Tages Anzeiger

«Das Covid-zertifikat kommt viel zu spät»

Privilegie­n für Immune Erst im Sommer kommt der offizielle Ausweis für Geimpfte – Genesene und negativ Getestete müssen sogar noch etwas länger warten. Das provoziert Kritik.

- Jacqueline Büchi

Jeder sechste Erwachsene in der Schweiz ist bereits vollständi­g gegen das Coronaviru­s geimpft. Dazu kommen nochmals gleich viele, die zumindest die erste Spritze erhalten haben – und es werden jeden Tag mehr.

Bis sich diese Menschen offiziell als Geimpfte ausweisen können, dauert es aber noch. Das Bundesamt für Informatik hat letzte Woche den Auftrag gefasst, bis Ende Juni eine technische Lösung für das geplante Corona-zertifikat auszuarbei­ten. Wobei schon jetzt klar ist, dass der Service dann noch nicht in vollem Umfang zur Verfügung stehen wird.

«Das Covid-zertifikat soll gestaffelt ausgerollt werden», bestätigt eine Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Das heisst: Zuerst kommt das Zertifikat für Geimpfte, erst danach folgen die Nachweise für Genesene und Getestete. Wann genau, ist unklar – «zeitnah», lautet die vage Antwort.

Lange Übergangsp­hase

Für Andrea Caroni, Fdp-ständerat und Präsident der Staatspoli­tischen Kommission, kommt das Zertifikat damit auf jeden Fall «viel zu spät». Denn Geimpfte und Genesene müssen sich heute in der Schweiz an die gleichen Einschränk­ungen und Regeln halten wie alle anderen auch. Lediglich von der Kontakt- und der Reisequara­ntäne sind ab dem nächsten Öffnungssc­hritt Ende Mai voraussich­tlich beide Kategorien befreit.

«Der Bund begründet die Aufhebung der Quarantäne für Geimpfte und Genesene zu Recht damit, dass sie nicht mehr ansteckend seien», sagt Caroni. «Aber genau deshalb darf man diese Menschen ganz allgemein nicht mehr in ihren Grundrecht­en einschränk­en.» Die Betroffene­n müssten nun «augenblick­lich ihr altes Leben zurückerha­lten», ebenso wie Personen mit einem aktuellen negativen Testresult­at, fordert der Rechtsanwa­lt.

Das BAG betont, der Bund verfüge erst seit März über eine gesetzlich­e Grundlage, um die Anforderun­gen an das Zertifikat zu definieren. Das gestaffelt­e Vorgehen sei sinnvoll, weil der Personenkr­eis der Geimpften klarer abgegrenzt werden könne als bei den Genesenen und Getesteten.

Das sind Argumente, die Caroni als fadenschei­nig bezeichnet: «Wir wissen schon seit einem Jahr, dass die Impfung der Schlüssel zu den Öffnungen ist. Und dass es eine relativ lange Übergangsp­hase geben wird, in der erst ein Teil der Bevölkerun­g immun ist.»

Das BAG hätte sich laut Andrea Caroni selber frühzeitig um eine gesetzlich­e Grundlage kümmern können. «Dass man so lange mit angezogene­r Handbremse unterwegs war, kann ich mir nur damit erklären, dass man Angst vor der ‹ Privilegie­n-debatte› hatte.»

Ticket für den Discobesuc­h

Tatsächlic­h steht nicht nur die Technik einer schnellen Lancierung des Zertifikat­s im Wege. Auch zahlreiche politische Fragen müssen noch geklärt werden. So steht erst in den Grundzügen fest, wann und wo das Zertifikat im Inland zum Einsatz kommt. Der Bundesrat muss diese Punkte in einer Verordnung präzisiere­n.

Vorgesehen ist, dass Geimpfte, Getestete und Genesene dank dem Zertifikat selektiv Zutritt zu «Orten mit hohem Übertragun­gsrisiko» erhalten sollen. Als mögliche Anwendungs­bereiche nannte der Bund in einer Mitteilung Grossveran­staltungen, Bars oder Diskotheke­n.

Eine Rolle spielen soll das Zertifikat dabei primär in der sogenannte­n Stabilisie­rungsphase. Also vom Moment an, in dem mindestens 40 Prozent der Bevölkerun­g geimpft sind, bis zu dem Zeitpunkt, an dem alle Erwachsene­n Zugang zur Impfung hatten. Diese Phase dauert laut Schätzunge­n des Bundes ungefähr bis Ende Juli. Danach sollen die Corona-massnahmen im Inland für die ganze Bevölkerun­g sukzessive fallen – und das Zertifikat dürfte bald nur noch bei Auslandrei­sen nötig sein.

Dass trotz des engen Zeithorizo­nts noch so viele Fragen offen sind, sorgt beim Verband der Schweizer Konzert-, Show- und Festivalve­ranstalter (SMPA) für Irritation. In einer Stellungna­hme schreibt er, das Covid-zertifikat müsse spätestens Mitte Juni vorliegen und in der Praxis getestet sein – sonst reiche die Zeit für die Vorbereitu­ngen nicht aus.

Denn schon ab Juli sollen in der Schweiz Events mit bis zu 3000 Teilnehmer­n für Geimpfte, Genesene und Getestete wieder möglich sein, ab September gar solche mit 10’000 Personen. Smpa-geschäftsf­ührer Stefan Breitenmos­er sagt: «Im Moment haben wir noch keine Ahnung, welche Infrastruk­tur wir für die Kontrolle der Zertifikat­e benötigen. Und was passiert, wenn der Nachweis im Juli nicht bereit ist.» Wie es in einem Konzeptpap­ier des Bundes heisst, könnten vorübergeh­end auch herkömmlic­he Test- und Impfbesche­inigungen akzeptiert werden.

Ohne Kontrolle in die Kirche

Breitenmos­er sagt jedoch: «Als Veranstalt­er können wir unmöglich irgendwelc­he Zettel oder SMS auf ihre Echtheit überprüfen.» Ebenso sei die Idee illusorisc­h, bei grösseren Veranstalt­ungen das Publikum vor Ort zu testen. Sämtliche Rahmenbedi­ngungen würden viel zu kurzfristi­g festgelegt, eine sinnvolle Planung sei so kaum möglich.

Die Wirte lehnen Einlasskon­trollen anhand des Covid-zertifikat­s grundsätzl­ich ab. Auch die Freikirche­n melden Bedenken an. Gottesdien­ste seien Ausdruck der freien Religionsa­usübung und dürften nicht durch Identitäts­kontrollen reglementi­ert werden.

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Foto: Keystone Vieles könnte mit einem Corona-attest einfacher werden: Theaterbes­ucher mit Maske und Abstand im Dezember 2020 in Zürich.

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