Wen­gen? Nicht um je­den Preis

Streit um Lau­ber­horn­ren­nen Der Swiss-ski-prä­si­dent be­kennt sich zum Tra­di­ti­ons­an­lass – aber nicht um je­den Preis. Sei­ne Lö­sungs­vor­schlä­ge wer­den in Wen­gen je­doch nicht recht ernst ge­nom­men.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Phil­ipp Rind­lis­ba­cher Urs Näpflin

Streit um Ski­ren­nen Nach zwei Ta­gen des Schwei­gens mel­de­te sich auch Swis­sSki-prä­si­dent Urs Leh­mann in der Pos­se ums Lau­ber­horn zu Wort. Er prä­sen­tier­te ein Kon­zept, das al­lein we­gen sei­ner Ba­na­li­tät die Fra­ge auf­wirft, wes­halb es zur Lö­sung des er­bit­ter­ten Kon­flikts zwi­schen dem Schwei­zer Ski­ver­band und den Wen­ge­ner Or­ga­ni­sa­to­ren die­nen soll. Pri­mär for­dert Leh­mann mehr Un­ter­stüt­zung von der öf­fent­li­chen Hand; er ver­langt je­doch auch ein Um­den­ken in der Ver­mark­tungs­stra­te­gie der Ber­ner Ober­län­der – de­ren Denk­wei­se sei nicht zeit­ge­mäss, kri­ti­siert er.

Swiss-ski zeigt sich be­reit, Ver­lus­te we­gen aus­ser­or­dent­li­cher Vor­fäl­le wie Renn­ab­sa­gen ab­zu­fe­dern und gibt trotz Strei­chung der Ren­nen aus dem Welt­cup-ka­len­der 2021/22 ein Be­kennt­nis zum Lau­ber­horn ab – al­ler­dings nicht um je­den Preis. In Wen­gen je­doch wer­den jähr­lich sub­stan­zi­el­le Zu­schüs­se er­war­tet, vor­ab aus den Ein­nah­men der Tv-rech­te. Leh­manns Vor­schlä­ge hin­ge­gen wer­den doch eher be­lä­chelt. Im­mer­hin: Ei­ne sanf­te An­nä­he­rung zwi­schen den Par­tei­en gibt es. Nächs­te Wo­che ist ein Tref­fen mit Bun­des­rä­tin Vio­la Am­herd ge­plant.

Urs ge­gen Urs, Son­nen­kö­nig ge­gen Son­nen­kö­nig. Der ei­ne Urs, Näpflin, Or­ga­ni­sa­ti­ons­chef der Lau­ber­horn­ren­nen, ist seit die­sem Mitt­woch laut. Er greift Swiss-ski an, schiesst ver­bal scharf, sieht sich in der Rol­le des Op­fers. Der an­de­re Urs, Leh­mann, Prä­si­dent des Schwei­zer Ski­ver­ban­des, wird kri­ti­siert – sagt aber zum Er­stau­nen vie­ler vor­erst ein­mal nichts. Bis er am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz zu ei­nem mehr­mi­nü­ti­gen Mo­no­log an­setzt.

Auf An­wei­sung von Swiss-ski steht Wen­gen nicht mehr im pro­vi­so­ri­schen Welt­cup­ka­len­der 2021/2022. Leh­mann sagt, die Si­tua­ti­on sei nicht gut («wüss­te er vom Streit, wür­de sich der frü­he­re Lau­ber­horn-chef Vik­tor Gertsch im Gr­ab um­dre­hen»). Er be­tont die Wich­tig­keit des Klas­si­kers («die Schweiz braucht ihn»). Er stellt ein paar Din­ge klar («wir wol­len Wen­gen we­der die Ren­nen weg­neh­men, noch sind wir nicht ver­hand­lungs­be­reit»). Und er prä­sen­tiert Vor­schlä­ge zur Be­he­bung des es­ka­lier­ten Dis­puts, die zwar ein­leuch­ten, aber al­les an­de­re als re­vo­lu­tio­när klin­gen. Der Aar­gau­er selbst spricht von «be­kann­ten An­sät­zen». Wes­halb es an und für sich son­der­bar wä­re, wür­den sie zur Ab­küh­lung im auf­ge­heiz­ten Kli­ma bei­tra­gen.

