Po­li­ti­ker for­dern Ent­las­sung von Kli­nik­chef

Me­di­zin-skan­dal Pro­mi­nen­te Mit­glie­der des Kan­tons­rats hal­ten den Lei­ter der Herz­chir­ur­gie des Uni­spi­tals nach Ver­feh­lun­gen für un­trag­bar.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Pas­cal Un­ter­näh­rer, Ro­land Gamp, Ca­the­ri­ne Boss, Mar­tin Stur­ze­negger

Das Zürcher Uni­ver­si­täts­spi­tal ge­rät im­mer stär­ker un­ter Druck. Nach­dem das Re­cher­che­desk von Ta­me­dia gra­vie­ren­de Feh­ler und Un­ter­las­sun­gen des Herz­chir­ur­gen Fran­ces­co Mais­a­no auf­ge­deckt hat, for­dern Po­li­ti­ker al­ler gros­sen Zürcher Par­tei­en die Kün­di­gung des in­ter­na­tio­nal be­kann­ten Arz­tes. «Tref­fen die Re­cher­chen zu, ist Fran­ces­co Mais­a­no als Me­di­zi­ner und Wis­sen­schaft­ler nicht mehr halt­bar», sagt et­wa Glp-frak­ti­ons­chef Micha­el Zeu­gin.

Der Herz­spe­zia­list hat­te un­ter an­de­rem ei­ne Ope­ra­ti­on in ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Pu­bli­ka­ti­on als Er­folg dar­ge­stellt, ob­wohl es zu Kom­pli­ka­tio­nen ge­kom­men war. Das Spi­tal selbst steht wei­ter­hin hin­ter Mais­a­no, da es «kei­ne Män­gel in Be­zug auf die me­di­zi­ni­sche Leis­tung» sieht.

Ges­tern ver­öf­fent­lich­te das Uni­spi­tal ei­nen Un­ter­su­chungs­be­richt, den es zu­vor un­ter Ver­schluss ge­hal­ten hat­te. Dar­in wer­den Vor­wür­fe ge­gen Mais­a­no weit­ge­hend be­stä­tigt. Der Be­richt lie­fert wei­te­re De­tails zu des­sen Ne­ben­äm­tern. Fa­zit: Mais­a­no hat­te «ge­wis­se Ei­gen­in­ter­es­sen», was die Ver­wen­dung von Im­plan­ta­ten be­trifft. Zu­dem hat­te er nicht al­le In­ter­es­sen­bin­dun­gen of­fen­ge­legt.

Für Da­ni­el Schei­deg­ger von der Aka­de­mie der me­di­zi­ni­schen Wis­sen­schaf­ten ist der Fall «ver­hee­rend». Das Ver­hal­ten des Kli­nik­lei­ters sei ein schwe­res Fehl­ver­hal­ten. Die Tat­sa­che, dass in Tex­ten und ei­nem Vi­deo Kom­pli­ka­tio­nen un­ter­schla­gen wur­den, zei­ge, dass er dies «wis­sent­lich» ge­macht ha­be. Ein sol­cher For­scher wer­de es schwer ha­ben, wie­der zu pu­bli­zie­ren. Die Sa­che sei «tra­gisch», weil sie das Ver­trau­en der Pa­ti­en­ten in die Ärz­te­schaft zer­stö­re. In­ter­view Sei­te 7, Be­rich­te

Der Di­rek­tor der Herz­chir­ur­gie des Uni­ver­si­täts­spi­tals Zü­rich (USZ) hat Re­sul­ta­te von Ope­ra­tio­nen ge­schönt und den Ein­griff am Herz ei­ner 74-jäh­ri­gen Pa­ti­en­tin in ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Pu­bli­ka­ti­on als er­folg­rei­che Welt­pre­mie­re ver­kauft, ob­wohl es Kom­pli­ka­tio­nen gab und die ope­rier­te Herz­klap­pe der Frau da­nach ge­nau­so un­dicht war wie da­vor. Zu­dem hat Fran­ces­co Mais­a­no Pa­ti­en­ten Im­plan­ta­te von Fir­men ein­ge­setzt, an de­nen er selbst be­tei­ligt war.

