Der Sportrie­gel ist in vie­ler Mun­de

Er­näh­rung Der Ener­gie­rie­gel ist zum Li­fe­style-pro­dukt und zum Mil­li­ar­den­markt ge­wor­den: Im­mer mehr Men­schen lie­fert er rasch und un­kom­pli­ziert Ka­lo­ri­en – ge­ra­de im stres­si­gen All­tag. Ein Ber­ner Tau­send­sas­sa spiel­te ei­ne Pio­nier­rol­le.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Chris­ti­an Brüng­ger

Er­näh­rung Er be­gann als Ni­schen­pro­dukt – mitt­ler­wei­le aber hat er den Main­stream er­reicht: der Ener­gie­rie­gel. Auf 5 Mil­li­ar­den Dol­lar wird der jähr­li­che Ver­kauf­s­um­satz ge­schätzt. Die Produzente­n er­schlies­sen mit im­mer spe­zi­fi­sche­ren Pro­duk­ten neue Kun­den­seg­men­te. In der Schweiz ha­ben Co­op und Mi­gros die­se Lust am Ener­gie­rie­gel er­kannt – und bau­en ih­re Li­ni­en mar­kant aus. Zu den Pio­nie­ren der Bran­che zählt mit Wan­der auch ei­ne Schwei­zer Fir­ma: 1937 in­iti­ier­te sie nach ei­nem Auf­trag des Mi­li­tärs Ovo Sport – samt Lehr­film, wie man den Rie­gel isst.

Die Ame­ri­ka­ner wei­sen den Weg, was auf uns Schwei­zer zu­kom­men dürf­te: 60 Pro­zent er­set­zen ih­ren Zmor­ge durch ei­nen Sportrie­gel. Je­der drit­te Ame­ri­ka­ner snackt zu­dem re­gel­mäs­sig ei­nen Rie­gel. Die­ses ver­än­der­te Ess­ver­hal­ten an­ti­zi­pie­ren Co­op und Mi­gros. Sie bau­en ih­re Sportrie­gel­Li­ni­en stark aus.

Wäh­rend Co­op kei­ne Zah­len nen­nen will, sagt die Mi­gros im­mer­hin, dass sich in den letz­ten drei Jah­ren der Ab­satz ver­dop­pelt ha­be – und Ener­gie­rie­gel ger­ne von Leu­ten kon­su­miert wür­den, die kei­nen Sport be­trie­ben, aber sie für ge­sün­der als klas­si­sche Rie­gel wie Mars hal­ten. Doch sind Sportrie­gel wirk­lich ge­sün­der? Und wie schaff­ten sie es von der Ni­sche in den Main­stream?

Die Pio­nie­re:

Von den In­dia­nern ge­lernt

Die ers­ten Spit­zen­ath­le­ten der mo­der­nen Zeit wa­ren Aben­teu­rer und For­scher wie der Bri­te Er­nest Shack­le­ton. Um ih­re Par­force­leis­tun­gen durch Käl­te, Wind und Schnee zu be­wäl­ti­gen, be­nö­tig­ten die­se Hau­de­gen Ka­lo­ri­en, die rasch und un­kom­pli­ziert ess­bar wa­ren – auch bei ex­tre­men Tem­pe­ra­tu­ren.

Zwei wich­ti­ge Ener­gie­quel­len je­ner Pio­nier­pha­se wa­ren Pem­mi­kan und der Kendal Mint Ca­ke. Pem­mi­kan geht auf die In­dia­ner zu­rück und ist ei­ne Mi­schung aus Dörr­fleisch und Fett, wel­che die In­dia­ner als Rei­se­pro­vi­ant und No­tra­ti­on ver­wen­de­ten. Er ist qua­si der Vor­läu­fer heu­ti­ger Pro­te­in­rie­gel, die zur­zeit enor­me Be­liebt­heit er­fah­ren.

Der Kendal Mint Ca­ke, der im Ge­gen­satz zum Na­men aus ei­ner Ta­fel be­steht, ist ei­ne Zu­cker­bom­be, kann aber als Vor­läu­fer der Rie­gel mit ho­hem Koh­len­hy­drat­ge­halt be­zeich­net wer­den.

Shack­le­ton setz­te eben­so auf ihn wie die Berg­stei­ger des frü­hen 20. Jahr­hun­derts, dar­un­ter die ers­ten Be­zwin­ger des Mount Eve­r­est, Ed­mund Hillary und Ten­zing Nor­gay. Der Kendal Mint Ca­ke ist noch heu­te er­hält­lich.