Die schlech­ten Ver­mark­ter

Leh­mann zeigt drei Schrit­te auf, mit de­nen der Fall Wen­gen ge­löst wer­den soll. Punkt 1 ist die Ver­mark­tung: Lobt er die Wen­ge­ner Or­ga­ni­sa­to­ren für ihr tech­ni­sches Ge­schick, so be­zeich­net er sie als schlech­te Ver­käu­fer, spricht von gros­sen kom­mer­zi­el­len De­fi­zi­ten. «Vom Ge­dan­ken­gut her ist das Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee zu we­nig gut auf­ge­stellt», sagt der 51-Jäh­ri­ge, wel­cher vor­ab den Mar­ke­ting­ver­ant­wort­li­chen Andre­as Ri­cken­ba­cher kri­ti­siert.

Im Ber­ner Ober­land müs­se ein Um­den­ken statt­fin­den, sagt Leh­mann, wo­mit er rich­tig liegt. Den Vor­schlag, über dem Hund­schopf ei­nen Wer­be­bo­gen zu span­nen, lehn­ten die Wen­ge­ner bis an­hin strikt ab, pri­mär aus tra­di­tio­nel­len Grün­den. Der Vip-be­reich ist de­fi­zi­tär, selbst bei vol­ler Aus­las­tung wirft er kei­nen Ge­winn ab. Leh­mann sagt: «Wir kön­nen doch nicht VIPS ver­kös­ti­gen, aber beim Trai­ning von Beat Feuz spa­ren.» Er for­dert ein Ein­len­ken.

Punkt 2 ist die öf­fent­li­che Hand, von der Leh­mann ein Be­kennt­nis zum An­lass er­war­tet.

Prä­si­dent Swiss-ski Urs Leh­mann

«Wir kön­nen doch nicht VIPS ver­kös­ti­gen, aber beim Trai­ning von Beat Feuz spa­ren.»

Im Wal­lis und in Grau­bün­den sei die Un­ter­stüt­zung für Ver­an­stal­ter von Ski­ren­nen sub­stan­zi­ell hö­her. Wo­bei fest­zu­hal­ten ist, dass im Kan­ton Bern das Tou­ris­mus­ent­wick­lungs­ge­setz erst seit Mai 2018 wie­der­keh­ren­den Sup­port von Welt­cup­ren­nen er­mög­licht. Der Swiss-ski-prä­si­dent hofft auf De­fi­zit­ga­ran­ti­en, er will beim Brü­cken­schla­gen hel­fen und er­war­tet die Hil­fe von lo­ka­len Po­li­tik­grös­sen, die mit­tels of­fe­nen Brie­fes das Fort­be­ste­hen der Lau­ber­horn­ren­nen for­dern. «Aus Wen­gen hiess es zu­letzt aber im­mer nur: Zu­erst wol­len wir Geld von euch, dann ge­hen wir zum Kan­ton.»

Leh­mann ist über­zeugt da­von, dass die ers­ten bei­den Punk­te – so­fern rich­tig um­ge­setzt – das Wen­ge­ner Fi­nanz­pro­blem be­he­ben könn­ten. Und soll­te auf­grund be­son­de­rer Um­stän­de doch et­was Geld feh­len, sei Swiss-ski be­reit, Hand zu bie­ten. Das tat der Ver­band auch nach der kurz­fris­ti­gen Ab­sa­ge vor drei Jah­ren: 140 000 Fran­ken wur­den nach­ge­zahlt, vor dem Gang ans In­ter­na­tio­na­le Sport­ge­richt (CAS) war so et­was noch per Hand­schlag mög­lich. «Wir kön­nen und wol­len hel­fen», sagt Leh­mann, der 100 000 Fran­ken als mög­li­chen Be­trag für aus­ser­or­dent­li­che Si­tua­tio­nen er­wähnt. Die vor Ge­richt ge­for­der­te zu­sätz­li­che Mil­li­on pro Aus­tra­gung je­doch sei uto­pisch, «und wer die Wen­ge­ner Er­folgs­rech­nun­gen stu­diert, der merkt, dass es so viel auch gar nicht braucht».