Das USZ hat den Fall un­ter­su­chen las­sen, räumt «teil­wei­se ge­schön­te» Stu­di­en ein und schreibt in ei­nem Fall von ei­ner «stark ir­re­füh­ren­den» Stu­die, hält aber wei­ter­hin am Herz­spe­zia­lis­ten fest. «Mit Pro­fes­sor Fran­ces­co Mais­a­no ver­fügt das USZ über ei­nen her­vor­ra­gen­den, in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ten Chir­ur­gen und ei­ne in­no­va­ti­ve Per­sön­lich­keit», schreibt das Spi­tal in ei­ner Stel­lung­nah­me vom Frei­tag. Die ex­ter­ne Un­ter­su­chung ha­be «kei­ne Män­gel in Be­zug auf die me­di­zi­ni­sche Leis­tung fest­ge­stellt». Die «schwe­ren De­fi­zi­te» in der Do­ku­men­ta­ti­on sei­en er­kannt und wür­den be­ho­ben. «Die Spi­tal­lei­tung steht hin­ter Pro­fes­sor Mais­a­no.»

«Nicht mehr halt­bar»

Das sieht die Zürcher Po­li­tik an­ders. Svp-prä­si­dent Ben­ja­min Fi­scher nennt den Fall «skan­da­lös» und wun­dert sich über die Hal­tung des Spi­tals. Wenn die Vor­wür­fe zu­trä­fen, müs­se Mais­a­no ge­hen, for­dert Fi­scher, der die kan­tons­rät­li­che Kom­mis­si­on für so­zia­le Si­cher­heit und Ge­sund­heit prä­si­diert. Der Scha­den fürs Spi­tal sei zu gross.

Eben­falls «sehr em­pört» re­agiert Sp-frak­ti­ons­chef Mar­kus Späth. «Ei­ne Tren­nung ist un­um­gäng­lich, wenn die Vor­wür­fe be­stä­tigt wer­den», sagt er. Mais­a­no ha­be nicht nur dem Uni­spi­tal ge­wal­ti­gen Re­pu­ta­ti­ons­scha­den zu­ge­fügt, son­dern auch der Uni­ver­si­tät als For­schungs­an­stalt. Ähn­lich äus­sert sich Tho­mas For­rer, Frak­ti­ons­prä­si­dent der Grü­nen: «Herr Mais­a­no ist nicht mehr halt­bar.» Nur ei­ne Spur zu­rück­hal­ten­der äus­sert sich Bea­trix

Frey-ei­gen­mann, Frak­ti­ons­prä­si­den­tin der Frei­sin­ni­gen. Das Ver­trau­en sei er­schüt­tert, es hand­le sich nicht um ein Ka­va­liers­de­likt. «Das USZ ist zu ku­lant, ich könn­te mir ein­schnei­den­de­re Mass­nah­men vor­stel­len», sagt sie und er­in­nert an ei­nen Fall, den sie selbst als Ver­wal­tungs­rats­prä­si­den­tin des Spi­tals Män­ne­dorf auf dem Tisch hat­te. Ein Über­ge­wichts­chir­urg und Be­leg­arzt hat­te sich nicht an die Re­geln ge­hal­ten, wor­auf das Spi­tal die Ver­trä­ge mit ihm kün­dig­te.

Ein Déjà-vu hat­te auch GLPFrak­ti­ons­chef Micha­el Zeu­gin, als er den Zei­tungs­ar­ti­kel über Mais­a­no ge­le­sen hat. Vor an­dert­halb Jah­ren deck­te eben­falls das Ta­me­dia-re­cher­che­desk ei­nen ähn­lich ge­la­ger­ten Fall ei­nes Ber­ner Chir­ur­gen auf. Die­ser hat­te Pa­ti­en­ten feh­ler­haf­te Band­schei­benim­plan­ta­te ein­ge­setzt, die er als Prä­si­dent des wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Her­stel­ler­fir­ma selbst mit­ent­wi­ckelt hat­te. Für Zeu­gin ist der ak­tu­el­le Fall klar: «Tref­fen die Re­cher­chen zu, ist Fran­ces­co Mais­a­no als Me­di­zi­ner und Wis­sen­schaft­ler nicht mehr halt­bar», sagt er. Für den Glp-po­li­ti­ker stellt sich auch die Fra­ge der Ver­ant­wort­lich­keit von­sei­ten der Usz-lei­tung. Die­se sol­le sich mehr auf die Sei­te des Kan­tons als je­ne der Ko­ry­phä­en stel­len. «Das Pa­ti­en­ten­wohl muss im Zen­trum ste­hen, nicht die Re­pu­ta­ti­on des Spi­tals», so Zeu­gin.

