«Ghet­to-lis­te» er­zürnt dä­ni­sche Mus­li­me

Mit ei­ner An­kla­ge er­öff­ne­te der Uno-ge­ne­ral­se­kre­tär die Kon­fe­renz in Ma­drid.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Micha­el Bauch­mül­ler

Dä­ne­mark Die­se Wo­che hat Dä­ne­marks Re­gie­rung 28 Wohn­vier­tel zu Ghet­tos er­klärt. Sie tau­chen auf ei­ner Lis­te auf, die das Woh­nungs­bau­mi­nis­te­ri­um in Ko­pen­ha­gen seit ei­ni­gen Jah­ren ver­öf­fent­licht. Sie soll da­zu die­nen, ent­ste­hen­de Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten zu iden­ti­fi­zie­ren und be­ste­hen­de bis spä­tes­tens zum Jahr 2030 auf­zu­lö­sen. Be­trof­fen sind vor­wie­gend är­me­re, mus­li­misch ge­präg­te Mi­gran­ten­vier­tel. Stadt­vier­tel, die fünf Jah­re hin­ter­ein­an­der auf der Lis­te ste­hen, wer­den als be­son­ders hart­nä­cki­ge Ghet­tos ein­ge­stuft. Für sol­che sieht ein neu­es Ge­setz den Ab­riss von Woh­nungs­blocks und die Um­sied­lung der Be­woh­ner vor. Kri­ti­ker spre­chen von ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung der Men­schen in die­sen Vier­teln.

Es gibt ei­nen Satz an Phra­sen, die bei der Er­öff­nung ei­ner Kli­ma­kon­fe­renz im­mer zu hö­ren sind. «Die Uhr tickt», ist so ei­ne, oder: «The ti­me to act is now» – die Zeit zu han­deln, ist jetzt. Die­se Sät­ze wa­ren noch nie falsch. Al­ler­dings ver­puff­ten die Ap­pel­le stets oh­ne Wir­kung, sonst hät­ten Staats- und Re­gie­rungs­chefs sie nicht bei je­der neu­en Kli­ma­kon­fe­renz wie­der­ho­len müs­sen. Ge­mes­sen da­ran, ist der Be­ginn der 25. Uno-kli­ma­kon­fe­renz in Ma­drid be­mer­kens­wert. Denn Uno-ge­ne­ral­se­kre­tär An­tó­nio Gu­ter­res nutz­te sei­nen Auf­tritt nicht für die üb­li­chen Auf­ru­fe, son­dern für ei­ne An­kla­ge.

«Was mich frus­triert, ist das lang­sa­me Tem­po des Wan­dels», sag­te er zum Auf­takt, «vor al­lem an­ge­sichts des Um­stands, dass die meis­ten Werk­zeu­ge und Tech­no­lo­gi­en schon ver­füg­bar sind.» Es sei ja schön, dass sich vie­le Staa­ten von fos­si­ler Ener­gie ab­wen­den woll­ten. «Aber wir war­ten im­mer noch dar­auf, dass sich die meis­ten G-20-staa­ten in Rich­tung Trans­for­ma­ti­on be­we­gen.» Schliess­lich sei­en die­se 20 gröss­ten Wirt­schafts­mäch­te für mehr als drei Vier­tel al­ler Treib­haus­gas­emis­sio­nen ver­ant­wort­lich. Man­che Staa­ten plan­ten gar neue Koh­le­kraft­wer­ke, sag­te Gu­ter­res. «Ent­we­der stop­pen wir die­se Sucht nach Koh­le, oder all un­se­re An­stren­gun­gen im Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del sind ver­geb­lich.» Wenn sich an den Le­bens­sti­len nicht schnell et­was än­de­re, «ge­fähr­den wir uns selbst». Das war deut­lich.

Von der Ley­ens De­al

Da­bei geht es beim Gip­fel zu­nächst nur mit­tel­bar um Le­bens­sti­le und Koh­le­kraft. Die ers­te Hälf­te der zwei­wö­chi­gen Kon­fe­renz ist den Fach­be­am­ten vor­be­hal­ten; es geht um das Klein­ge­druck­te des Pa­ris-ab­kom­mens. Schwie­rigs­tes The­ma wer­den die so­ge­nann­ten Markt­me­cha­nis­men, mit de­nen sich Kli­ma­schutz­mass­nah­men auch in Dritt­staa­ten aus­la­gern las­sen – über ei­nen in­ter­na­tio­na­len Han­del mit Zer­ti­fi­ka­ten. Ent­schei­dun­gen wer­den erst ge­gen En­de nächs­ter Wo­che fal­len, dann reisen die Mi­nis­ter an. Falls es über­haupt Ent­schei­dun­gen gibt, die Ma­te­rie ist kom­plex.

Zu­ver­sicht ver­brei­tet am ehes­ten noch Ur­su­la von der Ley­en, die an ih­rem ers­ten Ar­beits­tag als Che­fin der Eu-kom­mis­si­on nach Ma­drid ge­reist ist. In drei «Ge­dan­ken» prä­sen­tiert sie ih­ren «Gre­en Eu­ro­pean De­al» für ein kli­ma­freund­li­ches Eu­ro­pa, samt ei­ner Bil­li­on Eu­ro In­ves­ti­tio­nen, ei­nem hö­he­ren Preis auf Koh­len­di­oxid und ei­nem so­zia­len Aus­gleich für je­ne, die auf dem Weg in ei­ne grü­ne­re EU ih­re Ar­beit ver­lie­ren. «Wenn man­che über Kos­ten re­den, soll­ten wir im Kopf be­hal­ten, was es kos­ten wird, wenn wir nichts tun», rät von der Ley­en. Im März sol­le das Ziel ei­ner «kli­ma­neu­tra­len EU» per Ge­setz «ir­re­ver­si­bel» ge­macht wer­den.

Ur­sprüng­lich hät­te die Kon­fe­renz in Chi­le statt­fin­den sol­len, sie wur­de dort aber we­gen der Un­ru­hen ab­ge­sagt. Spa­ni­en sprang in letz­ter Mi­nu­te ein.

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