hier geht es um die Tex­te von mit­tel­al­ter­li­chen Phi­lo­so­phen wie Duns Sco­tus oder dem un­glück­se­li­gen Abael­ard, der we­gen der Lieb­schaft mit ei­ner Schü­le­rin einst ent­mannt wur­de. Die Phi­lo­lo­gen, die sich mit so was be­schäf­ti­gen, sind klein an der Zahl, nur ein paar Dut­zend. Po­si­ti­ver Ne­ben­ef­fekt für die Öf­fent­lich­keit: Wer mal ei­nen Nach­mit­tag lang in ei­nem herr­schaft­li­chen Sa­lon ein Buch le­sen oder ein­fach nur in den Park sit­zen will, kann das hier pro­blem­los tun.

Der Tag, an dem die Vil­la Tan­neck ih­rer Be­stim­mung ent­ris­sen und öf­fent­li­ches Gut wur­de, lässt sich da­tie­ren auf den 12. De­zem­ber 1974. Es war der Tag, an dem ein Li­qui­da­tor den ge­sam­ten Haus­rat der letz­ten Be­woh­ne­rin ver­kauf­te, ei­ner ver­stor­be­nen Mil­lio­närs­wit­we na­mens Mar­tha Brup­pa­cher. Die an­ti­ke Schreib­kom­mo­de, die gros­sen Tep­pi­che, das Bie­der­mei­er­so­fa – al­les muss­te raus. Kurz dar­auf er­warb der Kan­ton die Vil­la, und die Uni­ver­si­tät zog ein.

Platz­pro­ble­me der Uni

Das hat­te in den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren Sys­tem. Weil die Hoch­schu­len aus al­len Näh­ten platz­ten, wi­chen sie ins an­gren­zen­de Quar­tier aus. In der Stadt wur­de dies bald zum Po­li­ti­kum, ge­wür­digt mit ei­ner Ter­mi­no­lo­gie, die eher an On­ko­lo­gie er­in­nert als an Bil­dungs­po­li­tik: Von ei­nem «Wu­che­rungs­pro­zess» war im­mer wie­der die Re­de.

1977 er­liess die Stadt dann Son­der­bau­vor­schrif­ten fürs Hoch­schul­quar­tier, die ei­ne wei­te­re In­an­spruch­nah­me von Wohn­raum un­ter­sag­ten. Was den heu­ti­gen Stadt­rat da­zu be­wegt, die ver­trag­lich ver­ein­bar­te «Wohn­raum­rück­füh­rung» als ein «für Zü­rich ganz wich­ti­ges The­ma» zu be­zeich­nen, ist un­klar. Weil es noch vie­le Jah­re dau­ert bis da­hin, hat er noch nicht fest­ge­legt, wel­che Plä­ne er ver­folgt. Um die För­de­rung preis­güns­ti­gen Wohn­raums dürf­te es aber höchs­tens im Ein­zel­fall ge­hen, das lässt sich aus dem Ver­trag zwi­schen Stadt, Kan­ton und den Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen ab­le­sen. Denn die­se be­han­deln zwei Ty­pen von Lie­gen­schaf­ten.

Vie­le Vil­len in Pri­vat­be­sitz

Da sind ei­ner­seits neun Häu­ser in Pri­vat­be­sitz. Die Stadt hat we­nig Ein­fluss, wie die­se nach dem Aus­zug von Uni und Uni­spi­tal wei­ter­ver­mie­tet wer­den. Sie kann nur den Wohn­an­teil vor­schrei­ben. Um wel­che Häu­ser es sich han­delt, ist noch nicht öf­fent­lich. Da sind an­de­rer­seits 14 Lie­gen­schaf­ten, die wie die Vil­la Tan­neck im Be­sitz des Kan­tons sind (sie­he Kar­te). Da die­ser im Un­ter­schied zur Stadt nicht als Ver­mie­ter von Wohn­raum auf­tritt, wird er sie wohl ver­kau­fen. Nach Aus­kunft der Bau­di­rek­ti­on dürf­te er sie zu­nächst der Stadt zum Kauf an­bie­ten und falls kein In­ter­es­se be­steht, auch Pri­va­ten.

