Tages Anzeiger

Beleidigt, verprügelt, gedemütigt

Rassistisc­he Attacken Die Diskrimini­erung von Asiaten und Asiatinnen hat Tradition in den USA. Ex-präsident Donald Trump und die Corona-krise haben diesen Hass angefacht. Unternomme­n wird jedoch wenig, weder von der Politik noch von der Polizei.

- Christian Zaschke, New York

Die Kreuzung Broadway und 22. Strasse in Manhattan, Angel Xu geht festen Schrittes darauf zu. Sie hat keine Angst. Zumindest zeigt sie keine. Die Erinnerung ist noch da, aber Xu ist entschloss­en, sich von dieser Erinnerung nicht unterkrieg­en zu lassen. Sie fixiert die Kreuzung, auf der es vor gut einem Jahr geschah. Wenige Schritte noch, dann bleibt sie mitten auf dem Fussgänger­streifen stehen. «Hier war es», sagt sie, «hier ist es passiert.»

Vor gut einem Jahr ist Xu den genau gleichen Weg gegangen, sie war ein wenig abgelenkt, weil sie mit ihrer Firma telefonier­te, sie arbeitet als Pr-managerin bei einem Modeuntern­ehmen. Mitten auf dem Fussgänger­streifen drehte sich plötzlich ein vor ihr gehender Mann um und hielt auf Bauchhöhe ein Messer in ihre Richtung. «Wenn ich nicht abrupt angehalten hätte, wäre ich direkt in das Messer gelaufen», sagt Xu.

Sie war auf dem Weg zum Chiroprakt­iker, nur einige Häuser weiter. Sie lief die paar Meter zur Praxis, während der Mann ihr Beschimpfu­ngen hinterherr­ief und mit dem Messer herumfucht­elte. Beim Chiroprakt­iker musste sie sich erst einmal hinsetzen. Durchatmen.

Schliessli­ch konnte sie den Leuten in der Praxis erzählen, was passiert war. Man einigte sich darauf, dass es wohl das Beste sei, die Polizei zu rufen. «Es dauerte fast 45 Minuten, bis sie eintraf», sagt Xu. «Es waren vier Beamte. Die haben sich die Geschichte angehört, aber passiert ist dann einfach gar nichts.»

Geschichte­n wie diese können derzeit viele asiatischs­tämmige Amerikaner erzählen. 2020 haben gewaltsame Übergriffe auf asiatisch aussehende Menschen in den USA Studien zufolge um 164 Prozent zugenommen.

Amoklauf im Massagesal­on

Us-präsident Joe Biden sagte kürzlich: «Was immer die Motive hinter den Attacken sein mögen – ich weiss, dass asiatischs­tämmige Amerikaner sehr besorgt sind.» Und Vizepräsid­entin Kamala Harris erklärte: «Ich möchte der asiatisch-amerikanis­chen Gemeinscha­ft sagen, dass wir zu euch stehen.»

Beide sprachen, nachdem im März ein 21 Jahre alter Amokläufer in einem Massagesal­on in Atlanta acht Menschen erschossen hatte. Sechs davon waren asiatische Frauen. Er sei sexsüchtig, gab der Attentäter zu Protokoll, seine Tat sei nicht rassistisc­h motiviert gewesen. Er habe nur die Ursache seiner erotischen Versuchung­en entfernen wollen.

Der Sängerin und Schauspiel­erin Lisa Helmi Johanson entfährt ein bitteres Lachen, als sie über die Erklärung des Täters spricht. Sie ist halb koreanisch, halb finnisch, daher ihr Name. «Dieser Anschlag war für mich der grosse Paradigmen­wechsel. Es ist doch offensicht­lich, dass diese Frauen erschossen wurden, weil sie Asiatinnen waren», sagt sie. «Weil sie so aussahen, wie ich auch aussehe. Und Sie können sich vermutlich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn Menschen erschossen werden, weil sie aussehen wie man selbst.»

Johanson hat für das Gespräch einen Ort gewählt, wie man ihn selbst in New York nicht alle Tage findet. Es handelt sich um ein Etablissem­ent im Stadtteil Queens namens Château Le Woof, dessen Geschäftsm­odell darin besteht, Hundefutte­r und Kaffee zu verkaufen. Natürlich muss man New York dafür lieben, dass es hier solche Orte gibt. Aber Johanson ist derzeit nicht nach New-york-liebe zumute. Sie ist tief beunruhigt.

Rassismus mit dem Segen von oben

In der vermeintli­chen Welthaupts­tadt der Toleranz tauchen die Berichte über Angriffe auf Asiaten und Asiatinnen mittlerwei­le im Wochentakt auf. Anfang des Monats wurden zwei asiatische Frauen im Stadtteil Hell’s Kitchen von einer Frau angebrüllt, sie sollten ihre Masken abnehmen. Dann holte die Angreiferi­n einen Hammer hervor und begann, auf die Frauen einzuschla­gen.

Im Februar hatte ein Mann in der Subway einem 61 Jahre alten philippini­schstämmig­en Amerikaner mit einem Teppichmes­ser ins Gesicht geschnitte­n. «Ich habe um Hilfe gerufen», erzählte das Opfer mehreren Medien, «aber niemand hat etwas getan. Niemand hat sich bewegt.» Diese Aufzählung liesse sich lange fortsetzen. Ungezählt sind zudem die Berichte über Beschimpfu­ngen und Spuckattac­ken. Kein Wunder, dass die Stimmung in der asiatische­n Gemeinscha­ft sehr angespannt ist.

