Vom Schog­gi-kö­nig zum Sit­ten­wäch­ter

Marsch fürs Lä­be Cho­co­la­tier Jürg Lä­derach ist ei­ner der be­kann­tes­ten Moral­apos­tel in der Schweiz. Mit lan­gem Atem kämpft er ge­gen Ab­trei­bung, Por­no­gra­fie und Ho­mo­se­xua­li­tät, heu­te nicht mehr so of­fen wie frü­her – aber nicht we­ni­ger en­ga­giert.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Micha­el Mei­er

Am Sams­tag lädt der­ver­ein «Marsch fürs Lä­be» zum Pro­test­um­zug ge­gen Ab­trei­bun­gen durch Zü­rich. Im Vor­stand des Ver­eins ist auch der Glar­ner Cho­co­la­tier Jürg Lä­derach ak­tiv, der be­reits seit Jahr­zehn­ten ge­gen Ab­trei­bung, Por­no­gra­fie und Ho­mo­se­xua­li­tät kämpft. Was treibt den er­folg­rei­chen Scho­ko­la­de-fa­b­ri­kan­ten an?

Die from­men Ab­trei­bungs­geg­ner ha­ben sich durch­ge­setzt. Am nächs­ten Sams­tag zieht der «Marsch fürs Lä­be» durch Zü­rich, um ge­gen das «sys­te­ma­ti­sche Eli­mi­nie­ren von be­hin­der­tem Le­ben» zu de­mons­trie­ren. Pro­mi­nen­tes­tes Mit­glied im Vor­stand des Ver­eins ist Jürg Lä­derach, In­ha­ber und Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent der Lä­derach AG. Der Scho­ko­la­de­fa­bri­kant prä­si­diert auch die in Zü­rich do­mi­zi­lier­te Han­dels­kam­mer Deutsch­lan­dSchweiz. Beim Ver­ein «Marsch fürs Lä­be» ist er Kas­sier, sein Ka­der­mann Wal­ter Mann­hart, Lei­ter Ein­kauf bei Lä­derach, ist Ak­tu­ar. Die zwei sind ein ein­ge­spiel­tes evan­ge­li­ka­les Ge­spann ge­gen den Moral­zer­fall.

War­um en­ga­giert sich Lä­derach als Le­bens­schüt­zer? Wird er am Sams­tag in Zü­rich auch de­mons­trie­ren, wo er be­son­ders vie­le Fi­lia­len hat? Der The­men­kreis be­tref­fe das pri­va­te und per­sön­li­che En­ga­ge­ment ein­zel­ner Mit­glie­der der Fa­mi­lie Lä­derach und wer­de durch das Un­ter­neh­men nicht kom­men­tiert, mailt Ely­ne Hager, Lei­te­rin Kom­mu­ni­ka­ti­on der Lä­derach AG, auf An­fra­ge. «Für pri­va­te Fra­gen steht Herr Jürg Lä­derach nicht zur Ver­fü­gung.» Pri­va­te Fra­gen? Der «Marsch fürs Lä­be» ver­steht sich als Kund­ge­bung samt Be­kennt­nis­marsch, ist al­so per se öf­fent­lich.

Ge­gen «Har­ry Pot­ter»

Jürg Lä­derach mo­ra­li­siert mit lan­gem Atem. Seit 25 Jah­ren kämpft er ge­gen den «mo­ra­li­schen Nie­der­gang welt­weit» und für die «Er­hal­tung christ­li­cher Wer­te in Po­li­tik und Ge­sell­schaft». So das Ziel der Or­ga­ni­sa­ti­on Chris­ti­ans for Truth (CFT), die er seit 1994 prä­si­diert.

Der Ver­ein, der sich seit kur­zem Chris­tia­ni­ty for To­day nennt, hat den «Marsch fürs Lä­be» mit­be­grün­det. Lä­derach ver­tritt dort zu­sam­men mit Mann­hart den Ver­ein CFT, der ge­gen as­sis­tier­ten Sui­zid, vor- und aus­ser­ehe­li­chen Ver­kehr, Por­no­gra­fie oder «Har­ry Pot­ter» Stel­lung be­zieht.

Häu­fig un­ter­zeich­nen die bei­den Schrei­ben ge­mein­sam, et­wa an die Ki­osk-ag, die doch bit­te ih­re Ver­kaufs­stel­len fa­mi­li­en­freund­lich, al­so por­no­frei, ge­stal­ten soll. CFT ruft auch zu Kund­ge­bun­gen ge­gen Ero­tik­mes­sen, Män­ner­strips und das Mu­si­cal «Je­sus Christ Su­per­star» auf oder for­dert auf Schu­le­be­ne mehr Ein­fluss der Krea­tio­nis­ten.

