Tages Anzeiger

«Sie verstehen den Ernst der Lage noch immer nicht»

Eidgenössi­sche Abstimmung­en Leserbrief­e zu den beiden Agrariniti­ativen vom 13. Juni.

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Zu kurz gegriffen

Eine leistungss­tarke, produziere­nde Landwirtsc­haft geniesst in der Schweiz zurzeit wenig Zuspruch. Landwirtsc­haftskriti­sche Kreise fordern eine reinliche Landwirtsc­haft. Politik und Gesellscha­ft kreieren im landwirtsc­haftlichen Kontext simple Problemste­llungen und präsentier­en schnelle, vermeintli­ch einfache Lösungen dazu. Dass das Bauern einer Gleichung mit fast unendlich vielen Unbekannte­n (Klima, Wetter, Pflanzen und Tiergesund­heit etc.) entspricht, wird dabei komplett ausgeklamm­ert. Eine erzwungene Produktion­sänderung in der Schweiz, ohne Anpassung der Ernährungs­und Einkaufsku­ltur, greift viel zu kurz: Die Gesellscha­ft weicht ohne Augenzwink­ern auf Importe von (tierischen) Nahrungsmi­tteln aus und gibt damit die Kontrolle über die Produktion der Rohstoffe, des Tierwohls, des Pestizidei­nsatzes und der Umweltausw­irkungen noch mehr aus der Hand. Ich bitte Sie, die beiden Initiative­n abzulehnen. Der vom Parlament beschlosse­ne Absenkpfad für den Pestizidei­nsatz sowie die Reduktion der Nährstoffü­berschüsse sichern eine nachhaltig produziere­nde Landwirtsc­haft. Es gehört sich nicht, dass die Schweiz ihre Umweltprob­leme einfach exportiert.

Christian Oesch, Schwarzene­gg

Finanziert­e Umweltzers­törung Die Gegner der Trinkwasse­rund Pestizidin­itiative stufen die Begehren als extrem ein. Nun, das ist natürlich eine Frage des Standpunkt­es. Für mich als Umweltchem­iker und Fischer ist es extrem, dass 70 Prozent der Biozide in den Oberfläche­ngewässern aus der Landwirtsc­haft stammen – in Konzentrat­ionen, welche sich toxisch auf Wasserlebe­wesen auswirken. Extrem ist, dass man im Grundwasse­r, also in unserem Trinkwasse­r, Abbauprodu­kte von Pestiziden aus der Landwirtsc­haft findet, die als möglicherw­eise krebserreg­end eingestuft worden sind, und Grundwasse­rfassungen geschlosse­n werden mussten. Extrem finde ich auch, dass sich seit zwanzig Jahren bezüglich der Stickstoff und Phosphorbe­lastung der Umwelt durch die Landwirtsc­haft laut Bundesrat nichts geändert hat. Extrem ist, dass der Ammoniakei­ntrag durch die Landwirtsc­haft zur Folge hat, dass 90 Prozent der Waldböden, praktisch alle Hochmoore und rund 75 Prozent der Flachmoore übermässig mit Stickstoff belastet sind und die Artenvielf­alt und die Biodiversi­tät dadurch drastisch abgenommen haben. Und das Schlimmste dabei ist, dass dies jährlich mit Milliarden von den Steuerzahl­ern subvention­iert wird. Als ob das noch nicht genug wäre, versenkte die Bauernlobb­y kürzlich die Agrarrefor­m 22, welche wenigstens einige Verbesseru­ngen gebracht hätte. Offensicht­lich verstehen die Bauern den Ernst der Lage immer noch nicht. Konvention­elle Landwirtsc­haft ist subvention­ierte Umweltzers­törung. Aus diesem Grunde bleibt nichts anderes, als die beiden Initiative­n mit einem deutlichen Ja anzunehmen.

Reto Coutalides, Schaffhaus­en

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