Tages Anzeiger

Corona-variante bedroht die ersehnte Freiheit

Grossbrita­nnien London warnt, dass sich die indische Doppelmuta­tion rasch verbreitet.

- Peter Nonnenmach­er, London

Monatelang hätte es in Grossbrita­nnien nicht besser laufen können. Ein relativ strikter Lockdown, gekoppelt mit einer perfekt organisier­ten Impfaktion, hat die Briten aufatmen lassen und für Zuversicht gesorgt. Von über 60’000 täglichen Neuinfekti­onen im Januar ist die Zahl der Ansteckung­en auf kaum mehr als 2000 gesunken. Die Zahl der Covid-opfer, die einmal bei 1800 lag, ist auf weniger als ein Dutzend pro Tag geschrumpf­t.

69 Prozent aller Erwachsene­n haben eine erste Impfdosis erhalten und 36 Prozent bereits ihre zweite. Für Montag sind darum in England erhebliche Erleichter­ungen im täglichen Leben vorgesehen. Erstmals seit Jahresanfa­ng soll man wieder anderswo lebende Familienmi­tglieder, Freunde oder Bekannte besuchen dürfen. Pubs, Restaurant­s, Kinos, Theater öffnen wieder ihre Türen. Schüler müssen keine Masken mehr tragen im Unterricht. In fünf Wochen soll dann sogar «weitgehend­e Normalität» herrschen auf den Britischen Inseln. Selbst auf soziale Distanz könne man dann vielleicht verzichten, war noch vor kurzem von Ministern zu hören.

Doch plötzlich hat sich, mitten in dieser Aufbruchst­immung, ein Schatten über das sonnige Szenarium geschoben. Die Ankunft der gefürchtet­en indischen Variante B.1.617.2 hat beträchtli­che neue Ungewisshe­iten geschaffen. Und manche sorgen sich, dass es mit der ersehnten Freiheit erst einmal nichts wird.

Neue Lockdowns möglich

Premiermin­ister Boris Johnson, der noch zu Ostern feierlich versichert­e, es werde keine Rückkehr zu den alten Restriktio­nen mehr geben, will nun mit einem Mal «nichts mehr ausschlies­sen». Die neue Variante bereite ihm «grosse Sorge», erklärte Johnson diese Woche alarmiert. Eine weitere Öffnung der Gesellscha­ft könne es natürlich nur geben, «solange diese Variante nicht abhebt, wie es einige Leute befürchten», sagte Johnson. Selbst neue örtliche oder regionale Lockdown-massnahmen seien in einem solchen Fall nicht mehr ausgeschlo­ssen, bestätigte das Gesundheit­sministeri­um. Die Angst der Regierung und ihrer Experten vor dem neuen Virustyp ist begreiflic­h. Noch ist die Zahl der gemeldeten Infektione­n mit der neuen Variante relativ niedrig, aber allein letzte Woche hat sie sich offenbar fast verdreifac­ht. Vor allem in Teilen Nordwesten­glands und in London scheint sie sich zurzeit rasch auszubreit­en.

Sofort Junge impfen

Die Regierung hat gestern beschlosse­n, ihre Impfstrate­gie zu ändern und jüngeren Leuten in den betroffene­n Gebieten unverzügli­ch erste und möglichst schnell auch zweite Impfdosen anzubieten, um die Verbreitun­g der Variante zu bremsen. Das Problem damit sei freilich, dass man so anderen Personen eine Impfung vorenthalt­e und der Impfstoff erst drei Wochen nach Verabreich­ung wirksam werde, warnt Professor Paul Hunter von der Universitä­t East Anglia.

Die grösste Sorge ist natürlich, dass die neue Variante die Wirkung der verfügbare­n Impfstoffe zunichtema­chen könnte – und sie so den gesamten Kraftakt der letzten Monate relativier­en würde. Bisher gebe es dafür «keine Beweise», sagt der fürs Impfen zuständige Minister. Örtliche Lockdowns halten die meisten Experten aber für nutzlos. «Ich denke, dass wir das als ein landesweit­es Problem betrachten sollten», meint etwa Professor James Naismith, Direktor des Rosalind-franklin-instituts in Oxford. «Diese Variante kommt letztlich überallhin.»

Wichtig sei vor allem, schnell zu handeln, betont Naismiths Kollege Rowland Kao von der Universitä­t Edinburgh: «Besser, jetzt Vorsicht walten zu lassen, als abzuwarten, bis wir Gewissheit haben.» Wales, das unabhängig von England Gesundheit­spolitik betreibt, hat bereits beschlosse­n, einige ebenfalls für Montag vorgesehen­e Lockerunge­n des Lockdown auszusetze­n, bis man mehr Klarheit hat.

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