Lu­zer­ner ver­wirk­li­chen ih­ren «un­ge­träum­ten Traum»

Eben hat die In­ner­schwei­zer Con­fi­se­rie Bach­mann ih­ren La­den an der Bahn­hof­stras­se be­zo­gen. Doch be­reits gibts Kri­tik von der Zürcher Ci­ty-ver­ei­ni­gung.

Tages Anzeiger - - Zürich - Tho­mas Zemp

Der Mann im di­cken Win­ter­man­tel zö­gert. «Leb­ku­chen, jetzt im Ja­nu­ar?», fragt er den Ver­käu­fer hin­ter der The­ke un­gläu­big. «Ja, in Lu­zern isst man den nicht nur zur Weih­nachts­zeit. Sie dür­fen gern ein Stück pro­bie­ren», ant­wor­tet der und weist auf die klein ge­schnit­te­nen Ku­chen­tei­le hin.

Die Con­fi­se­rie Bach­mann bringt mit Leb­ku­chen nicht nur ein tra­di­tio­nel­les Lu­zer­ner Ge­bäck an die Bahn­hof­stras­se. Das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men aus der Zen­tral­schweiz hat sich an pro­mi­nen­tes­ter La­ge in der Zürcher In­nen­stadt nie­der­ge­las­sen – kei­ne hun­dert Me­ter vom Ein­gangs­por­tal des Haupt­bahn­hofs ent­fernt. Der Strom an Pas­san­ten reisst den gan­zen Tag über nicht ab, zu Pend­ler­zei­ten ei­len Tau­sen­de am Ge­schäft vor­bei, die viel­leicht ein Gip­fe­li fürs Znü­ni oder ein Sand­wich für den Heim­weg kau­fen wol­len. Ei­ne bes­se­re La­ge gibt es kaum für ein Ge­schäft, das auf Lauf­kund­schaft an­ge­wie­sen ist.

«Ein­ma­li­ge Chan­ce

Trotz­dem. Ei­ne Bä­cke­rei an der pres­tig­träch­ti­gen Bahn­hof­stras­se? An ei­ner Stras­se mit den welt­weit höchs­ten Miet­zin­sen? «Der Stand­ort an der Bahn­hof­stras­se war für uns ein un­ge­träum­ter Traum», sagt Mat­thi­as Bach­mann, der mit sei­nem Bru­der Ra­pha­el das Un­ter­neh­men lei­tet. «Als wir die­se ein­ma­li­ge Chan­ce be­ka­men, muss­ten wir sie wahr­neh­men.» Die Fir­ma be­steht aus der Pro­duk­ti­ons­stät­te in Lu­zern so­wie 17 Nie­der­las­sun­gen, drei da­von in Zü­rich. Ne­ben dem Flagship-sto­re an der Bahn­hof­stras­se be­treibt das 1897 ge­grün­de­te Un­ter­neh­men Fi­lia­len in der Sihl­ci­ty und im Shop­pi Ti­vo­li in Sprei­ten­bach. An der Bahn­hof­stras­se 89 mie­ten die Bach­manns 600 Qua­drat­me­ter Flä­che auf drei Stock­wer­ken. Im Erd­ge­schoss be­fin­det sich der tra­di­tio­nel­le Ver­kaufs­la­den. Das An­ge­bot kon­zen­triert sich auf Ta­ke-awayEs­sen wie Sand­wi­ches, Sup­pen, Sa­la­te oder Süss­ge­bäck so­wie Ge­trän­ke, auf Bro­te, auf Ku­chen und auf die tra­di­tio­nel­len Lu­zer­ner Ge­bä­cke wie Leb­ku­chen und Bir­nen­weg­gen. An­ge­bo­ten wer­den auch Ma­ca­rons, die die Con­fi­se­rie in Lu­zern un­ter dem Na­men Lu­xem­bur­ger­li ver­kau­fen darf. Für die In­ner­schweiz hat das Un­ter­neh­men ei­ne ex­klu­si­ve Ver­ein­ba­rung mit Sprüng­li ab­ge­schlos­sen, um die­sen Aus­druck ver­wen­den zu kön­nen. Sprüng­lis Haupt­ge­schäft be­fin­det sich eben­falls an der Bahn­hof­stras­se – am Pa­ra­de­platz – und hat den Na­men Lu­xem­bur­ger­li schüt­zen las­sen. Es ist wohl das be­kann­tes­te Pro­dukt des Zürcher Un­ter­neh­mens.

Der ers­te Stock des neu­en Vor­zei­ge­la­dens der Bach­manns wid­met sich voll und ganz der Scho­ko­la­de: Kun­den kön­nen dort un­ter an­de­rem Pra­li­nés selbst ab­pa­cken. Ein Teil der Flä­che ist für Pro­duk­te der Kilch­ber­ger Fir­ma Lindt re­ser­viert. Doch nicht Lindt selbst mie­tet und be­treibt die­se Ab­tei­lung, son­dern die Lu­zer­ner Fir­ma. «Als Er­gän­zung zu un­se­rem Sor­ti­ment», sagt Mat­thi­as Bach­mann. Im drit­ten Stock­werk wird im März ein Re­stau­rant mit knapp 100 Sitz­plät­zen er­öff­net.

