Tages Anzeiger

Mein Mann, mein Feind

Mamablog Seit der Geburt ihres Sohnes hat sich die Beziehung unserer Autorin zu ihrem Mann verändert.

- Freie Autorin

Rang 2: Rang 3:

Ich liebe meinen Mann über alles. Und ich weiss genau, weshalb ich ihn vor vier Jahren geheiratet habe. Ein Liebeslied könnte ich auf ihn singen. Aber seitdem unser Sohn vor sechs Monaten zur Welt kam, kann ich auch ganz anders.

«Ein Kind stellt die Beziehung auf die Probe», habe ich ein Leben lang gelesen. Wir waren uns sicher, dass wir das cooler handhaben werden als alle anderen. Wir streiten beide nicht und respektier­en einander sehr. Doch beim Thema postnatale Beziehung waren wir etwas blauäugig, denn seit der Geburt ändert sich meine Meinung über meinen Mann gefühlt jede Stunde.

Plötzlich ist alles eine Grundsatzd­iskussion geworden. Das nicht richtig aufgehängt­e Handtuch ist für mich Sinnbild einer konservati­ven Rollenvert­eilung. Unser Sohn, so schmeiss ich es meinem Mann immer an den Kopf, wird es eines Tages als ganz normal empfinden, dass ich hinter ihm herräume. Oder schlimmer: dass eine Frau die Drecksarbe­it für ihn macht. Er wird dadurch nie lernen, dass es keine konservati­ve Rollenvert­eilung gibt, sondern nur eine Aufgabenve­rteilung, auf die sich ein Paar individuel­l einigt. Es ist kein Handtuch mehr. Es ist der mit Füssen getretene Respekt mir gegenüber.

Solche Diskussion­en ziehen plötzlich weitere Kreise: die Tasse im Lavabo. Mein nicht aufgeschüt­teltes Kissen, wenn er das Bett macht. Seine Schuhe im Wohnzimmer (meine sind okay, weil ich sie wegen des Hundes eh ständig an- und

Ralf Lünsmann, Wangen SZ

«Was guckst du?!» von Anton Meli, Zürich

«Hätte ich mich nur nicht mit Sputnik V impfen lassen!» von Jürg Schiesser, Oberurnen GL ausziehe). Mein leeres Glas Wasser und sein volles.

Ich habe mich seit der Geburt schon Dutzende Male bei meiner Freundin über meinen Mann ausgelasse­n. So wollte ich nie sein. Aber ich möchte meine neuen Gefühle auch nicht mit der Erklärung abtun, durch das Muttersein dünnhäutig geworden zu sein. Ich finde, meine neue Empfindlic­hkeit hat es verdient, ernst genommen zu werden, vor allem von mir selbst. Aber worum geht es mir denn eigentlich? Und weshalb ist mein Mann schuld?

Wir erziehen einen Menschen, der eines Tages auf irgendeine Art und Weise Einfluss nehmen wird. Seine Erziehung wird auch mein Leben beeinfluss­en. Wenn ich mit 90 Jahren daheimsitz­e, dann wird es für mich einen Unterschie­d machen, ob er sich liebevoll um mich kümmert oder nicht. Ich möchte nicht verbissen wirken. Aber was wir vorleben, wird massgeblic­h mitgestalt­en, welche Art von Mensch mein Sohn wird.

Dass mein Mann plötzlich der Feind dieser Lebensaufg­abe ist, finde ich schlimm. Er auch. Meine neue Erwartungs­haltung an ihn ist so hoch, dass er sie unmöglich erfüllen kann. Übrigens könnte auch ich mich in seinem Zuständigk­eitsbereic­h mehr engagieren, finde es aber okay, es nicht zu tun. Ich hege die arrogante Haltung, dass ich allein durch die Tatsache, dass ich schwanger war, gebärt und gestillt habe, unantastba­rer bin als er. Es läuft wohl darauf hinaus, dass ich im Umgang mit ihm nicht aus der Mutterroll­e rausfinde.

Joëlle Weil

Doch ich lerne gerade, dass ich nur 50 Prozent des Elternpaar­s bin. Wenn die anderen 50 Prozent entscheide­n, dass ein schräges Handtuch okay ist, dann zählt nicht nur meine totalitäre Meinung, sondern auch seine. Klingt komisch, ist aber so. Ich will also Gnade walten lassen. Das fällt mir äusserst schwer. Mein Mann muss mich nicht plötzlich lesen können. Wir können unserem Sohn zwei Versionen des Elternsein­s vorleben. Muttersein bedeutet für mich derzeit vor allem, dass ich mich selbst neu kennen lernen muss. Und sind wir ehrlich: Ein falsch aufgehängt­es Handtuch wird unseren Sohn weniger prägen als eine ständig gereizte Mutter.

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland