Ge­richt durch­kreuzt John­sons Plä­ne

Ana­ly­se Is­ra­els Pre­mier­mi­nis­ter be­strei­tet sei­ne letz­te grosse Wahl­schlacht. Er kün­digt an, grosse Tei­le des West­jor­dan­lands zu an­nek­tie­ren. Die Rech­te der Pa­läs­ti­nen­ser sind ihm da­bei egal.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Alex­an­dra Fö­derl-schmid, Tel Aviv

Grossbrita­nnien Ein schot­ti­sches Be­ru­fungs­ge­richt hat die von Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son auf­er­leg­te Zwangs­pau­se des bri­ti­schen Par­la­ments als un­recht­mäs­sig er­klärt. Die Zwangs­pau­se sei «il­le­gal», ur­teil­te das Ge­richt in Edin­burgh. Ihr Ziel sei es of­fen­sicht­lich, «das Par­la­ment zu be­hin­dern». Ge­klagt hat­ten et­wa 75 Par­la­men­ta­ri­er. Sie se­hen in der von John­son er­wirk­ten wo­chen­lan­gen Schlies­sung des Un­ter­hau­ses vor dem am 31. Ok­to­ber an­ste­hen­den EU­Aus­tritt Gross­bri­tan­ni­ens ei­ne un­zu­läs­si­ge Ein­schrän­kung des Par­la­ments. Ähn­li­che Kla­gen wur­den auch vor Ge­rich­ten im nord­iri­schen Bel­fast und in Lon­don ein­ge­reicht. Die Re­gie­rung zeig­te sich «ent­täuscht» und kün­dig­te Be­ru­fung vor dem obers­ten bri­ti­schen Ge­richt an.

Ben­ja­min Ne­tanya­hus An­kün­di­gung, grosse Tei­le des West­jor­dan­lan­des zu an­nek­tie­ren, ist dem Wahl­kampf und den Er­eig­nis­sen in den USA ge­schul­det: Kurz vor der Par­la­ments­wahl am Di­ens­tag steht Is­ra­els Pre­mier mit dem Rü­cken zur Wand. Sei­ne Par­tei, der rechts­na­tio­na­le Li­kud, liegt in Um­fra­gen hin­ter dem Bünd­nis der Mit­te des Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­kers Ben­ny Gantz. Aus­ser­dem kom­men ihm Ver­bün­de­te in den USA – Nah­ost­ver­hand­ler Ja­son Gre­en­blatt und Si­cher­heits­be­ra­ter John Bol­ton – ab­han­den. Prä­si­dent Do­nald Trump, der auf Ne­tanya­hus Drän­gen hin den Atom­ver­trag mit dem Iran ge­kün­digt hat, ist nun plötz­lich zu ei­nem Tref­fen mit dem Erz­feind be­reit – noch da­zu oh­ne Vor­be­din­gun­gen.

Ne­tanya­hu spricht von ei­ner «his­to­ri­schen Ge­le­gen­heit», die sich für die Anne­xi­on er­ge­be. Er will Fakten schaf­fen. Denn ob der von Trump an­ge­kün­dig­te Nah­ost-frie­dens­plan kommt, ist un­ge­wiss – erst recht, ob er zum an­ge­kün­dig­ten «De­al des Jahr­hun­derts» führt. Der Po­lit­pro­fi Ne­tanya­hu weiss, dass er sich auf Trump nicht ver­las­sen kann. Wi­der­stand aber wird es aus den USA nicht ge­ben, soll­te Ne­tanya­hu nach ei­ner Wie­der­wahl sei­ne An­kün­di­gung um­set­zen. Auch von der EU, die sich ver­bal für ei­ne Zwei­staa­ten­lö­sung ein­setzt, sich aber sonst her­aus­hält, ist ausser Pro­test nicht viel zu er­war­ten. Die deut­sche Re­gie­rung bei­spiels­wei­se hat zwar Kri­tik am Vor­ge­hen Ne­tanya­hus ge­äus­sert. Aber Ber­lin wird sich nicht ein­mal trau­en, di­plo­ma­ti­sche In­stru­men­te an­zu­wen­den, die bei an­de­ren Staa­ten üb­lich sind wie die Ein­be­ru­fung des Bot­schaf­ters. Auf­ru­fe der Eu­ro­pä­er zur Mäs­si­gung igno­riert Ne­tanya­hu ge­nau­so wie ih­re For­de­run­gen nach ei­ner Zwei­staa­ten­lö­sung.

Bis­her hat der ins­ge­samt schon 13 Jah­re am­tie­ren­de Pre­mier mit der Um­set­zung der Anne­xi­on ge­zö­gert, denn sie wür­de das for­ma­le En­de des in den Neun­zi­ger­jah­ren be­gon­ne­nen Os­lo-frie­dens­pro­zes­ses be­deu­ten. Auch die Pa­läs­ti­nen­ser ha­ben Chan­cen zur Ver­stän­di­gung nicht ge­nutzt, doch nun scheint Ne­tanya­hu in Kauf zu neh­men, al­lein für das Schei­tern ver­ant­wort­lich ge­macht zu wer­den. Bis­her hat er lie­ber den Sied­lungs­bau ge­för­dert und so Fakten ge­schaf­fen.

Tei­le des be­setz­ten West­jor­dan­lan­des for­mal un­ter Is­ra­els Sou­ve­rä­ni­tät zu stel­len, hat­te Ne­tanya­hu schon frü­her an­ge­kün­digt. Dies­mal be­zog sich der rechts­na­tio­na­le Po­li­ti­ker aber auch auf das Jor­d­an­tal, nicht nur auf die 120 jü­di­schen Sied­lun­gen. Das Jor­d­an­tal um­fasst et­wa 30 Pro­zent der Flä­che des West­jor­dan­lan­des, so­mit wür­de Is­ra­el rund zwei Drit­tel des einst den Pa­läs­ti­nen­sern ver­spro­che­nen Staats­ge­bie­tes be­an­spru­chen. Da­mit blie­ben fast nur die von den Pa­läs­ti­nen­sern ver­wal­te­ten Städ­te im West­jor­dan­land üb­rig. Aus die­sem Fli­cken­tep­pich lies­se sich kein Staat for­men.

Dem po­li­ti­schen Über­le­bens­künst­ler Ben­ja­min Ne­tanya­hu ist im Buh­len um die Wäh­ler­gunst be­kannt­lich je­des Mit­tel recht. Laut meh­re­ren Um­fra­gen ste­hen die Chan­cen schlecht für ihn, ei­ne Ko­ali­ti­on oh­ne Avigdor Lie­ber­m­ans ul­tra­na­tio­na­le Par­tei zu­stan­de zu brin­gen. Ne­tanya­hu kämpft des­halb nicht mehr für ei­ne rech­te Ko­ali­ti­on, son­dern vor al­lem für sich selbst. Nur wenn der Li­kud auf Platz eins lan­det, kann er den Füh­rungs­an­spruch auch im Fal­le ei­ner Ko­ali­ti­on mit Ben­ny Gantz be­an­spru­chen. Nur dann kann er ein Im­mu­ni­täts­ge­setz an­stre­ben, das ihm Schutz vor drei dro­hen­den Kor­rup­ti­ons­an­kla­gen bie­tet. Dies ist Ne­tanya­hus letz­te Wahl­schlacht. Er ist of­fen­bar be­reit, al­les für den Macht­er­halt zu tun.

Fo­to: Oded Balilty (AP)

Ben­ja­min Ne­tanya­hu steht vor der Par­la­ments­wahl mit dem Rü­cken zur Wand.

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