Die St­un­de der Pes­si­mis­ten und Kon­junk­tur­for­scher

Tages Anzeiger - - Debatte - Andre­as Nein­haus Re­dak­tor bei «Fi­nanz und Wirt­schaft»

Viel schlech­ter hät­ten die Wirt­schafts­nach­rich­ten zum Jah­res­be­ginn nicht aus­fal­len kön­nen. Aus Deutsch­land wur­de letz­te Wo­che ge­mel­det, dass die In­dus­trie­pro­duk­ti­on auch im No­vem­ber deut­lich zu­rück­ge­gan­gen ist. Sie sank um 1,9% ge­gen­über dem Vor­mo­nat. Da­mit schwin­det die Chan­ce auf ein ge­sun­des Wachs­tum der deut­schen Ge­samt­wirt­schaft im Schluss­quar­tal 2018.

Nun war­nen Öko­no­men be­reits vor ei­ner «tech­ni­schen Re­zes­si­on» in Deutsch­land. Da­zu ge­nü­gen zwei Bip-quar­tals­rück­gän­ge in Fol­ge. Leit­zins­er­hö­hun­gen wer­den weit­ge­hend aus­ge­schlos­sen. Ak­ti­en ste­hen über­all auf der Ver­kaufs­lis­te, si­che­re Staats­an­lei­hen sind sehr hoch be­wer­tet. Es ist nicht zu leug­nen, dass die Welt­wirt­schaft lang­sa­mer wächst. Die glo­ba­le Kon­junk­tur kühlt sich seit dem zwei­ten Halb­jahr 2018 ab. Of­fen bleibt je­doch, wie viel da­von auf das Kon­to von ein­ma­li­gen Son­der­fak­to­ren geht, die den ge­gen­wär­tig sicht­ba­ren Ab­schwung vor­über­ge­hend nach un­ten ver­zer­ren. So ha­ben in Eu­ro­pa Lie­fer­stopps der Au­to­her­stel­ler be­trächt­lich zu den Ne­ga­tiv­wer­ten bei­ge­tra­gen. Da­hin­ter steckt die Die­sel­af­fä­re. Um Schum­me­lei­en bei den Ab­gas­tests künf­tig zu ver­hin­dern, wur­de ein neu­es Prüf­ver­fah­ren ein­ge­führt. We­gen der Un­ge­wiss­heit rund um die Um­stel­lung dros­sel­ten die Her­stel­ler die Pro­duk­ti­on. Die Zahl der aus­ge­lie­fer­ten Fahr­zeu­ge sank dras­tisch, was sich im in- und aus­län­di­schen Wirt­schafts­wachs­tum nie­der­schlug.

Auch die Schweiz ist be­trof­fen. Das Brut­to­in­land­pro­dukt ist un­ter an­de­rem des­we­gen im drit­ten Quar­tal ge­gen­über dem zwei­ten ge­sun­ken. Doch es wa­ren noch wei­te­re be­son­de­re Fak­to­ren am Werk: IOK und Fi­fa hat­ten im ers­ten Halb­jahr enor­me Li­zenz­ein­nah­men im Zu­sam­men­hang mit den Olym­pi­schen Spie­len und der Fuss­ball-wm ver­zeich­net, die das BIP auf­bläh­ten, im drit­ten Quar­tal je­doch aus­blie­ben. Die Herbst­kol­lek­ti­on im De­tail­han­del fiel prak­tisch aus, und we­gen der Tro­cken­heit pro­du­zier­ten Was­ser­kraft­wer­ke we­ni­ger Elek­tri­zi­tät, so­dass mehr Strom im­por­tiert wer­den muss­te.

Aus­nah­me­si­tua­tio­nen ha­ben den Ab­schwung so­mit über­zeich­net. Aus die­sem Grund sind Kon­junk­tur­for­scher im neu­en Jahr be­son­ders ge­for­dert. Sie müs­sen die ein­tref­fen­den Da­ten zwei­mal um­dre­hen, be­vor sie Rück­schlüs­se auf die Wirt­schafts­ent­wick­lung tref­fen: Setzt sich der zy­kli­sche Ab­schwung un­ver­min­dert fort oder lau­fen die ne­ga­ti­ven Son­der­ef­fek­te aus und sta­bi­li­siert sich die Kon­junk­tur? Dass das in der Pra­xis gar nicht so ein­fach ist, zei­gen eben­falls ak­tu­el­le deut­sche Wirt­schafts­da­ten. Die Auf­trags­ein­gän­ge sind im No­vem­ber über­ra­schend stark ge­fal­len. Auf den ers­ten Blick spricht das für ei­ne Fort­set­zung des ne­ga­ti­ven Trends und ei­ne Be­stä­ti­gung der Re­zes­si­ons­angst. Bei nä­he­rer Be­trach­tung er­gibt sich je­doch ein an­de­res Bild.

In­ter­es­sant ist die Ana­ly­se der Com­merz­bank. Sie prä­zi­siert: «Der deut­li­che Rück­gang der Eu­ro-or­ders ist haupt­säch­lich ei­ne Kor­rek­tur der sehr star­ken Auf­trags­ein­gän­ge aus der Luft- und Raum­fahrt­in­dus­trie im Ok­to­ber. Des­halb ist dies al­so kei­ne Hi­obs­bot­schaft für die deut­sche In­dus­trie, zu­mal die Auf­trä­ge aus dem In­land und dem aus­ser­eu­ro­päi­schen Aus­land mit je­weils über 2% recht or­dent­lich ge­stie­gen sind.»

Es lohnt sich, die Au­gen of­fen zu hal­ten. Bei den Au­to­ver­käu­fen in Eu­ro­pa ist be­reits ei­ne leich­te Auf­hel­lung aus­zu­ma­chen. Ein Si­gnal da­für, dass die glo­ba­le Kon­junk­tur er­neut Fuss fasst, wä­re das An­zie­hen der Roh­stoff­prei­se. Ei­ne Ent­span­nung bei den Us-chi­ne­si­schen Han­dels­ge­sprä­chen könn­te hier­bei Wun­der wir­ken. Dies wä­ren Si­gna­le, dass die Zeit für die gröss­ten Schwarz­se­her ab­ge­lau­fen ist und an den Ak­ti­en- und An­lei­hen­märk­ten die nächs­te Wel­le der Neu­po­si­tio­nie­rung ein­setzt.

Öko­no­men war­nen vor ei­ner «tech­ni­schen Re­zes­si­on».

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