Open Skies: Eu­ro­päi­sche Län­der ver­wei­gern USA die Rü­cken­de­ckung

Open-skies-ab­kom­men Der Us-rück­zug aus dem Ver­trag löst in Eu­ro­pa Be­sorg­nis aus.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Und

Rüs­tungs­kon­trol­le Der von den USA an­ge­kün­dig­te Aus­stieg aus ei­nem Ab­kom­men über mi­li­tä­ri­sche Be­ob­ach­tungs­flü­ge – dem so­ge­nann­ten Open-ski­esAb­kom­men – hat in­ter­na­tio­nal Ir­ri­ta­ti­on aus­ge­löst. Wenn­gleich man die Zwei­fel an der Ein­hal­tung der Ver­trags­klau­seln durch Russ­land tei­le, be­daue­re man die An­kün­di­gung der USA, heisst es in ei­ner ge­mein­sa­men Mit­tei­lung der Aus­sen­mi­nis­ter aus Deutsch­land, Frank­reich, Ita­li­en und wei­te­ren Eu-län­dern.

Die Us-re­gie­rung un­ter Prä­si­dent Do­nald Trump hat­te am Don­ners­tag er­klärt, dass sich die USA aus dem OpenSkies-ver­trag zwi­schen den Na­toStaa­ten und ehe­ma­li­gen Mit­glie­dern des War­schau­er Pakts zur ge­gen­sei­ti­gen mi­li­tä­ri­schen Luft­über­wa­chung zu­rück­zie­hen. Als Grund gibt Wa­shing­ton Ver­trags­ver­let­zun­gen Mos­kaus an. Russ­land de­men­tiert die Vor­wür­fe ve­he­ment. «Wir wer­den zei­gen, dass die USA lü­gen, wenn sie so et­was be­haup­ten», sag­te der rus­si­sche Vi­ze­aus­sen­mi­nis­ter Ser­gei Rj­ab­kow.

Der Ver­trag zum Of­fe­nen Him­mel (Open Skies) er­laubt den 34 Un­ter­zeich­ner­staa­ten meh­re­re Be­ob­ach­tungs­flü­ge pro Jahr im Luf­t­raum der Ver­trags­part­ner. Die Na­to und Staa­ten des ehe­ma­li­gen War­schau­er Pak­tes hat­ten sich 1992 auf die ge­gen­sei­ti­ge mi­li­tä­ri­sche Über­wa­chung «von Van­cou­ver bis Wla­di­wos­tok» ge­ei­nigt. 2002 in Kraft ge­tre­ten, er­mög­licht der Open-skies-ver­trag Kon­troll­flü­ge als ver­trau­ens­bil­den­de Mass­nah­me zwi­schen den eins­ti­gen Fein­den aus der Zeit des Kal­ten Krie­ges.

Open Skies galt bis­her als wich­ti­ger Be­stand­teil der eu­ro­päi­schen Rüs­tungs­kon­troll-ar­chi­tek­tur. Das Ab­kom­men steht nun auf der Kip­pe. Die USA ha­ben am Frei­tag of­fi­zi­ell mit­ge­teilt, dass sie in sechs Mo­na­ten das Ab­kom­men ver­las­sen wer­den. Aus­sen­mi­nis­ter Mi­ke Pom­peo be­grün­de­te die Ent­schei­dung von Prä­si­dent Do­nald Trump da­mit, dass Russ­land «scham­los und fort­ge­setzt über Jah­re den Ver­trag in ver­schie­de­ner Art und Wei­se ver­letzt hat».

Vor­wür­fe ge­gen Russ­land

Bei­spiels­wei­se wirft Wa­shing­ton Mos­kau vor, wi­der­recht­lich Über­flü­ge der rus­si­schen En­kla­ve Ka­li­nin­grad ver­hin­dert zu ha­ben. Dort hat Russ­land nach Ein­schät­zung der Na­to Kurz­stre­cken­ra­ke­ten sta­tio­niert, die Atom­spreng­köp­fe tra­gen kön­nen. Auch an der um­strit­te­nen Gren­ze zwi­schen Russ­land und Ge­or­gi­en kam es zu Schwie­rig­kei­ten, weil Mos­kau die ab­trün­ni­gen Ge­bie­te Ab­cha­si­en und Süd­os­se­ti­en wie sou­ve­rä­ne Staa­ten be­han­delt wis­sen woll­te.