Die Schwei­zer:

Ovo Sport und das Mi­li­tär Ei­nen wich­ti­gen Platz in der Ge­schich­te des Sportrie­gels nimmt die Schweiz ein dank dem Ber­ner Tau­send­sas­sa Ge­org Wan­der (der Deut­scher war). Der Che­mi­ker setz­te auf Gers­ten­malz­ex­trakt. Sei­ne Fir­ma soll­te für die Schwei­zer Ar­mee ei­ne mo­der­ne Hoch­ge­birgs­zwi­schen­ver­pfle­gung, HGZV ge­nannt, auf der Ba­sis sei­ner Ent­wick­lung kre­ieren.

Zu den Vor­ga­ben zähl­ten: 1. Sie soll nahr­haft sein und mög­lichst lan­ge sät­ti­gen. 2. Sie soll leicht ver­dau­lich sein. 3. Sie soll mög­lichst tro­cken sein, da­mit sie nicht ge­friert. 4. Die HGZV soll mög­lichst kom­plett sein und ein Mit­tag­es­sen er­set­zen kön­nen. Und: Sie soll ei­ne ge­wis­se Kau­ar­beit be­nö­ti­gen, aber nicht an den Zäh­nen kle­ben. Wie je­des Kind weiss: Die Fir­ma Wan­der schei­ter­te an die­ser Vor­ga­be zwar gran­di­os, doch Ovo Sport ist seit sei­ner Aus­lie­fe­rung 1937 bis heu­te in vie­ler Schwei­zer Mun­de.

Ovo Sport darf gar als ers­ter Sportrie­gel der Welt be­zeich­net wer­den, weil er im Ge­gen­satz zu Pem­mi­kan und Mint Ca­ke die­se ty­pi­sche Rie­gel­form be­sitzt. Auch das Ver­kle­ben lös­te die Fir­ma ab 1948, in­dem sie die Sten­gel mit Schog­gi über­zog – und die­se zwei­te Va­ri­an­te Choc Ovo tauf­te.

Die­se Epi­so­de be­legt: Was sich Sportrie­gel nennt bzw. nen­nen darf, ist auch Er­mes­sens­sa­che. Be­steht ein Rie­gel wie ein Mars oder Sni­ckers mehr­heit­lich aus (raf­fi­nier­tem) Zu­cker, zählt er zur Ka­te­go­rie Scho­ko­rie­gel – wird von Sport­lern aber trotz­dem ger­ne als ra­sche Ener­gie­quel­le ge­nutzt.

Der Ovo-sport-rie­gel wie­der­um ist all die Jah­re kaum ver­än­dert wor­den: Wies er bei der Lan­cie­rung 62 Pro­zent Koh­len­hy­dra­te auf, sind es mitt­ler­wei­le ein biss­chen mehr – ge­sun­ken ist da­für der Fet­tan­teil.

So be­liebt Ovo Sport bis heu­te in der Schweiz ist – Zah­len nennt Wan­der kei­ne –, ein Ex­port­schla­ger war er nie. Er ist dar­um ein Schwei­zer Phä­no­men, das bis heu­te im Haupt­sitz in Neu­e­n­egg bei Bern pro­du­ziert wird, mehr­heit­lich von Ma­schi­nen und Ro­bo­tern.

Längst ge­klärt ist auch, wie die­ses da­ma­li­ge Wun­der­pro­dukt ein­zu­neh­men ist. Bei der Lan­cie­rung vor 83 Jah­ren pro­du­zier­ten Wan­der und die Schwei­zer Ar­mee ei­nen elf­mi­nü­ti­gen Lehr­film, weil sich zeig­te: Für die hung­ri­gen Sol­da­ten konn­te es nicht schnell ge­nug ge­hen.

Wer den Rie­gel aber zu we­nig lan­ge im Was­ser auf­lö­sen liess, er­hielt nie ei­ne schö­ne, cre­mi­ge Mas­se, son­dern bloss Was­ser mit Klum­pen. Über­haupt das Was­ser: War es zu warm, zer­stör­te es die Vit­ami­ne.

Die Ame­ri­ka­ner, Teil 1: Flie­gen mit den As­tro­nau­ten Be­zeich­ne­te Wan­der sein Ovo Sport noch als Sport- und Trai­nings­nah­rung, dürf­te die US­Raum­fahrt­be­hör­de Na­sa den Be­griff «Ener­gie­rie­gel» er­fun­den ha­ben. Da sie im Kampf der Sys­te­me zwi­schen Ost und West den ers­ten Men­schen auf den Mond brin­gen woll­te, muss­te sie auch ent­spre­chen­de As­tro­nau­ten­Nah­rung kre­ieren. Zu­sam­men mit dem Le­bens­mit­tel­her­stel­ler Pills­bu­ry ent­wi­ckel­te sie den «Space Food Stick», al­so den Raum­fahrt­rie­gel.

