Mi­gros in der Kri­tik we­gen Be­spit­ze­lung

Dieb­stahl Ei­ne jun­ge Frau scannt re­gel­mäs­sig Le­bens­mit­tel an Self-check­out-kas­sen nicht. Erst jetzt muss sie sich da­für ver­ant­wor­ten.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Jessica King

De­tail­han­del In Bern hat die Mi­gros ei­ne 16­Jäh­ri­ge we­gen 22 Dieb­stäh­len an­ge­zeigt. Die Ju­gend­li­che hat­te Wa­ren an Self­check­out­kas­sen vor­bei­ge­schmug­gelt. Das Be­son­de­re an dem Fall: Die Mi­gros war­te­te of­fen­bar meh­re­re Dieb­stäh­le der Be­trof­fe­nen ab und wer­te­te Bil­der der Über­wa­chungs­ka­me­ras aus, be­vor sie die Po­li­zei ein­schal­te­te. Der Kon­su­men­ten­schutz kri­ti­siert das Vor­ge­hen als Be­spit­ze­lung. Wie an ei­ner nor­ma­len Kas­se soll­ten Die­be auch bei den Self­check­out­kas­sen so­fort be­langt wer­den, sagt Kon­su­men­ten­schüt­ze­rin Sa­ra Stal­der. Die Mi­gros will den Fall nicht kom­men­tie­ren.

Der An­ruf kommt Mit­te No­vem­ber von ei­ner un­be­kann­ten Num­mer. Ein Mann mit tie­fer Stim­me spricht auf die Com­box: Da ist die Kan­tons­po­li­zei Bern. Bit­te zu­rück­ru­fen.

Die 16-jäh­ri­ge An­na M.* tut dies in ih­rer Mit­tags­pau­se. Sie müs­se zur Ein­ver­nah­me auf den Po­li­zei­pos­ten, sagt der Mann, die Mut­ter ha­be man schon an­ge­ru­fen. Es ge­he um Dieb­stahl. Die Wo­che bis zum Ter­min kann M. kaum es­sen, so ner­vös ist sie.

Der Po­li­zist be­fragt sie über ei­ne St­un­de lang. Ver­schie­de­ne Dieb­stäh­le wer­den ihr an­ge­las­tet, be­gan­gen zwi­schen Fe­bru­ar und Au­gust 2019, al­le in der Mi­gros, auch in der Fi­lia­le am Bahn­hof Bern. Kau­gum­mis hat sie mit­ge­hen las­sen, aber auch an­de­re Le­bens­mit­tel. Ins­ge­samt hat sie Wa­ren im Wert von 285 Fran­ken ge­stoh­len. «Die Be­schul­dig­te er­fass­te an den Su­bi­to-zahl­ter­mi­nals die Ein­käu­fe und stor­nier­te an­schlies­send ein­zel­ne oder meh­re­re Pro­duk­te wie­der», steht in der er­ken­nungs­dienst­li­chen Er­fas­sung durch die Po­li­zei. «22 Vor­fäl­le.» Fünf der Dieb­stäh­le sind ge­filmt wor­den.

We­nig über­legt

An­na M. gibt die Dieb­stäh­le so­fort zu, auch wenn sie nicht mehr ge­nau weiss, ob je­des der Da­ten stimmt. «Ab­strei­ten wä­re falsch ge­we­sen», sagt sie. Sie un­ter­schreibt je­des Blatt des Be­fra­gungs­pro­to­kolls, auch Stil­l­auf­nah­men der Vi­de­os von den Über­wa­chungs­ka­me­ras. Dann wird sie ins Re­gio­nal­ge­fäng­nis Bern ge­schickt, wo Be­am­te ih­re Fin­ger­ab­drü­cke ab­neh­men und sie fo­to­gra­fie­ren. Von vor­ne, von der Sei­te. Die Oh­ren müs­se man se­hen, sagt der Be­am­te. Dann zu ihr: Jetzt bist du al­so im Straf­re­gis­ter. «Das Gan­ze ist mir so ein­ge­fah­ren», sagt An­na M. «Ich dach­te, auf die­sem Stuhl ist vi­el­leicht schon ein Mör­der ge­ses­sen.»

Die 16-Jäh­ri­ge ringt um Wor­te, wenn sie die Dieb­stäh­le zu er­klä­ren ver­sucht. «Ich ha­be mir ehr­lich ge­sagt sehr we­nig da­bei über­legt.» Geld­sor­gen ha­be sie kei­ne – der Lehr­lings­lohn sei nicht gross, aber ge­nü­gend. In ih­rem Freun­des­kreis ge­be es an­de­re, die mal was mit­ge­hen lies­sen. Es sei ein­fach, fügt sie hin­zu. «Mir war nicht be­wusst, was mei­ne Hand­lun­gen für ei­ne Trag­wei­te ha­ben könn­ten. Dass ich mich so sehr straf­bar ma­che.»