Als Ers­tes müss­ten nun aber al­le Fak­ten auf den Tisch. Laut SPMann Späth ist nun die Auf­sichts­kom­mis­si­on Bil­dung und Ge­sund­heit (ABG) des Kan­tons­rats ge­for­dert: «Sie muss ei­nen Be­richt ver­lan­gen.» Die­ser müs­se in­nert we­ni­ger­wo­chen vor­lie­gen. Das for­dern auch Fi­scher, For­rer und Frey-ei­gen­mann. Die Kom­mis­si­on müs­se prü­fen, ob ein Ein­zel­fall vor­lie­ge oder ein Sys­tem da­hin­ter­ste­cke. Fi­scher will ins­be­son­de­re wis­sen, ob wirk­lich nie­mand ge­schä­digt wur­de. ABGPrä­si­den­tin Ka­trin Co­met­ta-mül­ler (GLP) wie­der­um sieht «kei­nen un­mit­tel­ba­ren Hand­lungs­be­darf», wie sie sagt. Die Kom­mis­si­on wer­de aber die Ge­sund­heits­di­rek­ti­on und das USZ nächs­tens auf den Fall an­spre­chen.

Die Ge­sund­heits­di­rek­ti­on von Na­ta­lie Rick­li (SVP) schreibt am Frei­tag, sie wer­de sich auf­grund der ein­ge­for­der­ten Be­richt­er­stat­tung des USZ «ein Bild dar­über ma­chen, ob es das Ver­hal­ten von

Pro­fes­sor Mais­a­no na­he­legt, dass sich das USZ von ihm trennt». Ent­schei­dend sei, ob die Pa­ti­en­ten­si­cher­heit stets ge­wahrt ge­we­sen sei oder nicht.

Nur Spit­ze des Eis­bergs?

Für di­ver­se Po­li­ti­ker stellt sich nun die Fra­ge nach Ge­set­zes­än­de­run­gen be­züg­lich der Of­fen­le­gung von In­ter­es­sen­bin­dun­gen. «Die Selbst­re­gu­lie­rung funk­tio­niert of­fen­sicht­lich nicht», stellt Zeu­gin fest. Man müs­se da­von aus­ge­hen, dass mit dem Fall Mais­a­no nur die Spit­ze des Eis­bergs zu­ta­ge ge­tre­ten sei. Des­halb brau­che es ein Re­gis­ter, in dem die Ärz­te die Hö­he der Fir­men­be­tei­li­gun­gen und auch den Um­fang von Be­ra­tungs­leis­tun­gen ge­gen­über Fir­men of­fen­leg­ten.

Auch der Grü­ne Tho­mas For­rer for­dert ei­ne Lö­sung auf Ge­set­zes­ebe­ne. «Fal­sche An­rei­ze müs­sen be­sei­tigt wer­den.» Denk­bar sei­en Ein­schrän­kun­gen oder gar ein Ver­bot von Be­tei­li­gun­gen an me­di­zin­tech­ni­schen Fir­men für Usz-ärz­te. Späth will den «un­an­stän­di­gen, ge­winn­ma­xi­mie­ren­den Prak­ti­ken von ge­wis­sen Ko­ry­phä­en ei­nen Rie­gel schie­ben.»

SVP-MANN Fi­scher will ein ge­setz­li­ches Ver­bot von Arzt­be­tei­li­gun­gen «nicht aus­schlies­sen», stellt aber die Fra­ge nach der Kon­trol­le. «Letzt­lich ist es ei­ne Cha­rak­ter­fra­ge», fin­det er. Die Frei­sin­ni­ge Frey-ei­gen­mann sieht in den Be­tei­li­gun­gen wie­der­um «kein grund­sätz­li­ches Pro­blem». Sie er­mög­lich­ten dem Uni­spi­tal, Spit­zen­kräf­te zu re­kru­tie­ren, ob­wohl es we­ni­ger ho­he Löh­ne zah­len kön­ne als die Pri­vat­spi­tä­ler. Frey-ei­gen­mann räumt aber ein, dass Be­tei­li­gun­gen hei­kel sind. «Des­halb ist es wich­tig, dass Trans­pa­renz herrscht.»

Für die Ge­sund­heits­di­rek­ti­on (GD) ist es «üb­lich und zweck­mäs­sig, dass Wis­sen­schaft, Pra­xis und Pro­du­zen­ten eng zu­sam­men­ar­bei­ten», wo­bei per­so­nel­le Ver­bin­dun­gen «un­um­gäng­lich» sei­en. Sie will nun aber prü­fen, ob die Trans­pa­renz­re­geln des USZ ge­nü­gen.

Un­ge­mach droht St­ar­chir­urg Mais­a­no nicht nur von der Po­li­tik: Laut der GD hat nun auch die Uni­ver­si­tät Zü­rich ein Ver­fah­ren be­tref­fend Un­lau­ter­keit in der Wis­sen­schaft ein­ge­lei­tet.

Fo­tos: PD

Oben: Bea­trix Frey-ei­gen­mann (FDP) und Micha­el Zeu­gin (GLP). Un­ten: Mar­kus Späth (SP) und Ben­ja­min Fi­scher (SVP).

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