«Zoog­ler» set­zen sich ge­gen Goog­le durch

Ar­beits­rech­te Das Goog­le-ma­nage­ment woll­te ver­hin­dern, dass sich das Per­so­nal ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­siert. Nun er­zie­len die «Zoog­ler» ei­nen wich­ti­gen Durch­bruch.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Mar­tin Stur­ze­negger

Pro­test An­ge­stell­te von Goog­le Schweiz er­reich­ten kürz­lich ei­nen Durch­bruch. Ge­mäss Ta-re­cher­che sprach sich ei­ne Mehr­heit der Mit­ar­bei­ten­den in ei­ner in­ter­nen Um­fra­ge für ei­ne Per­so­nal­ver­tre­tung aus. Der It-kon­zern ist nun ge­mäss Ar­beits­recht ver­pflich­tet, Wah­len für ei­ne ent­spre­chen­de Kom­mis­si­on durch­zu­füh­ren. «Ei­ne Ver­tre­tung stärkt un­se­re Stel­lung in­ner­halb des Kon­zerns», sagt ein In­ge­nieur. Dies ist das vor­läu­fi­ge Re­sul­tat lan­ger Ver­hand­lun­gen und Kon­flik­te. Seit 2015 such­ten Ge­werk­schaf­ten mehr oder we­ni­ger er­folg­los den Kon­takt zur Ge­schäfts­lei­tung in Zü­rich. Im Som­mer 2019 soll­ten sich Goog­le-an­ge­stell­te mit Ver­tre­tern der Syn­di­com tref­fen, was die Ge­schäfts­lei­tung zu­nächst ver­hin­der­te.

Goog­le-mit­ar­bei­ten­de in Zü­rich ha­ben sich in ei­nem Streit mit dem ei­ge­nen Ma­nage­ment rund um Mit­ar­bei­ter­rech­te durch­ge­setzt. Ge­mäss Ta-re­cher­chen fand am 24. Ja­nu­ar ei­ne in­ter­ne Ab­stim­mung statt. Da­bei spra­chen sich die Goog­le-mit­ar­bei­ten­den für die Ein­füh­rung ei­ner Per­so­nal­ver­tre­tung aus. Stimm­be­rech­tigt wa­ren al­le Mit­ar­bei­ten­den mit Sitz in Zü­rich, auch «Zoog­ler» ge­nannt.

Da­mit ist das Ma­nage­ment ge­mäss Schwei­zer Mit­wir­kungs­ge­setz nun ver­pflich­tet, Wah­len für ei­ne Per­so­nal­ver­tre­tung durch­zu­füh­ren. Goog­le be­schäf­tigt in Zü­rich rund 5000 Per­so­nen – der Stand­ort ist ei­ner der wich­tigs­ten des It-rie­sen.

Kaum Kennt­nis von Rech­ten

Ein Soft­ware­in­ge­nieur, der sei­nen Na­men nicht in der Zei­tung le­sen will, setz­te sich in ei­nem Kern­team von 20 bis 30 Mit­ar­bei­ten­den wäh­rend Mo­na­ten für mehr Mit­spra­che­rech­te beim It-kon­zern ein. Er be­tont die Wich­tig­keit ei­nes Per­so­nal­ver­bands – vor al­lem für Mit­ar­bei­ten­de aus dem Aus­land: «Sie ken­nen das Schwei­zer Ar­beits­recht kaum und wis­sen nicht, an wen sie sich bei in­ter­nen Pro­ble­men wen­den kön­nen», sagt der In­ge­nieur. «Ei­ne sol­che Ver­tre­tung stärkt un­se­re Stel­lung in­ner­halb des Kon­zerns.»

Auch vie­le Ma­na­ger sei­en mit der Schwei­zer Ge­set­zes­la­ge kaum ver­traut. Goog­le Schweiz re­agiert auf die Ta-an­fra­ge eher all­ge­mein: «Wir ha­ben stets ei­nen kon­struk­ti­ven und of­fe­nen Dia­log mit un­se­ren Mit­ar­bei­tern ge­för­dert und wer­den dies auch in Zu­kunft tun», sagt ein Spre­cher.

Ein Per­so­nal­ver­band bie­tet theo­re­tisch die Mög­lich­keit auf mehr Mit­spra­che bei in­ter­nen Vor­gän­gen oder mehr Trans­pa­renz, was die ei­ge­ne Ar­beit be­trifft. Ei­ne Per­so­nal­ver­tre­tung könn­te auch als wich­ti­ge An­lauf­stel­le für Mit­ar­bei­ten­de die­nen – et­wa bei Pro­ble­men mit Mob­bing oder se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung. The­men, die vor al­lem bei Goog­le in den USA zu­letzt sehr prä­sent wa­ren und ver­schie­dent­lich da­zu führ­ten, dass sich An­ge­stell­te des It-kon­zerns dort zu Pro­test­mär­schen ver­sam­mel­ten.

Für die re­vol­tie­ren­den «Zoog­ler» geht es nun in die Ver­hand­lungs­pha­se. Ge­mein­sam mit dem Ma­nage­ment sol­len die Kom­pe­ten­zen des Per­so­nal­ver­bands aus­ge­han­delt wer­den. «Ich schät­ze, dass wir im Som­mer die ers­te Per­so­nal­ver­tre­tung ha­ben wer­den», sagt der Mit­ar­bei­ter.