Ne­ben Ab­trei­bung ist Ho­mo­se­xua­li­tät das zen­tra­le The­ma von CFT. Schon 2005 schrie­ben Lä­derach und Mann­hart an Bun­des­rat Blo­cher: «Mit grosser Be­sorg­nis und Be­trof­fen­heit er­le­ben wir, wie gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re ei­nen an­er­kann­ten Sta­tus er­hal­ten sol­len ... Dass Sie als Ver­tre­ter der Lan­des­re­gie­rung, die­se star­ke Lob­by in der Are­na mit Ih­rem Ja zum Part­ner­schafts­ge­setz un­ter­stüt­zen wer­den, schwächt das Ver­trau­en in den Bun­des­rat, der sei­ne Auf­ga­be als Füh­rer un­se­res Vol­kes in der Ver­ant­wor­tung vor Gott und sei­nen Ord­nun­gen wahr­neh­men soll­te.»

Der er­folg­rei­che Scho­ko­la­de­pro­du­zent, der ak­tu­ell 850 Mit­ar­bei­ten­de be­schäf­tigt und ge­mäss «Bi­lanz» ei­nen Um­satz von 125 Mil­lio­nen Fran­ken macht, hält sich heu­te mit un­ver­blüm­ten Moralap­pel­len zu­rück. Spricht der Con­fi­se­rie-un­ter­neh­mer öf­fent­lich über den Glau­ben, dann ger­ne als christ­li­cher Pa­tron, der sei­ner «Cho­co­la­te Fa­mi­ly» Wer­te wie Lie­be und Men­sch­lich­keit ans Herz le­ge. Im Zürcher Pro­gramm des «Marschs fürs Lä­be» er­scheint Lä­derach nicht als Red­ner. Bil­der wie das von 1996, das ihn als Spre­cher kon­ser­va­ti­ver Chris­ten auf der Rüt­li­wie­se zeigt, gibt es heu­te kaum mehr.

Wie der Va­ter so der Sohn

Im vier­tel­jähr­lich er­schei­nen­den Bul­le­tin von CFT lässt Lä­derach dar­um lie­ber an­de­re ge­gen den Ver­fall der Moral an­schrei­ben, Wal­ter Mann­hart et­wa oder sei­nen äl­tes­ten Sohn, Jo­han­nes Lä­derach, der letz­tes Jahr sei­nen Va­ter als CEO der Lä­derach AG ab­ge­löst hat.

Der 33-jäh­ri­ge Jung­un­ter­neh­mer stell­te sich et­wa hin­ter den Svp-po­li­ti­ker und Ok-prä­si­den­ten des «Marschs fürs Lä­be» Da­ni­el Re­g­li, als die­ser 2017 im Zürcher Ge­mein­de­rat ei­nen Eklat pro­vo­zier­te. Re­g­li sag­te, pro­mis­ke Ho­mo­se­xu­el­le zwi­schen 30 und 40 wür­den sich das Le­ben neh­men, weil «der Anal­mus­kel nicht mehr hält, was er ver­spricht». Die Em­pö­rung ging weit über das Zürcher Rat­haus und die Frak­tio­nen hin­aus.

Jo­han­nes Lä­derach in­des, wie sein Va­ter im Vor­stand von CFT, zeig­te sich in des­sen Bul­le­tin er­staunt, wes­halb kein ein­zi­ger Po­li­ti­ker und kein ein­zi­ges Me­di­um auf die Fra­ge ein­ge­gan­gen sei, ob es ein sol­ches me­di­zi­ni­sches Pro­blem tat­säch­lich ge­be. Kein Arzt sei in­ter­viewt und kei­ne Sta­tis­tik zu Selbst­mord­ra­ten sei über­prüft wor­den.

Fra­gen zum Fir­men­ge­winn

Statt­des­sen ha­be man nur auf den Mann ge­spielt und Reg­lis The­sen ab­strus, men­schen­ver­ach­tend ge­nannt. Der Po­li­ti­ker kön­ne von Glück re­den, zi­tiert Lä­derach die Kri­ti­ker, dass sich die Ras­sis­musS­traf­norm nicht auf Ho­mo­se­xu­el­le be­zie­he, sonst müss­te er mit ei­ner An­zei­ge rech­nen. Fol­ge­rich­tig de­bat­tier­te Jo­han­nes Lä­derach an der Cft-jah­res­kon­fe­renz 2018 zu­sam­men mit dem Chu­rer Bis­tums­spre­cher Gi­u­sep­pe Gra­cia über «Mei­nungs­frei­heit – ei­ne Il­lu­si­on?».

