Ei­ni­gung im Stahl­streit

Stahl Der Streit zwi­schen Gross­ak­tio­nä­ren ist bei­ge­legt, die Ak­tio­nä­re ge­neh­mig­ten die Ka­pi­tal­er­hö­hung mit gros­ser Mehr­heit. Die Stahl­fir­ma ha­be aber schwie­ri­ge Hin­der­nis­se zu über­win­den, warnt Prä­si­dent Jens Al­der.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Andre­as Flütsch

Schmolz + Bi­cken­bach Die Gross­ak­tio­nä­re des Schwei­zer Stahl­kon­zerns Schmolz + Bi­cken­bach (S+B) ha­ben sich in letz­ter Mi­nu­te ge­ei­nigt. Mar­tin Ha­ef­ner von der Amag und die von Vik­tor Vek­sel­berg be­herrsch­te Li­wet Hol­ding sag­ten an der Ge­ne­ral­ver­samm­lung Ja zu ei­ner Ka­pi­tal­er­hö­hung. Die­se spült dem Un­ter­neh­men 325 Mil­lio­nen Fran­ken in die lee­ren Kas­sen. Ha­ef­ner hat zu­dem ein Be­kennt­nis ab­ge­ge­ben, dass er für ei­ne Über­gangs­fi­nan­zie­rung durch die Ban­ken sor­ge. Es wur­de ver­ein­bart, dass

Ha­ef­ner künf­tig ei­nen An­teil von 37,5 Pro­zent der Ak­ti­en hält, die Li­wet 25 Pro­zent. Da­mit ist klar, dass Ha­ef­ner künf­tig bei S+B das Sa­gen hat. Ge­fähr­den könn­te die Ab­ma­chung die Fi­nanz­markt­auf­sicht (Fin­ma), denn der De­al geht auf Kos­ten der Klein­ak­tio­nä­re. Laut Ge­setz müss­te Ha­ef­ner ih­nen ein An­ge­bot ma­chen und ih­re Ak­ti­en zu ei­nem Preis von 49 Rap­pen über­neh­men – das Dop­pel­te des Markt­prei­ses. Dar­um will Ha­ef­ner von der Fin­ma ei­ne Aus­nah­me­be­wil­li­gung.

«Ich hät­te nicht ge­dacht, dass schon am 2. De­zem­ber Weih­nach­ten ist», wit­zel­te Jens Al­der, Prä­si­dent von Schmolz + Bi­cken­bach, am Mon­tag an der Ge­ne­ral­ver­samm­lung des Stahl­kon­zerns in Em­men LU. Die fro­he Bot­schaft: Kurz nach 16 Uhr hat­ten die bei­den Gross­ak­tio­nä­re Mar­tin Ha­ef­ner und Vik­tor Vek­sel­berg die Ak­tio­närs­ver­samm­lung mit der Froh­bot­schaft über­rascht, dass sie sich auf ei­nen ge­mein­sa­men Kurs für die Sa­nie­rung ge­ei­nigt hät­ten.

Da­mit war der Weg frei für die vom Ver­wal­tungs­rat be­an­trag­te Ka­pi­tal­er­hö­hung von min­des­tens 325 Mil­lio­nen bis ma­xi­mal 614 Mil­lio­nen Fran­ken. Die Ak­tio­nä­re stimm­ten der Ka­pi­tal­er­hö­hung mit ei­nem ho­hen Stim­men­mehr von 79,3 Pro­zent zu.

Die Ei­ni­gung kam zu­stan­de, weil Ha­ef­ner und der Ver­wal­tungs­rat be­fürch­ten muss­ten, dass Vek­sel­berg die Ka­pi­tal­er­hö­hung bach­ab schickt. Denn der Olig­arch und drei wei­te­re Ak­tio­nä­re hal­ten über das Be­tei­li­gungs­ve­hi­kel Li­wet 26,9 Pro­zent an Schmolz + Bi­cken­bach. Wei­te­re rund 7 Pro­zent An­tei­le, die von Fa­mi­li­ener­ben der Stahl­fir­ma ge­hal­ten wer­den, stim­men je­weils in sei­nem Sin­ne. Mar­tin Ha­ef­ner mit nur 17 Pro­zent Be­tei­li­gung muss­te fürch­ten, dass Vek­sel­berg ei­nen Ge­gen­an­trag für ei­ne viel klei­ne­re Ka­pi­tal­er­hö­hung von rund 200 Mil­lio­nen Fran­ken bei den Ak­tio­nä­ren durch­bringt. Ha­ef­ner schwan­te, dass ihm als Ak­tio­när ei­ne Mar­gi­na­li­sie­rung droh­te.

Be­ginn der GV ver­scho­ben

Das Macht­ge­ran­gel dau­er­te bis ges­tern in den Nach­mit­tag hin­ein. Zwei­mal ver­schob Al­der den Be­ginn der GV um ei­ne hal­be St­un­de in der Hoff­nung auf ei­ne Ei­ni­gung in letz­ter Mi­nu­te. Der kurz vor Be­ginn der ei­gent­li­chen Ab­stim­mung un­ter­schrie­be­ne De­al zeigt, dass Vek­sel­berg ei­ni­ge Zu­ge­ständ­nis­se her­aus­ho­len konn­te. Ha­ef­ner liess sein An­sin­nen, den Olig­ar­chen von der Ka­pi­tal­er­hö­hung weit­ge­hend aus­zu­schlies­sen, fal­len. Vek­sel­berg kann für nicht aus­ge­üb­te Be­zugs­rech­te bie­ten, wie sein An­walt be­ton­te.