«Das Ge­schäft ist seit der Er­öff­nung am 20. De­zem­ber gut an­ge­lau­fen», sagt Mat­thi­as Bach­mann. Noch feh­le das ei­ne oder an­de­re, wie ei­ne Wär­me­the­ke für Pro­duk­te wie Schin­ken­gip­fe­li. Nun gel­te es, am Platz mit sehr ho­her Pas­san­ten­fre­quenz ei­ne Stamm­kund­schaft auf­zu­bau­en und her­aus­zu­fin­den, wo die Be­dürf­nis­se ge­nau lie­gen. «Das Ta­ke-away-ge­schäft wird ein ganz we­sent­li­cher Be­stand­teil sein, aber ich glau­be auch, dass wir dort Brot ver­kau­fen kön­nen.»

Zu viel Ver­pfle­gung

Ge­nau bei die­sem Punkt setzt die Kri­tik von Mi­lan Pre­no­sil ein. «An sich ist es ja er­freu­lich, wenn sich die Bahn­hof­stras­se ver­än­dert. Hat­ten wir frü­her am un­te­ren Teil der Stras­se zu vie­le Klei­der­lä­den, über­sät­tigt sich der Markt dort nun mit der schnel­len Ver­pfle­gung.» Mit den Ver­kaufs­lä­den an der Bahn­hof­stras­se und vor al­lem im Bahn­hof so­wie zwi­schen Lö­wen­platz und der un­te­ren Lö­wen­stras­se be­ste­he heu­te ein Über­an­ge­bot.

Pre­no­sil kennt die Um­ge­bung gut: Er ist Prä­si­dent der Ci­ty-ver­ei­ni­gung – dem Dach­ver­band des städ­ti­schen Ge­wer­bes –, da­zu Prä­si­dent des Ver­wal­tungs­rats der Con­fi­se­rie Sprüng­li. Die Ge­schich­te wie­der­ho­le sich, sagt er. Wie frü­her bei der Tex­til­bran­che se­he man heu­te bei der Ver­pfle­gung ei­ne Ni­sche. «Al­le ren­nen dann in die­sel­be Rich­tung.» Er set­ze Fra­ge­zei­chen hin­ter die­se Ent­wick­lung, die ei­nem Ver­drän­gungs­kampf gleich­kä­me. Die An­ge­bo­te wür­den nicht den Kun­den­be­dürf­nis­sen ent­spre­chen.

Die Ecke, in der die Con­fi­se­rie Bach­mann ein­ge­zo­gen ist, steht mus­ter­gül­tig für die Ver­än­de­rung der Bahn­hof­stras­se. Die Num­mer 89 war frü­her ein Sitz der Cre­dit Suis­se. Sie gab den Stand­ort auf und ver­kauf­te das Ge­bäu­de. Die Mo­de­ket­te Yen­di ver­kauf­te bis zum Kon­kurs vor knapp zwei Jah­ren dort ih­re Klei­der. Auch an­de­re Klei­der­lä­den muss­ten ih­re Ge­schäf­te an der Ver­kaufs­mei­le im Zu­ge der Kri­se der Bran­che – aus­ge­löst durch den On­line­han­del – schlies­sen.

Was vor we­ni­gen Jah­ren noch üb­lich war, ge­hört heu­te of­fen­bar der Ver­gan­gen­heit an, wie ein In­si­der sagt: das Be­zah­len von Schlüs­sel­geld. Vor al­lem in­ter­na­tio­na­le Ket­ten bo­ten Mie­tern an der Bahn­hof­stras­se sie­ben­stel­li­ge Sum­men, um ein Lo­kal über­neh­men zu kön­nen. Der In­si­der sagt, Yen­di ha­be dank ei­nes lang­jäh­ri­gen Ver­trags nur um die 700 000 Fran­ken Jah­res­zins be­zahlt, bei der Con­fi­se­rie Bach­mann sei es nun fast dop­pelt so viel. «Das ist aber im­mer noch we­nig: Hät­te die Be­sit­ze­rin, die Ta­no­va AG, das bes­te An­ge­bot an­ge­nom­men, hät­te sie den Be­trag fast ver­dop­peln kön­nen.»

«Den Ei­gen­tü­mern war wich­ti­ger, was ins Lo­kal kommt, als wie viel Miet­zins sie ver­lan­gen kön­nen.»

Mat­thi­as Bach­mann, Con­fi­seur

Fai­rer Miet­zins

Die Zah­len will Mat­thi­as Bach­mann nicht kom­men­tie­ren. Es sei ein markt­kon­for­mer und fai­rer Miet­zins. «Den Ei­gen­tü­mern war es wich­ti­ger, was in das Lo­kal kommt, als wie viel sie da­für er­hal­ten», be­stä­tigt er. Bach­mann sagt auch, dass sein Un­ter­neh­men nicht zum Zug ge­kom­men wä­re, hät­te die Ei­gen­tü­me­rin das höchs­te An­ge­bot an­ge­nom­men.

Die Con­fi­se­rie Bach­mann hat für den Stand­ort an der Bahn­hof­stras­se den Per­so­nal­be­stand von 470 Voll­zeit­stel­len auf 520 er­höht – da­von 42 in Zü­rich, der Rest wird in der Pro­duk­ti­on in Lu­zern auf­ge­stockt.

Fo­to: Do­mi­ni­que Mei­en­berg

Schnel­le Ver­pfle­gung un­ten, Scho­ko­la­de oben: Das La­den­lo­kal der Con­fi­se­rie Bach­mann an der Bahn­hof­stras­se.

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