Goog­le blickt in Zü­rich auf ei­ne 15-jäh­ri­ge Ge­schich­te zu­rück. Dass die An­ge­stell­ten nun ei­ne Per­so­nal­ver­tre­tung er­hal­ten, hat auch mit Syn­di­com zu tun. Die Ge­werk­schaft steht seit län­ge­rem in Kon­takt mit den Goog­lern. «Die Be­we­gung bei Goog­le zeigt, dass Per­so­nal­ver­tre­tun­gen kei­nes­wegs ein al­ter Zopf der In­dus­trie sind», sagt Syn­di­com-spre­che­rin Le­na Al­len­s­pach. «Auch An­ge­stell­te gros­ser Di­gi­tal­kon­zer­ne wol­len die De­mo­kra­ti­sie­rung der Ar­beits­welt und die­se auch mit­ge­stal­ten.»

Die Öff­nung für mehr Mit­ar­bei­ter­rech­te bei Goog­le ist das

Re­sul­tat jah­re­lan­ger Ver­hand­lun­gen und Kon­flik­te. Seit 2015 such­ten Schwei­zer Ge­werk­schaf­ten mehr oder we­ni­ger er­folg­los den Kon­takt zur Ge­schäfts­lei­tung in Zü­rich. 2018 wur­den die «Zoog­ler» dann selbst ak­tiv: Sie tra­ten von sich aus mit der Syn­di­com in Kon­takt.

Ein wich­ti­ger Aus­lö­ser war das Pro­jekt «Dra­gon­fly». Goog­le war da­mals drauf und dran, ei­ne Such­ma­schi­ne für Chi­na zu ent­wi­ckeln, die den Zen­suran­sprü­chen der Re­gie­rung ent­spricht. Web­sites, die kri­ti­sche In­for­ma­tio­nen über die Ver­let­zung von Men­schen­rech­ten oder die Ein­schrän­kung der Re­de­frei­heit in Chi­na pu­bli­zie­ren, wür­den von «Dra­gon­fly» zen­siert.

De­tails zu «Dra­gon­fly» ver­öf­fent­lich­te 2018 die In­ves­ti­ga­tiv­Platt­form «The In­ter­cept». Vie­len Goog­le-pro­gram­mie­rern wur­de da­durch be­wusst, an was sie ei­gent­lich ar­bei­te­ten. Ei­ni­ge tra­ten in Streik und be­klag­ten sich über man­geln­de Trans­pa­renz, was den Sinn ih­rer Ar­beit be­tref­fe – so auch in Zü­rich. Das Pro­jekt wur­de ge­mäss Goog­le im ver­gan­ge­nen Ju­li ein­ge­stellt.

Im Fe­bru­ar 2019 tra­fen sich erst­mals Goog­le-mit­ar­bei­ter mit der Syn­di­com. Sie lies­sen sich ih­re Mit­wir­kungs­rech­te er­klä­ren. Im Som­mer soll­te es zu ei­nem wei­te­ren Tref­fen am Sitz an der Eu­ro­paal­lee kom­men – die Ge­schäfts­lei­tung ver­hin­der­te dies. Im Ok­to­ber schliess­lich konn­te das Tref­fen statt­fin­den, ob­wohl Goog­le-chefs den An­lass aber­mals ab­sa­gen woll­ten.

Re­ak­tio­nen in den USA

Auch in den USA, der Goo­gleHei­mat, er­hiel­ten die auf­müp­fi­gen «Zoog­ler» Auf­merk­sam­keit. Por­ta­le, die im Si­li­con Val­ley ge­le­sen wer­den, be­rich­te­ten über den Vor­fall.

Syn­di­com-spre­che­rin Al­len­s­pach be­zeich­net das Bei­spiel Goog­le als mög­li­chen Prä­ze­denz­fall. Sie hof­fe, dass das Vor­ge­hen der «Zoog­ler» Schu­le ma­che, sagt sie. «Ins­be­son­de­re bei It-un­ter­neh­men. Das vor­lie­gen­de Er­geb­nis ist der kol­lek­ti­ve Er­folg von Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern bei Goog­le, wel­che für ih­re Rech­te und mehr Mit­wir­kung ein­ge­stan­den sind.»

Das hofft auch der Goo­gleIn­ge­nieur, der gleich­zei­tig sein Ma­nage­ment et­was in Schutz nimmt. Der ge­werk­schaft­li­che Dia­log, wie er in der Schweiz in der Re­gel ge­führt wer­de, sei auch für das Ma­nage­ment neu ge­we­sen, sagt er. «Sie wuss­ten nicht, was sie er­war­tet.» Das Ziel sei nun, ei­ne Lö­sung aus­zu­han­deln, die für bei­de Sei­ten stim­me.

Auch im Si­li­con Val­ley sorg­te das Tref­fen der «Zoog­ler» mit ei­ner Ge­werk­schaft für Auf­merk­sam­keit.

Foto: Re­to Oesch­ger

5000 Per­so­nen ar­bei­ten in Zü­rich für den Welt­kon­zern – jetzt ha­ben sie ihr Recht auf ei­ne Per­so­nal­ver­tre­tung durch­ge­setzt.

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