In Eu­ro­pa sieht man mit Sor­ge, wie Stück für Stück die ge­sam­te Ar­chi­tek­tur der Rüs­tungs­kon­trol­le zu­sam­men­bricht. An­ders als beim Inf-ver­trag über die Be­gren­zung nu­klea­rer Mit­tel­stre­cken­sys­te­me, wo auch aus eu­ro­päi­scher Sicht die Ver­trags­ver­let­zun­gen Russ­lands ein­deu­tig wa­ren, sieht man beim OpenSkies-ab­kom­men we­ni­ger kla­re rus­si­sche Ver­trags­ver­stös­se.

Al­le Ver­su­che, die Pro­ble­me in ei­ner ei­gens ein­ge­setz­ten Ar­beits­grup­pe na­mens Small Group zu lö­sen, schei­ter­ten. Dar­an hat sich bis heu­te nichts ge­än­dert, wie et­wa der deut­sche Aus­sen­mi­nis­ter Hei­ko Maas ein­räumt. Es ge­be «auf der Sei­te Russ­lands in der Tat Schwie­rig­kei­ten bei der Um­set­zung». Den­noch «recht­fer­tigt dies aus un­se­rer Sicht aber kei­ne Kün­di­gung».

Das Ab­kom­men tra­ge «zu Si­cher­heit und Frie­den auf prak­tisch der ge­sam­ten Nord­halb­ku­gel» bei. Die Aus­sen­mi­nis­ter von Bel­gi­en, Tsche­chi­en, Finn­land, Frank­reich, Ita­li­en, Lu­xem­burg, Nie­der­lan­de, Spa­ni­en, Schwe­den und Deutsch­land er­klär­ten nun ge­mein­sam, an dem Ver­trag fest­zu­hal­ten. Zu­gleich rie­fen sie Russ­land auf, in ei­nen Dia­log zu tre­ten und zur voll­stän­di­gen Um­set­zung zu­rück­zu­keh­ren.

Bei der Na­to in Brüs­sel war der Schritt seit Mo­na­ten er­war­tet und be­fürch­tet wor­den. Im Herbst hat­te Wa­shing­ton Fra­ge­bö­gen an al­le Mit­glie­der der Al

Mat­thi­as Kolb Paul-an­ton Krü­ger

li­anz ver­schickt, um de­ren Mei­nung ein­zu­ho­len. Auch wenn die Staats- und Re­gie­rungs­chefs in der Gip­fel­er­klä­rung vom Ju­li 2018 «Russ­lands an­hal­ten­de se­lek­ti­ve Um­set­zung» kri­ti­siert hat­ten, sieht die über­gros­se Mehr­heit der Na­to-staa­ten die Pro­ble­me als lös­bar und die Vor­tei­le des Ver­trags als er­heb­lich an. Die Kon­troll­flü­ge, bei de­nen Rus­sen ne­ben Sol­da­ten der Na­toLän­der sit­zen, trü­gen nicht nur zur Ver­trau­ens­bil­dung bei. Über das ge­won­ne­ne Bild­ma­te­ri­al lies­se sich mit Mos­kau auch sehr of­fen re­den, da die Quelle un­s­trit­tig sei, heisst es aus der Na­to.

An­ders als beim Inf-ver­trag ist Open Skies mit dem an­ge­kün­dig­ten Aus­stieg der USA nicht zwin­gend am En­de. 33 Ver­trags­part­ner wol­len wei­ter­ma­chen – was zu­min­dest wei­te­re Kon­troll­flü­ge in Eu­ro­pa er­mög­li­chen wür­de. Al­ler­dings weiss nie­mand, wie Russ­land letzt­lich re­agiert. Vor­erst hal­te man an dem Ver­trag fest, er­klärt Alex­an­der Grusch­ko, ei­ner der bei­den stell­ver­tre­ten­den Aus­sen­mi­nis­ter. Sein Kol­le­ge Ser­gei Ri­j­ab­kow sagt, man sei auch zu Ver­hand­lun­gen be­reit. «Wir wol­len aber nicht das ak­zep­tie­ren, was in Wa­shing­ton for­mu­liert wird.» Wie ein Be­kennt­nis zu dem Ab­kom­men hört sich das nicht an.

Fo­to: Keysto­ne

Al­lein­gang: Us-prä­si­dent Do­nald Trump.

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