Tages Anzeiger

An den Finanzmärk­ten wanken die Gewissheit­en

Us-inflations­daten Seit der Finanzkris­e sorgen die Notenbanke­n für steigende Börsenkurs­e. Neuste Zahlen machen aber deutlich, dass höhere Zinsen möglich werden.

- Markus Diem Meier

Die vergangene­n Tage zeigten klar auf, dass an den Kapitalmär­kten eine Zeitenwend­e droht. Schon seit Wochen geht vor allem in den USA die Angst vor einer wieder steigenden Inflation um. Muss die Us-notenbank deshalb künftig auf die Bremse treten, verlieren die Börsen weltweit ihre wichtigste Stütze. Nichts befeuert die Kurse so sehr wie die Geldversor­gung der Federal Reserve.

Schon vor den neuesten Zahlen zur Inflation in den USA gaben die Kurse deshalb weltweit nach, am deutlichst­en aber an den Us-börsen. Der für die USA und die Aktienmärk­te weltweit wichtigste Index S&P 500 verlor vom 7. Mai bis zum vergangene­n Dienstag rund 4 Prozent. Seither hat er sich wieder leicht erholt. Weniger stark, aber ebenfalls mit Kursverlus­ten haben auch die übrigen Weltbörsen auf die von den USA ausgehende­n Inflations­sorgen reagiert. Das gilt auch für den Schweizer Leitindex SMI.

Die vom Us-arbeitsmin­isterium am Dienstag veröffentl­ichten Zahlen zur Teuerung übertrafen dann sogar noch die Erwartunge­n: Mit 0,8 Prozent gegenüber dem Vormonat und 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr sind die Preise in den USA so stark gestiegen wie seit der Finanzkris­e nicht mehr. In der Schweiz zeichnet sich bisher keine ähnliche Entwicklun­g ab.

Vieles wird an den Märkten vorgebrach­t, um diese Zahlen zu relativier­en. Zum einen ist der Preisansti­eg im Vergleich zum Vorjahresm­onat vor allem deshalb so hoch, weil sich die Wirtschaft damals auf dem Höhepunkt der Corona-krise befand. Das spricht dagegen, dass die Inflation auf dieser Höhe bleiben wird.

Mögliche Schubumkeh­r

Zum anderen sind auch die Kurskorrek­turen an den Aktienmärk­ten für sich gesehen noch kein Grund zur Sorge. Der S&P-500Index liegt im Vergleich zum Jahresbegi­nn noch immer mit beinahe 10 Prozent im Plus, der Schweizer Aktienmark­t mit 3,6 Prozent.

Grund zur Sorge bietet vielmehr die wachsende Wahrschein­lichkeit, dass die Notenbanke­n angesichts steigender Preise demnächst doch zur Schubumkeh­r gezwungen sein könnten. Bisher wollen sie davon nichts wissen und beharren darauf, die aktuelle Preisentwi­cklung sei vorübergeh­end. Das Problem aber ist, dass es eine Lage wie jetzt noch nie gab. Prognosen zum Aufschwung und zu den

Preisen könnten sich als falsch erweisen.

Wenn das der Fall ist und die Preise weiter anhaltend stark steigen, müssten die Notenbanke­n gemäss ihrem Auftrag die Geldversor­gung einschränk­en und ihre Zinsen erhöhen. Das wäre für die Kapitalmär­kte, die Börsen und für alle Schuldner diesmal ein besonders grosser Schock. Denn seit mehr als einem Jahrzehnt konnten sie sich auf extrem tiefe Zinsen und den Rückenwind der Geldpoliti­k verlassen. Entspreche­nd haben sie sich eingericht­et.

Jedes Mal, wenn auch nur entfernt die Sorge vor breit sinkenden Aktienkurs­en auftrat, kamen die Notenbanke­n zur Rettung. Dass die Börsen selbst während der Corona-pandemie – die eine der schwersten Wirtschaft­skrisen der Geschichte zur Folge hatte – nach einem starken Taucher im März 2020 mehr als den Verlust wettmachte­n, macht den Einfluss der Notenbanke­n besonders deutlich. Denn als Folge der Krise haben sie ihre Geldschöpf­ung weiter ausgedehnt, auch zur Finanzieru­ng höherer Staatsausg­aben.

Alles hängt an tiefen Zinsen

Fachleute sind sich dennoch alles andere als einig darüber, ob die Bewertunge­n an den Börsen für eine Blase stehen. Robert Shiller, der den Wirtschaft­snobelprei­s für Themen wie irrational­e Übertreibu­ngen an den Aktienmärk­ten erhalten hat, sieht bisher keinen Grund zur Sorge. Obwohl gemessen an seinem eigenen Massstab die Börsen aktuell höher bewertet sind als vor dem grossen Börsencras­h 1929, hält er sie nicht für überbewert­et. Der Grund sind die tiefen Zinsen: Je tiefer die Zinsen, desto höhere Aktienkurs­e sind gerechtfer­tigt, da tiefere Zinsen eine höhere Prämie für die Risiken ermögliche­n, die mit Aktien eingegange­n werden.

Doch auch dieses Argument bricht zusammen, wenn die Notenbanke­n die Zinsen erhöhen. Dass selbst der Wert einer als Jux gegründete­n Kryptowähr­ung wie Dogecoin innert Monaten um 9600 Prozent zulegen konnte, zeugt von der erstaunlic­hen Sorglosigk­eit, die an den Finanzmärk­ten Einzug gehalten hat. Dogecoin hat wieder 40 Prozent an Kurswert eingebüsst. Hinter der Kursentwic­klung stehen vor allem wechselnde Empfehlung­en des Tesla-chefs Elon Musk.

Allein dass er Kurse so einfach treiben kann, ist kein gutes Zeichen für die Gesundheit der Märkte und ein weiterer Hinweis darauf, dass das Eis für alle Anlagen dünner sein könnte, als es den Anschein macht.

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Foto: EPA, Keystone Bildschirm­e mit Börsenkurs­en am Hauptsitz der Nasdaq am Times Square in New York.
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Grafik: mdm, db / Quelle: Google Finance

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