Er soll­te die As­tro­nau­ten wäh­rend der Flü­ge mit ra­scher Ener­gie ver­sor­gen und war pri­mär ei­ne Süs­sig­keit. Rund um die Mond­lan­dung von 1969 lan­cier­te Pills­bu­ry das Pro­dukt, um von der Zug­kraft die­ser epo­cha­len Ära zu pro­fi­tie­ren. Da er nicht brö­ckeln durf­te – es soll­ten schliess­lich kei­ne Krü­mel in die Rit­zen der Ge­rä­te ge­lan­gen –, hat­te er den Charme bzw. die Tex­tur ei­nes heu­ti­gen Mi­ni­pic­Stän­gels (und sah ähn­lich at­trak­tiv aus). Kurz: Der As­tro­nau­ten-stick flopp­te, sei­ne Pro­duk­ti­on wur­de ein­ge­stellt, ehe er nach der Jahr­tau­send­wen­de von ei­nem Fan wie­der­be­lebt wur­de.

Die Ame­ri­ka­ner, Teil 2: Weg aus der Ni­sche

So rich­tig Fahrt nahm der Sportrie­gel mit dem ka­na­di­schen Läu­fer Bri­an Max­well auf. Er grün­de­te Po­wer­bar und bau­te ab 1986 sei­ne Rie­gel zum füh­ren­den Ener­gie­lie­fe­ran­ten von Sport­lern auf. Nur: Der Ge­schmack war se­kun­där, und viel aus­ge­wo­ge­ner als ein Mars wa­ren sie auch nicht. Ih­re Schal­heit be­gann selbst die Gau­men in­nigs­ter Aus­dau­er­freun­de zu schre­cken.

Ga­ry Erick­son nutz­te die­ses Man­ko ab 1990 mit sei­nen Rie­geln und ei­ner brei­ten Pa­let­te an Ge­schmä­ckern und Tex­tu­ren. Sei­ne Fir­ma Clif Bar – nach sei­nem Va­ter Clif­ford be­nannt – ist in­zwi­schen die glo­ba­le Num­mer 1 mit ge­schätz­ten Jah­res­ein­nah­men von ei­ner hal­ben Mil­li­ar­de Dol­lar. Ex­ak­te Zah­len feh­len – die Fir­ma ist in Pri­vat­be­sitz.

Erick­son steht für den klas­si­schen Weg: Un­zu­frie­den mit den da­ma­li­gen Pro­duk­ten, wag­te er sich nach ei­ner lan­gen Rad­fahrt in Mut­ters Kü­che an ei­ge­ne Rie­gel. Vie­le Her­stel­ler sind auf die­se Wei­se gross ge­wor­den: Erst prö­bel­ten sie in der ei­ge­nen Kü­che an Rie­geln, dann be­gan­nen sie klei­ne Stück­zah­len zu ver­kau­fen und ste­tig zu wach­sen.

Erick­son zählt aus ei­nem zwei­ten Grund zu den Pio­nie­ren: Er woll­te mehr als nur Sport­ler mit sei­nen Rie­geln er­rei­chen – und da­mit die Ni­sche ver­las­sen. Al­so bau­te er aus. 1999 grün­de­te er ei­ne Fir­ma, die sich auf Rie­gel für Frau­en kon­zen­triert.

Die Kon­kur­ren­ten re­agier­ten mit Li­ni­en für Kin­der, Ab­nehm­wil­li­ge, Pro­te­in­lieb­ha­ber, Se­nio­ren oder Mahl­zei­ten­er­set­zer. Kurz: Sie seg­men­tier­ten und er­schu­fen im­mer neue Märk­te und Be­dürf­nis­se.

Trifft dann ein Un­ter­neh­mer wie der Ame­ri­ka­ner Pe­ter Rahal den Zeit­geist, wer­den Start-ups zu Rie­sen. Rahal an­ti­zi­pier­te ei­nen ak­tu­el­len Trend, der zum Li­fe­style wur­de und Cle­an Ea­ting ge­nannt wird. Man will mög­lichst na­tur­be­las­se­ne Pro­duk­te zu sich neh­men. Auf die Pa­ckung sei­ner Rie­gel liess Rahal die zen­tra­len In­hal­te dru­cken: 3 Ei­weiss, 6 Man­deln, 4 Cas­hew­nüs­se, 2 Dat­teln, kei­ne Zu­satz­stof­fe.

Sechs Jah­re nach der Grün­dung ver­kauf­ten Rahal und sein Part­ner die Fir­ma für 600 Mil­lio­nen Dol­lar an Kel­logg. (Sport-)rie­gel sind dar­um längst viel mehr als schnel­le Ka­lo­ri­en. Sie spie­geln, wie wir mit dem The­ma Es­sen um­ge­hen – und wie wir im­mer mehr zu ei­ner Ge­sell­schaft von Sna­ckern wur­den.

Foto: Wan­der

Power im hand­li­chen For­mat: Wan­der wirbt 1949 für Ovo Sport.

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