Vä­ter er­hal­ten zwei Wo­chen be­zahl­te Pa­pi­zeit

Gleich­stel­lung Der Na­tio­nal­rat si­chert die zwei­wö­chi­ge Aus­zeit. Die Initia­ti­ve für ei­nen dop­pelt so lan­gen Va­ter­schafts­ur­laub lehnt das Par­la­ment hin­ge­gen ab.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Clau­dia Blu­mer

Vä­ter be­kom­men in der Schweiz zwei Wo­chen be­zahl­te Be­treu­ungs­zeit. Das hat der Na­tio­nal­rat ges­tern ent­schie­den. Er tat es dem Stän­de­rat gleich, der im Ju­ni eben­falls die Volks­in­itia­ti­ve für ei­nen vier­wö­chi­gen Va­ter­schafts­ur­laub zur Ab­leh­nung emp­foh­len, je­doch den in­di­rek­ten Ge­gen­vor­schlag für zwei Wo­chen be­für­wor­tet hat.

Der Na­tio­nal­rat de­bat­tier­te den gan­zen Tag lang zum The­ma, 58 Red­ner tra­ten ans Pult. Ver­tre­ter von SP bis FDP spra­chen sich mit Ve­he­menz für die Vor­la­ge aus, wo­bei vie­len von ih­nen die zwei Wo­chen zu we­nig wa­ren. Ein­zig die SVP und ei­ne Min­der­heit der FDP lehn­ten Volks­in­itia­ti­ve und Ge­gen­vor­schlag ab. Nach lan­ger De­bat­te stimm­te der Na­tio­nal­rat am Mitt­woch­abend mit 129 zu 62 dem Ge­gen­vor­schlag zu – in ei­nem kom­pli­zier­ten Ab­stim­mungs­ver­fah­ren. Es wa­ren rund ein Dut­zend An­trä­ge ein­ge­reicht wor­den be­tref­fend Mo­dell, Be­zugs­dau­er und wei­te­re Mo­da­li­tä­ten. Die Ma­xi­mal­for­de­rung stamm­te von Irè­ne Kä­lin, Grü­ne aus dem Kan­ton Aar­gau. Sie for­der­te 52 Wo­chen El­tern­zeit.

Nach der Schluss­ab­stim­mung En­de Sep­tem­ber wird das Initia­ti­vko­mi­tee über ei­nen Rück­zug der Initia­ti­ve ent­schei­den. Wenn sie zur Ab­stim­mung kommt, ent­schei­det wohl das Volk in der ers­ten Jah­res­hälf­te 2020. Wenn sie zu­rück­ge­zo­gen oder vom Volk ab­ge­lehnt wird, muss der Bun­des­rat den Va­ter­schafts­ur­laub wie be­schlos­sen in Kraft set­zen. Wei­te­re Vor­stös­se gibt es oh­ne­hin: ei­ne kan­to­na­le El­tern­zeit-initia­ti­ve der SP Zü­rich, die am Sams­tag lan­ciert wird, und ei­ne na­tio­na­le El­tern­zeit-initia­ti­ve der SP und des Ver­eins Pu­b­lic Be­ta. Frag­lich ist, ob sie sich auf ei­nen Initia­tiv­text ei­ni­gen kön­nen.

Die Schwei­zer Spiel­ban­ken­kom­mis­si­on kün­digt an, sich ge­gen il­le­gal ope­rie­ren­de aus­län­di­sche An­bie­ter zu weh­ren. So schreibt es das neue Geld­spiel­ge­setz vor. Kon­se­quen­ter­wei­se, könn­te man mei­nen, hat die Kom­mis­si­on vor ei­ner Wo­che den Zu­gang zu 100 aus­län­di­schen On­li­ne­ca­si­nos ge­sperrt. Da­mit ha­ben die Be­hör­den zu­nächst ein­mal ge­zeigt, wie we­nig sie vom Funk­tio­nie­ren des In­ter­nets ver­ste­hen. Denn die Sper­ren sind der­mas­sen leicht zu um­ge­hen, dass man noch am sel­ben Tag die da­zu nö­ti­gen sim­plen An­lei­tun­gen ins Netz ge­lie­fert be­kam.