Letz­te­res ist wahr­schein­lich, denn es ist frag­lich, war­um die Stadt re­prä­sen­ta­ti­ve Wohn­lie­gen­schaf­ten er­wer­ben soll­te. Zu­mal der Preis hoch wä­re. Am Zü­rich­berg kos­ten ähn­li­che Ob­jek­te laut Bran­chen­ken­nern schnell ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag – und die Mehr­zahl der 14 kan­to­na­len Lie­gen­schaf­ten ge­hört in die­se Ka­te­go­rie.

Zu­dem müss­te man wei­te­res Geld auf­wer­fen, weil die Häu­ser teils her­un­ter­ge­wirt­schaf­tet oder schlicht un­wohn­lich sind. Die ehr­wür­di­ge Vil­la Wehr­li an der Plat­ten­stras­se et­wa, seit 1971 ei­ne Art Vil­la Kun­ter­bunt für die Ang­lis­ten, mach­te vor zwei Jah- ren Schlag­zei­len, weil ein Teil der Gips­de­cke auf ei­ne Do­zen­tin her­ab­stürz­te. Und die hoch am Hang ge­le­ge­ne Vil­la Eich­horst, 1896 ge­baut im Schlöss­chen­stil, im­po­niert zwar von aus­sen, aber die In­nen­aus­bau­ten fürs Phi­lo­so­phi­sche Se­mi­nar ha­ben den Charme ei­ner Arzt­kli­nik.

Zwar hat die Stadt im Fall der so­ge­nann­ten Gam­mel­häu­ser an der Lang­stras­se ge­zeigt, dass sie ge­willt ist, auch zwei­stel­li­ge Mil­lio­nen­be­trä­ge in sa­nie­rungs­be­dürf­ti­ge Lie­gen­schaf­ten zu in­ves­tie­ren. Dort ging es um to­tal 81 Klein­woh­nun­gen und 30 Ein­zel­zim­mer. Im Uni­quar­tier wä­ren es we­gen der Grund­ris­se der Vil­len viel we­ni­ger Woh­nun­gen.

Kein Plan im Lu­xus­seg­ment

Im Hoch­preis­seg­ment ver­folgt die Stadt nach ei­ge­nen An­ga­ben kein An­la­ge­ziel. Sie ver­fügt zwar heu­te über Woh­nun­gen, die mehr als 5000 Fran­ken im Mo­nat kos­ten, aber es han­delt sich nur um ei­ne Hand­voll von to­tal 9200 Ob­jek­ten. Zu­dem be­fin­den sie sich in denk­mal­pfle­ge­risch wert­vol­len Häu­sern, die schon lan­ge in städ­ti­schem Be­sitz sind.

Al­les deu­tet al­so dar­auf hin, dass nach dem Bau des neu­en Uni­ge­bäu­des, das letz­te Wo­che vor­ge­stellt wur­de, meh­re­re Zü­rich­berg-vil­len auf den Markt kom­men. Die ein­drück­lichs­te Re­si­denz al­ler­dings, in der Stu­den­ten ein und aus ge­hen, ge­hört nicht da­zu: Die Vil­la Hag­mann an der Zol­li­ker­stras­se, ei­ne An­la­ge im Stil der Neu­renais­sance mit rie­si­gem Gar­ten, ist von der frü­he­ren Ei­gen­tü­me­rin an die Uni­ver­si­tät ver­macht wor­den mit der aus­drück­li­chen Auf­la­ge, dar­in ein Ethik­zen­trum ein­zu­rich­ten. Und da­bei bleibt es – auf dass in gross­zü­gi­ger Um­ge­bung gros­se Ge­dan­ken ge­dei­hen.

Fo­tos: Sa­mu­el Schalch

Seit 45 Jah­ren bie­tet die Vil­la Tan­neck den Alt­sprach­lern ei­ne Hei­mat.

Die­se kan­to­na­len Lie­gen­schaf­ten soll die Uni­ver­si­tät räu­men

Die sa­nie­rungs­be­dürf­ti­ge Vil­la Wehr­li wird von den Ang­lis­ten ge­nutzt.

In der Vil­la Eich­horst re­si­diert das Phi­lo­so­phi­sche Se­mi­nar.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.