Der Bann des Bluts

Zürcher Unterländer - - Kultur & Gesellschaft - Pas­cal Blum

Das Hor­ror­ki­no weiss schon lan­ge, dass die Welt zum Schrei­en ist. In den USA steigt es ge­ra­de zum Leit­gen­re auf. Mit «Heredita­ry» gibt es nun auch den ers­ten scho­ckie­ren­den Pu­bli­kums­er­folg.

Die Fuss­ball­jun­gen in Thai­land sind ge­ret­tet, wir kön­nen durch­at­men. Für ei­nen Mo­ment hat­te man schon die Bil­der vor Au­gen, wie so ein Kn­a­be durch ei­nen Stol­len robbt und ste­cken bleibt. Zu­rück geht nicht, um­dre­hen geht nicht, Schweiss, pa­ni­sche At­mung. Ge­schich­ten aus dem Hor­ror­ki­no. In die­sem Fall aus «The De­scent» von 2005, wo­rin ei­ne Grup­pe von Höh­len­klet­te­rin­nen in ein arg klaus­tro­pho­bi­sches Ge­wöl­be steigt. Dass man be­stimm­te Hor­ror­fil­me nicht mehr ver­gisst, könn­te dar­an lie­gen, dass man sie ei­gent­lich schon im­mer ge­kannt hat. Wie die Angst, die tief sitzt.

Vir­tuo­se Dras­tik

«The De­scent» kann man sich des­halb im­mer wie­der an­se­hen. Kürz­lich be­such­ten auch gleich 10000 Be­su­cher das ers­te Wo­che­n­en­de des 18. Gen­re­film-Fes­ti­vals Nifff in Neu­en­burg. Dar­un­ter vie­le jun­ge Men­schen, die T-Shirts mit Slo­gans wie «Nor­mal Peop­le Sca­re Me» tru­gen und nach den Vor­füh­run­gen über die Mi­se en Scè­ne des Grau­ens re­de­ten. Die Fil­me mach­ten schon im Ti­tel klar, dass es nicht gut aus­geht; sie hies­sen «Pier­cing» oder «The Dark».

In letz­ter Zeit hat sich der Hor­ror­film in den USA als in­tel­lek­tu­el­les Leit­gen­re emp­foh­len. Ame­ri­ka ist ja das Land, in dem der Slas­her-Film, in dem ein Se­ri­en­mör­der Jagd auf Te­enager macht, erst so rich­tig auf­blü­hen konn­te.

Die Kin­der von «Hal­lo­ween» sind heu­te Re­gis­seu­re um die 30 und schrei­ben die über­lie­fer­ten Co­des der Hor­ror­film­ge­schich­te für die neue Zeit um. Ei­ne gan­ze Rei­he von cle­ve­ren Va­ri­an­ten des Hor­rors war jüngst zu se­hen: «It Fol­lows», ei­ne Abart des Slas­hers, er­zähl­te da­von, was ge­schieht, wenn Pa­ra­noia vi­ral geht. «Gre­en Room» in­ter­pre­tier­te das Hin­ter­wäld­ler-Mo­tiv für ei­ne Ära rechts­ex­tre­mer Bru­ta­li­tät. Un­ter der links­li­be­ra­len Freund­lich­keit von «Get Out» poch­ten Ras­sen­hass und Aus­beu­tungs­ge­lüs­te.

Na­tür­lich trägt die so­zi­al­kri­ti­sche Deu­tungs­macht des Schau­der­ki­nos zu sei­ner Pro­fi­ta­bi­li­tät bei. Die­se Wo­che ist «The First Pur­ge» an­ge­lau­fen, ei­ne neue Fol­ge der US-Hor­ror­se­rie, die seit län­ge­rem von der schwach­sin­ni­gen Idee lebt, dass wäh­rend ein paar St­un­den je­des Ver­bre­chen er­laubt ist. Die Par­tei, die so et­was er­laubt, heisst New Foun­ding Fa­thers und er­in­nert an Trumps Wun­sch­re­gie­rung.

Das Un­aus­sprech­li­che lau­ert

Aber wie sub­til war Ge­or­ge Ro­me­ro, der sei­ne Zom­bies in «Dawn of the Dead» in die Shop­ping­mall schick­te? Über­haupt nicht, denn im Hor­ror­film ist es nicht so, dass die Ef­fek­te plump wä­ren und der so­zia­le Kom­men­tar fein­sin­nig, son­dern an­ders­her­um: Die Sym­bo­lik ist deut­lich, da­für ist die Dras­tik vir­tu­os. All die of­fe­nen Kno­chen­brü­che, all die Pa­nik­mo­men­te, in de­nen wir fins­te­re Räu­me auf To­des­ge­fah­ren scan­nen: Hor­ror­kunst.

