Tages Anzeiger

Wenn die Ministerin spricht, geht ein Aufschrei durchs Land

Gleichstel­lung in Spanien Irene Montero setzt sich für weibliche Berufsbeze­ichnungen ein, doch ihre Wortschöpf­ungen stossen auf Kritik.

- Madrid

Die Sprachhüte­r haben einen miserablen Frauenschn­itt, nur 8 der 46 Mitglieder der 1713 gegründete­n Königliche­n Spanischen Akademie sind weiblich. Die Real Academia Española (RAE) wacht über den Wortschatz, der diesseits wie jenseits des Atlantiks als korrektes Spanisch gilt. Ihre Rolle ist damit schon immer eine höchst politische.

Doch selten war die RAE so sehr sowohl Gegenstand als auch Akteurin im politische­n Diskurs wie in jüngster Zeit. Denn auch in Spanien werden Fragen der sozialen Gerechtigk­eit immer häufiger auf der Ebene der Sprache verhandelt. Sprache schafft Realität – diese These aus den Geisteswis­senschafte­n ist längst auf der Ebene der praktische­n

Politik angelangt und führt in Spanien nun zu Streit.

Denn die linkspopul­istische Podemos-partei, die in Madrid zusammen mit den Sozialiste­n regiert, tritt nicht nur an, die Realität zu verändern. Sie will auch die Sprache verändern, weil aus ihrer Sicht beides untrennbar verbunden ist. Insbesonde­re dann, wenn es um Geschlecht­ergerechti­gkeit geht. Spaniens Gleichstel­lungsminis­terin Irene Montero, Jahrgang 1988, hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Lücke zwischen den Löhnen von Arbeitnehm­erinnen und Arbeitnehm­ern zu schliessen. Um diesen finanziell­en Unterschie­d abzutragen, ist es nicht nur notwendig, dass auch Väter mehr Zeit für ihre Kinder investiere­n. Frauen müssen ausserdem häufiger in besser bezahlten Berufen arbeiten, als ingeniero, abogado oder médico, als Ingenieur, Anwalt oder Arzt also. Alles Männerberu­fe, schon rein grammatika­lisch.

Hier wird es knifflig: Denn wenn man davon ausgeht, dass Sprache Realität schafft, bedeutet dies, dass es der Gleichstel­lung der Geschlecht­er helfen könnte, wenn öfter von Ärztinnen und Anwältinne­n die Rede wäre. Im Spanischen sind viele, wenn auch nicht alle Berufsbeze­ichnungen mit der männlichen Endung -o versehen. Das bringt Ärztinnen dazu, sich médico zu nennen. Ein Widerspruc­h zwischen grammatika­lischem und biologisch­em Geschlecht.

Nicht binäre Kinder

Doch Sprache lebt und ist anpassungs­fähig. So wie der Duden längst die Ärztin und die Mieterin aufführt, hat auch die Königliche Spanische Akademie inzwischen médica und inquilina, die weiblichen Formen, erkennbar an der a-endung, in ihr Wörterbuch aufgenomme­n. Irene Montero ist somit eine ministra, eine Ministerin, von denen es im aktuellen spanischen Kabinett übrigens mehr gibt als Minister.

Montero allerdings geht die Sichtbarma­chung von Frauen in der Sprache noch nicht weit genug. Das Anliegen, dass Frauen nicht mehr nur mitgemeint sein sollen, hat eine Büchse der Pandora geöffnet und bringt die Sprachhüte­r nun erst recht in Bedrängnis. Denn was ist mit jenen Menschen, die sich keinem der beiden Geschlecht­er zugehörig fühlen? Vor allem im akademisch­en Milieu kursiert schon länger eine spanische Version des Genderster­nchens, das @-Zeichen. «Hola tod@s» benutzen viele Studierend­e inzwischen als

Karin Janker,

Anrede. Nur: Wie spricht man diese Leerstelle, die symbolisch auch Menschen einschlies­st, die sich als non-binär bezeichnen?

Montero spricht in ihren Reden inzwischen demonstrat­iv «todos, todas y todes» an. Ebenso selbstvers­tändlich spricht sie von «hijos, hijas y hijes», also von männlichen, weiblichen und non-binären Kindern. Auf solche Reden folgt jedes Mal ein spanienwei­t zu hörender Aufschrei. Doch Irene Montero lässt sich von Massregelu­ngen auch von höchster Stelle nicht einschücht­ern. Die Königliche Spanische Akademie habe «in Sachen Gleichbere­chtigung noch viel zu lernen», ist sie überzeugt.

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Foto: AFP Gleichstel­lungsminis­terin Irene Montero.

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