Wie un­glaub­wür­dig die Be­für­wor­ter des neu­en Ge­set­zes blei­ben, zeig­te schon der Ab­stim­mungs­kampf: Sie wur­den von den Schwei­zer Spiel­ca­si­nos un­ter­stützt. Die Bran­che will ih­re Ge­schäf­te vor der aus­län­di­schen Kon­kur­renz schüt­zen. Da­zu passt, dass das Ge­setz On­li­ne­spie­le Schwei­zer An­bie­ter zu­lässt.

Aber die lü­cken­haf­te Kon­trol­le hat auch Sys­tem. Die Schweiz hat sich noch nie auf glaub­haf­te Wei­se ge­gen die Ver­hee­run­gen ein­ge­setzt, wel­che die Ca­si­nos und ih­re In­ter­net­an­bie­ter bei den Usern aus­lö­sen. Bis zu zwei Pro­zent der Schwei­zer Be­völ­ke­rung gel­ten als spiel­süch­tig. Ein Drit­tel von ih­nen ver­liert ihr Geld on­li­ne. Die Rück­fall­ge­fahr ist dort be­son­ders hoch, weil man auch auf dem Han­dy spie­len kann.

Im­mer wie­der hört man von Spiel­süch­ti­gen, die erst ihr ei­ge­nes Geld, dann das ih­rer An­ge­hö­ri­gen und zu­letzt ih­rer Fir­ma ver­spielt ha­ben. Und von den Ca­si­nos trotz­dem nicht oder spät ge­sperrt wer­den. War­um auch? Die gröss­ten Ver­lie­rer ga­ran­tie­ren die gröss­ten Ge­win­ne.

Dass da­von auch der Bund pro­fi­tiert, weil er Mil­lio­nen von Fran­ken in Kul­tur, Sport und AHV in­ves­tie­ren kann, ist das Strei­che­lar­gu­ment, mit dem die man­geln­den Ein­schrän­kun­gen der Spiel­bran­che ge­recht­fer­tigt wer­den, im Ein­klang mit dem Ar­gu­ment der Frei­heit für die Wirt­schaft und den da­mit ver­bun­de­nen Steu­er­ein­nah­men. Da­mit kön­nen sich die Kan­to­ne um ei­ne trans­pa­ren­te Fi­nan­zie­rung öf­fent­li­cher Auf­ga­ben drü­cken.

Aber die Hal­tung der Schweiz geht über sol­che Ge­win­ne hin­aus. Sonst wür­de der Bund mehr ge­gen die in­ter­na­tio­na­le Kon­kur­renz un­ter­neh­men, wie das zum Bei­spiel Schweden tut. Um zu ver­ste­hen, war­um un­ser Land sich so we­nig für Spiel­süch­ti­ge und ih­re An­ge­hö­ri­gen ein­setzt, die ja min­des­tens so sehr lei­den wie der Süch­ti­ge sel­ber, muss man die Men­ta­li­tät ver­ste­hen, aus der her­aus ar­gu­men­tiert wird. Po­li­ti­sche Hel­fer der Ca­si­no­lob­by re­den je­weils von «Ei­gen­ver­ant­wor­tung» und se­hen «die Frei­heit der Bür­ger» in Ge­fahr, als ge­he es dar­um, das Geld­spie­len ganz zu ver­bie­ten. Al­so ist hier vor al­lem Ideo­lo­gie im Spiel.

Wie un­glaub­wür­dig auch das neue Geld­spiel­ge­setz ope­riert, zeigt der Ein­satz der Prä­ven­ti­on. Für die­se blei­ben fast aus­schliess­lich die An­bie­ter der Geld­spie­le ver­ant­wort­lich. Da­bei müs­sen sie nicht mehr mit den Sucht­fach­stel­len ko­ope­rie­ren. Das ist, als wür­de man Ge­schwin­dig­keits­li­mi­ten ei­nem Ra­ser über­las­sen.

Zum ers­ten Mal hat das Hand­buch der psych­ia­tri­schen Dia­gno­sen (DSM­V) das krank­haf­te Glücks­spiel in die Ka­te­go­rie der Süch­te ein­ge­reiht, da es ähn­li­che Vor­gän­ge im Ge­hirn aus­löst. In der Schweiz sind et­wa 1500 Men­schen vom He­ro­in ab­hän­gig. Bei den Geld­spie­len sind es 120 000.

Fo­to: Ju­li­an Ne­dev (Ala­my)

Am Glücks­spiel ver­dient auch der Staat. Ver­nach­läs­sigt er des­halb Mass­nah­men ge­gen die Spiel­sucht?

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