Streit im Bun­des­haus: Al­le wol­len die Cryp­to-af­fä­re un­ter­su­chen

Cryp­to­leaks Un­ser Au­tor Res Streh­le hat be­reits in den Neun­zi­ger­jah­ren zur Cryp­to AG re­cher­chiert – doch was jetzt al­les be­kannt wird, ist deut­lich mehr, als sei­ne Ar­beit da­mals er­ah­nen liess.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Res Streh­le

Spio­na­ge Im Par­la­ment tobt ein Streit um die Au­f­ar­bei­tung der Cryp­to-af­fä­re. Ges­tern hat die für Ge­heim­diens­te zu­stän­di­ge Ge­schäfts­prü­fungs­de­le­ga­ti­on (GPDEL) ei­ne Un­ter­su­chung er­öff­net. Sie soll klä­ren, was der Bun­des­rat wuss­te über die Zu­ger Cryp­to AG. Die­se ver­kauf­te ma­ni­pu­lier­te Chif­frier­ge­rä­te an die hal­be Welt und er­mög­lich­te es so Ge­heim­diens­ten wie et­wa der CIA, die ge­hei­me Kom­mu­ni­ka­ti­on an­de­rer Staa­ten ab­zu­hö­ren. Die Un­ter­su­chung soll schon nächs­te Wo­che be­gin­nen. Al­ler­dings drängt die Lin­ke wei­ter auf die Ein­set­zung ei­ner par­la­men­ta­ri­schen Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on. Die­se hät­te stär­ke­re Mit­tel, ar­gu­men­tiert Sp-frak­ti­ons­prä­si­dent Ro­ger Nord­mann. Zu­dem ha­be die GPDEL bei der Ge­heim­dienst­auf­sicht mög­li­cher­wei­se Feh­ler ge­macht und des­halb die Cryp­to-af­fä­re über­se­hen. Auch der Bun­des­rat hat be­reits ei­ne Un­ter­su­chung in Auf­trag ge­ge­ben.

Über­rascht vom Um­fang der ak­tu­el­len Ent­hül­lun­gen zeigt sich auch der frü­he­re Ta-chef­re­dak­tor Res Streh­le, der be­reits in den Neun­zi­ger­jah­ren zur Cryp­to AG re­cher­chier­te und nun ei­nen Blick zu­rück auf die da­ma­li­gen Um­stän­de wirft.

War­um ge­ra­de jetzt? War­um soll es aus­ge­rech­net jetzt ein Skan­dal sein? Ahn­te man nicht seit 40 Jah­ren, dass die Cryp­to AG ma­ni­pu­lier­te Chif­frier­ge­rä­te ver­kauf­te? Vie­le Kri­ti­ker der Cryp­to­leaks wie­sen in den letz­ten Ta­gen auf die­sen Wi­der­spruch hin. Die Ant­wort dar­auf gibt am bes­ten die CIA sel­ber.

Nie­mand hat die frü­he­ren Ent­hül­lun­gen über die Fir­ma Cryp­to AG in der Schweiz so mi­nu­ti­ös ver­folgt wie der US­Ge­heim­dienst. In den Cryp­to­leaks­Do­ku­men­ten lässt sich nach­le­sen, wie die CIA in den 90er-jah­ren bei je­dem Ver­dacht auf den tat­säch­li­chen Hin­ter­grund der Fir­ma bang­te, ob die Le­gen­de nun auf­flie­gen wür­de. Weit ent­fernt da­von, all­mäch­ti­ger Draht­zie­her im Hin­ter­grund, zu sein, äh­nel­te der Ge­heim­dienst eher dem ban­gen Va­ter ei­nes Wun­der­kin­des, des­sen Le­gen­de sich je­der­zeit als Bluff her­aus­stel­len konn­te. In den Do­ku­men­ten lässt sich aber auch nach­le­sen, wie die CIA es schaff­te, dass die Sto­ry nie zu ei­nem in­ter­na­tio­na­len Skan­dal wur­de. Bis heu­te.

1993 er­zähl­te mir der ent­las­se­ne Cryp­to-ver­käu­fer Hans Büh­ler von sei­nem Ver­dacht, dass die Ge­rä­te sei­ner Fir­ma ma­ni­pu­liert sei­en. Die NSA und der deut­sche Bun­des­nach­rich­ten­dienst stün­den hin­ter der Fir­ma und wür­den mit den ma­ni­pu­lier­ten Ge­rä­ten die ge­hei­men Nach­rich­ten in al­len Kun­den­län­dern ent­schlüs­seln kön­nen. CIA und BND wür­den im Hin­ter­grund der Fir­ma die Fä­den zie­hen. Büh­ler re­cher­chier­te, ich half ihm mit jour­na­lis­ti­schen Mit­teln. Die Spur der Ei­gen­tü­mer führ­te in der Tat nach Deutsch­land, aber en­de­te auf hal­bem Weg auf dem Han­dels­re­gis­ter in Va­duz, das kei­ner­lei Aus­kunft gab. Die tech­no­lo­gi­schen Vor­ga­ben ka­men aus Ari­zo­na (dem Sitz von Mo­to­ro­la) und Bonn – die Fir­men­lei­tung stell­ten Sie­mens-ma­na­ger. So­wohl Mo­to­ro­la wie Sie­mens wur­den da­mals gu­te Ver­bin­dun­gen zu den Ge­heim­diens­ten nach­ge­sagt. Ei­ne Spur, aber kein Be­weis.