Der Kon­su­men­ten­schutz be­grüsst auf An­fra­ge, dass Dieb­stahl an Self-check­out-kas­sen in glei­chem Mass ge­ahn­det wird wie Dieb­stahl im La­den. Teil­wei­se er­hal­te man bei sol­chen Kas­sen erst ei­ne Ver­war­nung, weil nicht so­fort von ei­nem Dieb­stahl aus­ge­gan­gen wer­den kön­ne, sagt Kon­su­men­ten­schüt­ze­rin Sa­ra Stal­der. Wer an den nor­ma­len Kas­sen klaue, wer­de hin­ge­gen so­fort be­langt. «Das ist Will­kür, denn über­all soll­ten die glei­chen Mass­stä­be be­nutzt wer­den – auch wenn das Self-check­out so un­at­trak­ti­ver wird, was die De­tail­händ­ler ver­mei­den möch­ten.»

Laut den Aus­sa­gen von An­na M. war sie vor dem An­ruf der Po­li­zei nie ver­warnt wor­den. Ob das stimmt, sagt die Mi­gros nicht: Auf An­fra­ge will ei­ne Me­dien­spre­che­rin zum Fall nicht Stel­lung neh­men. Falls zu­ge­war­tet wor­den sei, bis sich die 22 Dieb­stäh­le an­ge­häuft hät­ten, wä­re das höchst un­üb­lich, sagt Sa­ra Stal­der. «Das wä­re qua­si Be­spit­ze­lung.» Als Kun­de brau­che man Klar­heit. «So­bald ein De­tail­händ­ler si­cher weiss, dass ein Dieb­stahl vor­liegt, müss­te er den Kun­den ver­war­nen.»

An­ge­häuf­te De­lik­te

Sol­che Kla­gen mit ge­sam­mel­ten De­lik­ten sei­en sel­ten, sagt Ra­mo­na Mock, Me­dien­spre­che­rin der Kan­tons­po­li­zei Bern. Es kön­ne aber vor­kom­men, dass zu­nächst un­klar sei, wer der Tä­ter oder die Tä­te­rin sei. «Bis zu drei Mo­na­te nach Be­kannt­wer­den der Tä­ter­schaft darf man An­zei­ge er­stat­ten», sagt Mock. «Und in ei­nem sol­chen Fall darf man auch vor­he­ri­ge De­lik­te an­zei­gen.»

Noch steht der Ent­scheid der Ju­gend­an­walt­schaft be­züg­lich Stra­fe für An­na M. aus. Bis­her hat sie ei­ne Bus­se von 500 Fran­ken be­zahlt und ein fünf­jäh­ri­ges La­den­ver­bot er­hal­ten. Nicht nur für al­le Mi­gros der Schweiz, son­dern auch für al­le an­de­ren Un­ter­neh­men, die der Mi­gros ge­hö­ren. Al­so Spor­txx, Melec­tro­nics oder Ho­tel­plan. Selbst das West­side darf sie nicht be­tre­ten.

Seit der Ein­füh­rung von Sel­fCheck­out-kas­sen soll es laut Mi­gros nicht mehr Dieb­stäh­le ge­ben. Ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Stu­die des In­ter­net­ver­gleichs­diens­tes Mo­ney­land bei 1500 Per­so­nen in der Deutsch- und der West­schweiz hat 2019 das Dieb­stahl­ver­hal­ten von Er­wach­se­nen un­ter­sucht. Acht Pro­zent der Be­frag­ten ga­ben da­bei an, schon ein­mal am Self-check­out ab­sicht­lich nicht be­zahlt zu ha­ben. Ein Pro­zent so­gar oft nicht.

Zur­zeit in­ves­tiert die Mi­gros in neue Tech­no­lo­gi­en. Seit 2019 wer­den in ei­ner Fi­lia­le im Kan­ton Zürich neue in­tel­li­gen­te Ka­me­ras ge­tes­tet. Bis­her muss ein Fi­li­al­de­tek­tiv nach der Er­grei­fung ei­nes Die­bes stun­den­lang Vi­deo­ma­te­ri­al durch­fors­ten. Wie ver­mut­lich im Fall von An­na M. Die neue Soft­ware hin­ge­gen soll po­ten­zi­el­le Die­be an­hand von Merk­ma­len wie Haar­far­be, Kör­per­grös­se oder Klei­dung er­ken­nen. So kön­nen Per­so­nen in­nert dreis­sig Mi­nu­ten ge­fun­den wer­den. Die Idee sei, so ei­ne Me­dien­spre­che­rin der Mi­gros, der Po­li­zei ge­richts­fes­tes Vi­deo­ma­te­ri­al aus­hän­di­gen zu kön­nen.

«Wir stel­len fest, dass je län­ger, je mehr über­wacht wird», sagt Beat Ru­din, Prä­si­dent der Kon­fe­renz der schwei­ze­ri­schen Da­ten­schutz­be­auf­trag­ten. Die Ver­hält­nis­mäs­sig­keit hän­ge da­bei mit der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung des Sys­tems zu­sam­men. Das Ri­si­ko ei­ner Per­sön­lich­keits­ver­let­zung sei mit ei­ner au­to­ma­ti­sier­ten Ge­sichts­er­ken­nung grös­ser: «Je nach­dem kön­nen die Über­wa­cher mehr über die Per­son her­aus­fin­den. Viel mehr.» * Na­me ge­än­dert

Foto: Rai­sa Du­ran­di

22 ver­schie­de­ne Vor­fäl­le wer­den der 16-jäh­ri­gen An­na M. an­ge­las­tet.

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