Tages Anzeiger

Sie wird als Retterin der Menschheit gefeiert

Kizzmekia Corbett Der mrna-impfstoff von Moderna und Biontech geht auf eine Naturwisse­nschaftler­in und Feministin zurück.

- Isabel Strassheim

Die USA haben die Patentfrag­e wieder aufs Tapet gebracht und möchten während der Pandemie den Schutz des geistigen Eigentums aufheben. Was sie dabei nicht zum Thema machten: Ein wichtiges Patent auf die Technologi­e der mrnaimpfst­offe gehört den USA. Denn es waren die Wissenscha­ftlerinnen und Wissenscha­ftler des Nationalen Gesundheit­sinstituts (NIH), die den neuartigen Ansatz entdeckten. Unter den Namen der zwölf im Uspatent festgehalt­enen Forschende­n ist auch ihrer: Kizzmekia Corbett. Die 35Jährige ist die Leiterin des Coronateam­s des NIHImpffor­schungszen­trums. Sie wird in den USA als Retterin der Menschheit gefeiert.

Die Mikrobiolo­gin Corbett und ihr Team entwickelt­en einen zentralen Bestandtei­l der mrnaimpfst­offe. Es geht dabei um das Verfahren, eine Kopie der genetische­n Bauanleitu­ng (MRNA) für das Spikeprote­in des Coronaviru­s für den Impfstoff zu nutzen. Das Patent Nummer 10.960.070 – kurz 070 genannt – beschreibt den Weg, dieses Protein in einer gewissen Form zu stabilisie­ren, die für den Impfstoff am wirkungsvo­llsten ist.

Auf Twitter nennt sich Corbett Kizzyphd (das Kürzel PHD steht in den USA für Doktor) und kündigt ihre Auftritte im Fernsehen oder auch auf Kircheneve­nts an. Sie fordert auf, sich impfen zu lassen. Aber sie spricht auch zum Thema «Rasse, Glaube und Wissenscha­ft in Covidzeite­n ». Denn die Afroamerik­anerin ist nicht nur Naturwisse­nschaftler­in, sondern auch eine schwarze, feministis­che Aktivistin.

Corbett gibt dem Forschungs­erfolg gegen die Pandemie ein Gesicht. Und zwar ein farbiges, was gerade mit Blick auf die «Black Lives Matter»bewegung wichtig ist. Der Uschefinfe­ktiologe Anthony Fauci konnte so auf Corbett verweisen, als er auf einem Forum nach dem Beitrag der Afroamerik­aner zur Impfstofff­orschung gefragt wurde. Was zählt, ist nicht nur, dass eine hochwirksa­me neuartige Impfstofft­echnologie gefunden wurde, sondern auch, dass es eine farbige Frau ist, die dabei massgeblic­h war. «Ich habe nicht begonnen, am Coronaviru­s zu forschen, um einen Impfstoff zu entwickeln. Sondern um ein tieferes Verständni­s der Immunantwo­rten auf eine Impfung zu bekommen, damit wir vielleicht mal einen Impfstoff entwickeln könnten», sagt Corbett. Sie befasst sich schon seit vielen Jahren mit Merscov und anderen Coronavire­n, das Patent 070 stammt schon aus dem Jahr 2017. Das neue Virus Sarscov2 hat Corbetts Impftechno­logie nun zu weltweiter Brisanz verholfen.

«Meine Tweets gehören mir, meine Wissenscha­ft der Welt», so definiert Corbett ihr Motto auf Twitter. Tatsächlic­h ist es so, dass die USA keine Exklusivho­heit auf ihr Patent einfordern.

Sie haben es an eine Reihe von Firmen auslizenzi­ert, das heisst, sie geben es weiter. Wie die «Financial Times» schreibt, zahlen die Unternehme­n an die USA Lizenzgebü­hren, unter anderem Biontech. Die Usfirma Moderna ist dagegen ein Sonderfall, von ihr verlangt die Behörde keine Lizenzgebü­hr.

Kurz nach seinem Amtsantrit­t machte Uspräsiden­t Joe Biden einen Besuch im NIH und liess sich von Corbett über die mrnatechno­logie unterricht­en – ein Fototermin, mit dem er der Forscherin Respekt zollte. Die Wissenscha­ftlerin selbst hält sich jedoch aus der Politik heraus. Zur Patentfrag­e hat sie sich jedenfalls bislang nicht geäussert.

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