«Bei je­dem Ver­dacht auf den tat­säch­li­chen Hin­ter­grund der Fir­ma bang­te die CIA: Wür­de al­les auf­flie­gen?»

Plötz­lich Ver­schwö­rer

Ich war erst skep­tisch, sol­che Mut­mas­sun­gen kann­te ich aus der Ver­schwö­rungs­theo­rie. Doch kurz nach­dem ich den ehe­ma­li­gen Vi­ze­di­rek­tor der Cryp­to AG be­such­te, der von der Fir­ma in den 70er-jah­ren ent­las­sen wor­den war, war ich plötz­lich sel­ber im La­ger der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker. Der Ent­wick­lungs­in­ge­nieur war zum Schluss ge­kom­men, dass wäh­rend sei­ner Zeit in der Fir­ma al­le Chif­frier­ge­rä­te ma­ni­pu­liert wa­ren. Er sprach von ei­ner Hin­ter­tür, die in die Ge­rä­te ein­ge­baut war. Sie zu ent­fer­nen, war ihm mehr­fach ver­bo­ten wor­den. Er wur­de schliess­lich ent­las­sen.

Die Be­wei­se da­für wür­den in ei­nem Safe lie­gen, der nur in sei­nem To­des­fall ge­öff­net wer­den durf­te – das war sei­ne Le­bens­ver­si­che­rung. Der Mann fühl­te sich of­fen­kun­dig be­droht, es hat­te in sei­nem Um­feld auch schon An­schlä­ge ge­ge­ben. Auch mir war mul­mig zu­mu­te, als ich an die­sem düs­te­ren Fe­bru­ar­Abend sein Haus ver­liess und ins Au­to stieg. Er und ei­ni­ge Kol­le­gen in der Fir­ma wa­ren über­zeugt, dass Bo­ris Ha­ge­lin ju­ni­or, der Sohn des Fir­men­grün­ders, 1970 in Wa­shing­ton nicht durch ei­nen ge­wöhn­li­chen Au­to­un­fall ums Le­ben ge­kom­men war. Ha­ge­lin sei nicht da­mit ein­ver­stan­den ge­we­sen, dass sein Va­ter die Fir­ma an die CIA ver­kauf­te.

Auch das war nicht be­wie­sen. Ent­spre­chend vor­sich­tig ti­tel­te der Ver­lag mein Buch, das 1994 er­schien: «Ver­schlüs­selt». Der ge­heim­dienst­li­che Hin­ter­grund der Fir­ma war nur in Fra­ge­form an­ge­deu­tet, von der Spur zum deut­schen Ei­gen­tü­mer nur die Tarn­fir­men be­nannt. Auch ein Kol­le­ge der SRF

Sen­dung «Rund­schau» re­cher­chier­te hart­nä­ckig. Alar­miert schrieb die CIA: «An­fang März er­fuhr die CIA, dass Büh­ler am 23. März ei­ne öf­fent­li­che Ent­hül­lung im Schwei­zer und im Ös­ter­rei­chi­schen Fern­se­hen plant über die Be­zie­hun­gen zwi­schen der Cryp­to AG und den west­li­chen Ge­heim­diens­ten. In Lan­gley (dem Cia-haupt­quar­tier Anm. d. Red.) und in Zug star­te­ten al­le mit der Scha­dens­be­gren­zung.»

Der da­ma­li­ge Fir­men­lei­ter Micha­el Gru­pe de­men­tier­te den nach­rich­ten­dienst­li­chen Hin­ter­grund im Fern­se­hen ve­he­ment. Die Ein­zel­hei­ten der Sen­dung sind dem Cia-be­richt zu ent­neh­men. Der Auf­tritt des Fir­men­lei­ters ha­be ge­nü­gend Zwei­fel an Büh­lers Vor­wür­fen ge­weckt. Lan­gley hoff­te, dass die Zu­schau­er da­mit zu­min­dest ver­wirrt sei­en. Fa­zit der CIA: «G.s Auf­tritt hat das Pro­gramm ver­mut­lich ge­ret­tet.»