Das an­grif­fi­ge OK

Lau­ber­horn-chef Urs Näpflin sei­ner­seits ist froh, «dass Swis­sSki nun end­lich Ge­sprächs­be­reit­schaft si­gna­li­siert – dar­auf ha­ben wir drei Jah­re lang ge­war­tet». Auf den Lö­sungs­an­satz an­ge­spro­chen, kann sich Näpflin ein Schmun­zeln je­doch nicht ver­knei­fen. «Urs Leh­mann wird nicht ernst­haft das Ge­fühl ha­ben, da­mit durch­zu­kom­men. Die Ba­sis des Ge­sprächs ist der Zwi­schen­ent­scheid des CAS.» Und die­ser deu­tet auf ei­nen Sieg der Wen­ge­ner hin.

Leh­mann sagt: «Müs­sen wir für die Jah­re 2017 bis 2021 je­weils

Ok-prä­si­dent Lau­ber­horn­ren­nen

«Urs Leh­mann wird nicht ernst­haft das Ge­fühl ha­ben, da­mit durch­zu­kom­men.»

ei­ne zu­sätz­li­che Mil­li­on zah­len, sind wir exis­ten­zi­ell be­droht.» Denn das Ur­teil hät­te auch rück­wir­kend Kon­se­quen­zen. Näpflin sagt, nie­mand wol­le den Ver­band rui­nie­ren. Sei­nen Vor­schlag zur güt­li­chen Ei­ni­gung will er nicht öf­fent­lich ma­chen, er lässt aber durch­bli­cken, dass sich die Wen­ge­ner ge­wiss auch mit we­ni­ger als der kol­por­tier­ten Mil­li­on pro Jahr zu­frie­den­ge­ben wür­den. «Swiss-ski hat fal­sche An­ga­ben ge­macht. Es wä­re schön ge­we­sen, wä­ren wir auch an die­se Pres­se­kon­fe­renz ein­ge­la­den wor­den, um un­se­re Sicht der Din­ge dar­le­gen zu kön­nen.»

Das struk­tu­rel­le De­fi­zit be­läuft auf rund 300 000 Fran­ken pro Aus­tra­gung. Näpflin wünscht sich mehr Geld aus der Ver­mark­tung, um die sich Swiss-ski seit 2016 mit ei­ge­ner AG küm­mert. Seit­her wur­den die Ab­ga­ben an Wen­gen von 1,9 auf 2,2 Mil­lio­nen er­höht, die Ein­nah­men aus den Tv-rech­ten je­doch flies­sen voll­um­fäng­lich an den Ver­band, was Näpflin als in­ak­zep­ta­bel be­zeich­net. Zu­mal der Fern­seh­ver­trag 2017 deut­lich auf­ge­bes­sert wur­de.

Ge­spräch bei Vio­la Am­herd

Dass Swiss-ski die Wen­ge­ner Ren­nen im Lang­zeit­ka­len­der mit dem Platz­hal­ter «SUI» ver­merkt hat, ist hei­kel, auch wenn das von an­de­ren Na­tio­nen auch schon so ge­hand­habt wor­den ist. FIS-PRÄ­si­dent Gi­an Fran­co Kas­per liess ver­lau­ten, es müs­se Klar­heit be­züg­lich des Aus­tra­gungs­or­tes herr­schen. Und er stell­te klar, dass die Lau­ber­horn­ren­nen nicht ge­stri­chen wer­den dürf­ten. Am Mon­tag ist beim In­ter­na­tio­na­len Ski­ver­band ei­ne Sit­zung ge­plant.

Auch Urs Leh­mann will, dass künf­tig in Wen­gen ge­fah­ren wird, «aber nicht um je­den Preis». Wo­mög­lich hat es den öf­fent­li­chen Zwist ge­braucht, je­den­falls scheint Be­we­gung in die Sa­che zu kom­men. Am Don­ners­tag­mor­gen tref­fen sich die Par­tei­en zum Aus­tausch, am Nach­mit­tag ist ein Ge­spräch mit Bun­des­rä­tin Vio­la Am­herd, dem Ber­ner Re­gie­rungs­rat Chris­toph Am­mann und Mat­thi­as Re­mund, dem Di­rek­tor des Baspo, ge­plant. Dann heisst es für ein­mal: Urs mit Urs.

Fo­to: En­nio Le­an­za (Keysto­ne)

Swiss-ski-prä­si­dent Urs Leh­mann sagt: «Vom Ge­dan­ken­gut her ist das Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee zu we­nig gut auf­ge­stellt.»

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