Die Lä­derach AG, ein nicht bör­sen­ko­tier­ter Fa­mi­li­en­be­trieb, muss sei­ne Zah­len nicht of­fen­le­gen. Wie an­de­re Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mer ver­wen­de man den Ge­winn auch für Tä­tig­kei­ten, die aus Sicht der Fa­mi­lie wich­tig sei­en, zi­tiert die Zeit­schrift «Idea Schweiz» Jo­han­nes Lä­derach. «Wir un­ter­stüt­zen auch Pro­jek­te im christ­lich-so­zia­len Be­reich.» Al­so auch den «Marsch fürs Lä­be»? Die Aus­sa­ge von Jo­han­nes Lä­derach sei miss­ver­ständ­lich, kor­ri­giert ihn die ei­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­auf­trag­te Hager: Die Fir­ma Lä­derach in­ves­tie­re «in kei­ner Wei­se in christ­lich-so­zia­le Pro­jek­te». Sie för­de­re viel­mehr in ih­rem di­rek­ten Ein­fluss­ge­biet Ak­ti­vi­tä­ten zu­guns­ten ei­ner nach­hal­ti­gen Ge­schäfts­tä­tig­keit – et­wa in der Ka­kao­be­schaf­fung, Ener­gie­ef­fi­zi­enz oder Was­te Ma­nage­ment. Rich­tig und öf­fent­lich be­kannt sei, «dass sich ein­zel­ne Fa­mi­li­en­mit­glie­der für christ­lich­so­zia­le Pro­jek­te oder For­schungs­tä­tig­kei­ten im Ge­sund­heits­be­reich en­ga­gie­ren».

Im Ge­sund­heits­be­reich? Nicht viel­mehr im Be­reich Le­bens­schutz? Lä­der­achs Chris­ti­ans for Truth hat­ten mass­geb­lich die Initia­ti­ve für Mut­ter und Kind un­ter­stützt, wel­che Ab­trei­bun­gen grund­sätz­lich und selbst bei Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fern ver­bie­ten woll­te. Sie wur­de am 2. Ju­ni 2002 vom Volk mas­siv ver­wor­fen. Im Initia­ti­vko­mi­tee sas­sen meh­re­re Mit­glie­der des Mis­si­ons­werks Kwa­siz­aba­ntu, der Mut­ter­or­ga­ni­sa­ti­on von CFT.

Ei­ge­ne Frei­kir­che

Das Mis­si­ons­werk war vom deutsch­stäm­mi­gen Süd­afri­ka­ner Er­lo Ste­gen ge­grün­det wor­den, der sich als Ge­sand­ter Got­tes sieht. Der von Süd­afri­ka aus welt­weit mis­sio­nie­ren­de Pre­di­ger ist mit der Fa­mi­lie Lä­derach und dem Schwei­zer Zweig von Kwa­siz­aba­ntu ver­bun­den. Do­mi­zi­liert ist das Mis­si­ons­werk im Hof Ober­kirch im sanktgal­li­schen Kalt­brunn. Jürg Lä­derach prä­si­diert die Hof Ober­kirch AG, zu der auch die christ­li­che Pri­vat­schu­le Do­mi­no Ser­vi­te ge­hört. Sei­ne Kin­der ha­ben die­se Schu­le be­sucht, sei­ne Frau ist dort Leh­re­rin.

Zur­zeit ist dort viel in Be­we­gung: Ge­ra­de ha­ben sich die Or­ga­ni­sa­tio­nen auf Hof Ober­kirch ei­ne Image­kor­rek­tur samt Na­mens­än­de­rung ver­passt. Die Pri­vat­schu­le Do­mi­no Ser­vi­te heisst jetzt Christ­li­che Schu­le Linth. Sie be­zweckt nach wie vor, «die Kin­der und Ju­gend­li­chen zur Ehr­furcht vor dem drei­ei­ni­gen Gott und zu le­bens­tüch­ti­gen, rei­fen Men­schen zu er­zie­hen». Das Mis­si­ons­werk Kwa­siz­aba­ntu wur­de in Evan­ge­li­sche Ge­mein­de Hof Ober­kirch um­be­nannt. Sie soll et­wa 200 Mit­glie­der ha­ben und ist ge­mäss dem Re­li­gi­ons- und Sek­ten­ex­per­ten Ge­org Ot­to Schmid ei­ne «evan­ge­li­ka­le Ge­mein­de am kon­ser­va­ti­ven Rand der Frei­kir­chen­sze­ne».

Fo­to: Anthony Anex (Keystone)

1500 Men­schen ha­ben letz­tes Jahr in Bern am «Marsch fürs Lä­be» teil­ge­nom­men, ei­ner be­wil­lig­ten Kund­ge­bung ge­gen Ab­trei­bung.

Fo­to: Sogl

Scho­ko­la­de­fa­bri­kant Jürg Lä­derach.

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