«Pu­re Hirn­ge­spins­te»

Trotz­dem zo­gen sich Gru­pe und wei­te­re Sie­mens-leu­te aus der Fir­ma zu­rück. An ei­nem Po­di­um nach Er­schei­nen des Buchs in Zug ver­trat sein Schwei­zer Nach­fol­ger Ar­min Hu­ber die Fir­ma und be­zeich­ne­te un­se­re Er­kennt­nis­se als pu­re Hirn­ge­spins­te. Die Cia-be­ob­ach­ter no­tier­ten, dass ich im Buch das an­geb­li­che At­ten­tat auf Bo­ris Ha­ge­lin ju­ni­or er­wähnt hat­te – oh­ne dies durch Fak­ten zu be­le­gen. Da­mit wür­de die Glaub­wür­dig­keit des Buchs ge­schwächt.

Auf ei­nen Pro­zess un­ter Auf­ge­bot von Zeu­gen woll­ten es aber we­der die Fir­ma noch der deut­sche Bun­des­nach­rich­ten­dienst an­kom­men las­sen. Ein­zig die CIA war for­scher und woll­te Büh­ler mit ei­nem Pro­zess durch al­le In­stan­zen zer­mür­ben. Büh­ler wil­lig­te schliess­lich

ge­gen ei­ne klei­ne fi­nan­zi­el­le Ab­fin­dung zu Still­schwei­gen ein. Ich ti­tel­te im Nach­rich­ten­ma­ga­zin «Facts»: «Das letz­te Tür­chen bleibt ge­schlos­sen.»

In den fol­gen­den Jah­ren er­gab sich zwar noch der ei­ne oder an­de­re Hin­weis. 2001 be­stä­tig­te mir ein An­ge­stell­ter der Cryp­to, dass un­se­re Er­kennt­nis­se rich­tig sei­en. Ge­nannt wer­den woll­te er nicht. Neue Be­wei­se: kei­ne. 2015 gab die NSA die Ak­ten ih­res eins­ti­gen Chef­kryp­to­lo­gen Wil­li­am Fried­man frei. Sie be­leg­ten, dass er und Fir­men­grün­der Ha­ge­lin die Chif­frier­tech­nik in Zug ab 1955 in en­ger Ko­ope­ra­ti­on ent­wi­ckel­ten. Das stütz­te un­se­re Er­kennt­nis­se aus der Grün­dungs­zeit der Fir­ma, aber be­wies nichts über die Zeit da­nach.

Erst jetzt, seit Ver­öf­fent­li­chung der Cryp­to­leaks, wis­sen wir: CIA und BND über­nah­men die Zu­ger Fir­ma 1970 ge­mein­sam und brach­ten sie mit ma­ni­pu­lier­ten Ge­rä­ten zur Hoch­blü­te. Na­he­zu je­de zwei­te Ent­schlüs­se­lung ge­hei­mer Nach­rich­ten im Aus­land ver­dank­te der Us-nach­rich­ten­dienst der Zu­ger Fir­ma. Bei den Deut­schen be­ruh­ten zeit­wei­lig vier von fünf Ge­heim­be­rich­ten an die Bot­schaf­ten dar­auf. Ein Er­folgs­pro­jekt, auf dass der frü­he­re Ge­heim­dienst­ko­or­di­na­tor Bernd Schmid­bau­er bis heu­te stolz ist. Erst jetzt wis­sen wir, dass er Deutsch­lands ge­hei­mes En­ga­ge­ment nach den Me­dien­be­rich­ten 1993 be­en­de­te. Erst jetzt wis­sen wir, dass die CIA da­nach al­lein wei­ter­mach­te, wohl bis zur Auf­spal­tung der Fir­ma 2018.

Der Iran hat mit der Ver­haf­tung Büh­lers ei­nen Zu­falls­tref­fer ge­lan­det. Ge­löst wur­de der Fall da­mals nicht. Doch er stiess die Tür ei­nen Spalt breit auf, um dem Ge­heim­nis der Zu­ger Fir­ma auf die Spur zu kom­men. End­lich.

Die Fir­ma von Grün­der Bo­ris Ha­ge­lin (links) ver­kauf­te über Jah­re ma­ni­pu­lier­te Chif­frier­ge­rä­te. Mit­ar­bei­ter wie Hans Büh­ler (o. Mit­te, mit Au­tor Res Streh­le und Hans Gmür bei der Buch­prä­sen­ta­ti­on) wie­sen ver­geb­lich dar­auf hin. Nun fliegt al­les auf – dank Re­cher­chen der «Rund­schau» (u., Moderator Do­mi­nik Mei­er), von Ta­me­dia und an­de­ren.

Fotos: Getty, PD

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