Tages Anzeiger

Die Schlacht der Entscheidu­ng naht

Krieg im Jemen Us-präsident Joe Biden will den Bürgerkrie­g stoppen. Doch die Huthi haben eine Grossoffen­sive gestartet, die das Leid der Vertrieben­en noch verschärfe­n könnte. Es geht ihnen vor allem ums Öl.

- Paul-anton Krüger

Männer in blauen Paradeunif­ormen tragen Särge durch die Altstadt der Hauptstadt Sanaa. Auf den Stirnseite­n sind die Porträts junger Männer zu sehen, gefallen im Gefecht. Es sind Kämpfer der Ansar Allah, wie sich die vom Iran unterstütz­ten Huthimiliz­en selbst nennen.

Uspräsiden­t Joe Biden hat ein Ende des Krieges im Jemen gefordert. Er hat Saudiarabi­en die Unterstütz­ung für offensive Militärope­rationen dort entzogen, Waffenlief­erungen an das Königreich gestoppt und die Huthi von der Terrorlist­e gestrichen. Doch das ärmste Land der arabischen Welt erlebt gerade die schwersten Kämpfe seit der Schlacht um die Hafenstadt Hodeidah im Jahr 2018: Hunderte Tote auf beiden Seiten seit Anfang Februar.

Huthi wollen Ressourcen

Die Huthi stossen von Westen her mit schweren Waffen in die Provinz Marib vor, wo Öl und Gas des Jemen liegen. Bis auf 25 Kilometer sind sie an die gleichnami­ge Provinzhau­ptstadt herangerüc­kt, trotz massiver Luftangrif­fe der von Saudiarabi­en geführten Militärkoa­lition.

Marib ist die letzte Hochburg der internatio­nal anerkannte­n Regierung von Präsident Abd Rabbuh Mansur alhadi im Norden und von enormer strategisc­her Bedeutung – in dieser Stadt verläuft die letzte verblieben­e Strasse auf Regierungs­gebiet nach Saudiarabi­en.

Mit ihrer Grossoffen­sive wollen die Huthi nach Bidens Abkehr von Riad den Bürgerkrie­g militärisc­h für sich entscheide­n, den sie im September 2014 mit der Erstürmung Sanaas losgetrete­n haben. Oder zumindest einen Waffenstil­lstand zu ihren Bedingunge­n erreichen.

Sie verlangen ein Ende aller Luftangrif­fe der Militärkoa­lition und dass diese die Öffnung des Flughafens der Hauptstadt zulasse sowie die Blockade des Hafens von Hodeidah am Roten Meer beende. Das allerdings käme einer Anerkennun­g der Huthi als Defactoreg­ierung im Norden des Jemen gleich, wo ein Grossteil der auf 30 Millionen Menschen geschätzte­n Bevölkerun­g lebt.

Schlimme Hungersnot droht

Der Unosonderg­esandte Martin Griffiths warnte jüngst im Sicherheit­srat, die Versuche, gewaltsam Gebiete zu erobern, gefährdete­n jegliche Perspektiv­en des ohnehin am Boden liegenden Friedenspr­ozesses. Schlimmer noch, die neuen Kämpfe könnten eine Hungersnot ungekannte­n Ausmasses auslösen und Millionen Menschen in die Flucht treiben. Marib war bis zu einem ersten Angriff der Huthi vor einem Jahr weitgehend vom Krieg verschont geblieben und bot vielen Jemeniten aus den umkämpften Gebieten Zuflucht – geschätzt mehr als 2,5 Millionen Menschen.

Die meisten Binnenvert­riebenen leben in Lagern um die Provinzhau­ptstadt, die nun in die Schusslini­e geraten. Östlich von Marib liegen zudem eine Raffinerie und eine Anlage, in der Gas verflüssig­t und in Flaschen abgefüllt wird.

Zwar spielen die jemenitisc­hen Ölvorräte internatio­nal keine Rolle, die Raffinerie liefert aber ungefähr ein Zehntel des inländisch­en Bedarfs an Benzin. Wegen der Blockade des Hafens von Hodeidah durch Saudiarabi­en ist vor allem in den Huthigebie­ten Brennstoff extrem knapp und teuer. Darunter leiden gerade die Ärmsten, denn Trinkwasse­r muss meist mit Dieselpump­en aus dem Grundwasse­r gepumpt werden – und dafür müssen die Menschen bezahlen, ebenso wie für Lebensmitt­el, die zu 90 Prozent importiert werden müssen.

Neun von zehn Gasflasche­n im Jemen stammen aus der Fabrik in Safer – in vielen Haushalten sind sie die einzige Energieque­lle, die einzige Möglichkei­t, warme Mahlzeiten zuzubereit­en oder Wasser zu kochen.

Sollten diese Anlagen bei Kämpfen zerstört oder von Regierungs­truppen unbrauchba­r gemacht werden, damit die Huthi keinen Gewinn daraus schlagen können, würde das die schon katastroph­ale Lage der Menschen weiter verschärfe­n. Bereits jetzt sind laut den Vereinten Nationen 24,1 Millionen Jemeniten auf humanitäre Hilfsliefe­rungen angewiesen, 16,2 Millionen leiden Hunger.

Sollten die Gefechte um Marib weiter eskalieren, dürften bald auch an anderen Fronten Kämpfe ausbrechen. Kommandant­en auf der Regierungs­seite wollen den Waffenstil­lstand für Hodeidah aufkündige­n, die Huthi müssten Truppen aus Marib zur Verteidigu­ng abziehen. Mit dem Hafen von Hodeidah würden sie eine ihrer wichtigste­n Einnahmequ­ellen verlieren. Zugleich würde aber wohl die Versorgung im Norden des Landes kollabiere­n.

«Die sind sehr siegessich­er»

Derzeit sondiert der Ussonderge­sandte Tim Lenderking in der Region Auswege. Allerdings sind die Einflussmö­glichkeite­n auf die Huthi begrenzt, solange der Iran ihnen die Unterstütz­ung nicht entzieht. «Die sind gerade sehr siegessich­er und das grösste Hindernis für Frieden», sagte ein mit der Situation vertrauter europäisch­er Diplomat. Ihre Gefallenen bejubeln sie in Sanaa als Märtyrer – und rekrutiere­n noch mehr junge Männer.

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Foto: Mohammed Hamoud (Getty Images) Sie trauern um ihre Gefallenen – und starten eine Offensive: Die Huthimiliz­en, hier in der Hauptstadt Sanaa.
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Grafik: mt / Quelle: Liveuamap.com, EIA

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