Ge­ei­nigt ha­ben sich die Mil­li­ar­dä­re auf fol­gen­de Macht­for­mel: Der Ver­wal­tungs­rat soll bei der Zu­tei­lung neu­er Ak­ti­en so ver­fah­ren, dass das La­ger von Vek­sel­berg am En­de höchs­tens noch 25 Pro­zent am Stahl­kon­zern hält, knapp 2 Pro­zent we­ni­ger als heu­te; Ha­ef­ner darf von 17 Pro­zent auf ma­xi­mal 37,5 Pro­zent er­hö­hen. Ha­ef­ner soll al­so neu gröss­ter Ak­tio­när wer­den. Vek­sel­berg hat da­für ver­hin­dern kön­nen, dass er zum we­nig be­deu­ten­den Ak­tio­när ab­steigt.

Ist da­mit al­les pa­let­ti? Mit­nich­ten. Viel wird da­von ab­hän­gen, wie der Ent­scheid der

Fi­nanz­markt­auf­se­he­rin (Fin­ma) nächs­ten Mon­tag aus­fällt. Ent­bin­det die Fin­ma Ha­ef­ner von der Pflicht, den üb­ri­gen Ak­tio­nä­ren ein Kauf­an­ge­bot für ih­re Ak­ti­en zu ma­chen, falls er sei­ne Be­tei­li­gung über ein Drit­tel er­höht, dann dürf­te die­ser sei­ne Be­tei­li­gung auf 37,5 Pro­zent er­hö­hen.

Prä­si­dent Al­der warnt

Zu­dem soll der Olig­arch ei­ner Klau­sel zu­ge­stimmt ha­ben, wo­nach Ha­ef­ner auf über 37,5 Pro­zent auf­sto­cken kann, falls die Ka­pi­tal­er­hö­hung nicht die nö­ti­gen 325 Mil­lio­nen Fran­ken ein­bringt. Kurz: Ha­ef­ner ist dem Ziel, den Stahl­kon­zern mit ei­ner «Kon­troll­m­in­der­heit» zu re­gie­ren, ein Stück nä­her ge­kom­men.

Bleibt die Fin­ma aber hart und hält an der An­ge­bots­pflicht fest, dann wird es für Ha­ef­ner teu­er, wenn er die Be­tei­li­gung über ein Drit­tel er­höht und den üb­ri­gen Ak­tio­nä­ren ein Kauf­an­ge­bot ma­chen muss. Das dürf­te ihn laut Be­rech­nun­gen von Ban­kern rund 390 Mil­lio­nen Fran­ken kos­ten, ba­sie­rend auf der Kurs­ent­wick­lung des letz­ten hal­ben Jah­res. Und dies zu ei­nem Preis, der vie­le Ak­tio­nä­re zum Ver­kauf be­we­gen wür­de. Zu­dem braucht die Stahl­fir­ma 140 Mil­lio­nen Fran­ken Li­qui­di­tät, die Ha­ef­ner be­schaf­fen müss­te. Wei­ter müss­te er die ver­spro­che­ne Fi­nan­zie­rung be­reit­stel­len, weil we­gen des Kon­troll­wech­sels Ob­li­ga­tio­nen über 350 Mil­lio­nen Eu­ro so­fort fäl­lig wer­den. Et­wa die Hälf­te die­ser An­lei­he müss­te er wohl zu­rück­neh­men, rech­net ein Fi­nanz­spe­zia­list.

Nächs­te Wo­che wird nach dem Ent­scheid der Fin­ma aus­kom­men, wie es wei­ter­geht. Er­hält Ha­ef­ner kei­nen Frei­pass, wird sich zei­gen, ob er den Stahl­kon­zern voll un­ter sei­ne Kon­trol­le brin­gen will und ob er be­reit ist, da­für ei­nen ho­hen Preis zu zah­len. Oder ob er sich mit ei­ner Be­tei­li­gung knapp un­ter ei­nem Drit­tel zu­frie­den­gibt, mit dem Trost, dass Vek­sel­berg als Gross­ak­tio­när künf­tig trotz­dem der Ju­ni­or­part­ner sein wird.

«Schmolz + Bi­cken­bach ist noch lan­ge nicht über den Berg», warn­te Prä­si­dent Al­der am Mon­tag die Ak­tio­nä­re. Nach der Ka­pi­tal­er­hö­hung ver­blie­ben «zahl­rei­che Ri­si­ken». Ban­ken, Kre­dit­ver­si­che­rer, Lie­fe­ran­ten und Kun­den sei­en «ner­vös» und müss­ten bei der Stan­ge ge­hal­ten wer­den. Und der Stahl­kon­zern wer­de ei­ne «sehr har­te Re­struk­tu­rie­rung» über­ste­hen müs­sen.

Fo­to: Alex­an­dra Wey (Keysto­ne)

Mar­tin Ha­ef­ner (links), Gross­ak­tio­när, und Jens Al­der, Prä­si­dent des Ver­wal­tungs­rats, an der Ge­ne­ral­ver­samm­lung.

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