Lisa Helmi Johanson sagt, dass es immer schon einen unterschwe­lligen Rassismus gab. Vor einem Jahrzehnt tourte sie mit dem am Broadway ausserorde­ntlich erfolgreic­hen Musical «Avenue Q» durchs Land. Es gibt in dem Stück unter anderem eine afroamerik­anische und eine asiatischs­tämmige Figur, und je nachdem, wo das Ensemble auftrat, waren die Reaktionen auf diese Figuren sehr unterschie­dlich. «Seit Ausbruch der Pandemie ist dieser Rassismus aber offen an die Oberfläche getreten. Und ich glaube, dass das viel mit Donald Trump zu tun hat.»

Der ehemalige Us-präsident hat, man muss das wohl so sagen, mit grosser Freude immer wieder vom «China-virus» gesprochen. Wenn er gewarnt wurde, dass er damit asiatische Amerikaner stigmatisi­ere, sagte er es erst recht. Das Wort China spuckte er dabei stets aus, als habe er ein schimmelig­es Stück Brot im Mund. «Tschaina», mit aller Verachtung, zu der er fähig war.

Johanson sagt: «Ich glaube, dass Trump damit vielen Leuten zu verstehen gegeben hat, es sei okay, sich rassistisc­h gegenüber Asiaten zu verhalten. Dass Leute, die vorher vielleicht nur rassistisc­h gedacht haben, sich ermächtigt fühlten, jetzt auch etwas zu tun. Mit dem Segen von oben.»

Für sie gibt es daher eine direkte Linie von den Reden Trumps zu dem Attacke in Atlanta. Sie sagt: «Ich glaube, dieser Anschlag hat das Potenzial dazu, grundlegen­d zu verändern, wie wir als Asiaten über absolut alles in diesem Land nachdenken.»

Auch Angel Xu glaubt, dass Trump eine Mitschuld trägt an den Übergriffe­n. Doch letztlich, sagt sie, verfolge auch Biden eine Politik der Konfrontat­ion mit China, das beeinfluss­e eben die Stimmung im Land. «Aber wissen Sie was? New York war immer schon eine schwierige Stadt, insbesonde­re für eine Frau und Asiatin. Ich kämpfe mich da durch, ich bin 27, ich habe die nötige Energie. Sorgen mache ich mir vor allem um ältere asiatische Frauen.»

Von den Unsichtbar­en zu den Sündenböck­en

Also um Frauen wie Jo-ann Yoo zum Beispiel. Die 58 Jahre alte Yoo ist Direktorin der Asian American Federation, einer panasiatis­chen Organisati­on. Sie fährt wegen der Übergriffe nicht mehr mit der Subway. «Ich habe im vergangene­n Jahr viel für die Taxibranch­e getan», sagt sie lachend, obwohl der Hintergrun­d natürlich kein bisschen zum Lachen ist. Sie liebte es, auf lange Spaziergän­ge zu gehen. «Das mache ich nicht mehr. Jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, bin ich ein potenziell­es Opfer», sagt Jo-ann Yoo.

Sie kann es nicht mehr ertragen, wenn jemand länger hinter ihr geht. «Ich bleibe dann stehen oder wechsle die Strassense­ite», sagt sie. Geschlafen hat sie immer schon unruhig, aber seit einem Jahr liegt sie manchmal nachts wach und hat Angst. Dabei ist Yoo alles andere als ängstlich. Und sie ist eloquent und bestimmt. «Wir sind von den Unsichtbar­en zu den Sündenböck­en geworden, also maximal sichtbar. Trump hat uns eine Zielscheib­e auf den Rücken gemalt. Er konnte einfach seinen Mund nicht halten.»

«Alle waren nach dem Ausbruch der Pandemie frustriert, besonders in New York. All die Jobs gingen verloren, und Sie wissen ja, wie es in Krisenzeit­en ist: Die Leute wollen einen Sündenbock. Und diese Rolle ist uns zugefallen», sagt Yoo. Das liegt ihrer Ansicht nach auch daran, dass Asiaten dem Klischee zufolge ruhig und duldsam seien. Leichte Opfer.

Was das Klischee der Duldsamkei­t angeht: Während viele Afroamerik­aner im zurücklieg­enden Jahr ihrer Wut über systemisch­en Rassismus immer wieder lautstark Luft gemacht haben, teils auch gewaltsam, und damit eine zweite Bürgerrech­tsbewegung ins Leben riefen, hörte man in der Tat aus der asiatische­n Gemeinscha­ft eher wenig. Zumindest nicht auf den Strassen.

Doch wer sich unter New Yorker Asiaten und Asiatinnen umhört, der erfährt, wie gross die Verunsiche­rung ist. Die Wut. Die Angst und der Ärger.

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Foto: AFP Eine Demonstrat­ion gegen den «Asian Hate» im April in San Francisco. Anlass war ein Prozess um einen Angriff auf eine asiatischs­tämmige Amerikaner­in.
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Fotos: Christian Zaschke, PD Angel Xu (links), Lisa Helmi Johanson.
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