Die neus­te Schau­er­ge­schich­te aus den USA heisst «Heredita­ry». Der Erst­ling des 32-jäh­ri­gen New Yor­kers Ari As­ter wur­de auch des­halb zu ei­nem sol­chen Pu­bli­kums­er­folg, weil er uns in ei­ne Si­tua­ti­on ver­setzt, in der wir nicht mehr wis­sen, ob wir un­se­ren Au­gen noch trau­en kön­nen. Sei­ne Ele­ganz liegt in sei­nem stil­si­che­ren Um­gang mit der Un­si­cher­heit. Der Schau­platz ist das USEin­fa­mi­li­en­haus; dunk­ler Par­kett, Zeug auf dem Ka­min­sims, Trep­pe nach oben. Nur dass die Gra­hams et­was ab­ge­le­gen woh­nen, schon fast im Wald. Die Gross­mut­ter ist ge­stor­ben, die Mut­ter (To­ni Col­let­te) sagt an der Be­er­di­gung we­nig Gu­tes über sie. Als sich die Künst­le­rin in der Werk­statt wie­der an die Ar­beit an ih­ren un­heim­lich rea­lis­ti­schen Pup­pen­haus-Di­ora­men setzt, er­scheint ihr ein Geist. Si­cher ei­ne Pro­jek­ti­on der Trau­er. Oder ist da et­was ge­hö­rig morsch im Stamm­baum?

Im­mer en­ger zieht Ari As­ter den Fo­kus auf die schre­cker­füll­ten Ge­sich­ter der Fa­mi­lie Gra­ham, die von nun an von ei­ner un­sicht­ba­ren Macht be­droht wird. Im­mer wie­der: Leich­te Dre­hung des Kopfs, und das Herz setzt aus. Im­mer wie­der: Auf­ge­ris­se­ne Au­gen, und wir se­hen nichts. Ir­gend­wann sind wir uns ein­fach si­cher: In «Heredita­ry» sind die Räu­me be­ses­sen. Und die Fa­mi­lie ist der ers­te Fluch: das Blut als Bann­strahl.

Hips­ter-Schick ist er­kenn­bar

Weil das Hor­ror­ki­no vol­ler Po­ten­zia­le steckt, was Re­prä­sen­ta­tio­nen und Ta­bu­brü­che an­geht, kann es das Bild ei­ner Fa­mi­lie so ver­zer­ren, dass es uns wahn­sin­nig un­ge­heu­er ko­misch vor­kommt. Die Si­tua­tio­nen sind wirk­lich zum Schrei­en: Ein­mal muss Sohn Pe­ter sei­ne selt­sam in sich ge­kehr­te Schwes­ter Charlie an ei­ne Par­ty mit­schlep­pen. Müh­sam, und dann trägt sie auch noch ih­ren blö­den Hoo­die.

Dann die Abend­es­sen, an de­nen die Luft we­gen all des Un­ge­sag­ten kurz vor dem Ex­plo­die­ren ist. So wie das Un­aus­sprech­li­che in «Heredita­ry» in al­len Rit­zen lau­ert. Ein emo­tio­na­ler Ter­ror, in dem es stets ei­ne Ent­spre­chung gibt zwi­schen un­be­schreib­li­chem Ge­fühls­schmerz und dem Ent­set­zen über den Schre­cken rings­um. «Heredita­ry» weiss, dass der Hor­ror­film ei­ne po­pu­lä­re Form ar­chai­scher Ri­tua­le dar­stellt. Dass es der furcht­er­re­gends­te Ki­no­film seit lan­gem sein soll, wie vie­le schrie­ben: Nun ja, kommt drauf an, was man aus­hält. Es gibt ver­rä­te­ri­sche De­tails: Im Pup­pen­heim der Mut­ter, steht da wirk­lich ein Ea­mes-Stuhl mit fi­li­grans­ter Eif­fel-Ba­se? Bläst im Sound­track der Sa­xo­fo­nist Co­lin Stet­son von Ar­ca­de Fi­re, und wur­de da ge­ra­de der Iphi­ge­nieMy­thos iro­nisch laut ge­nannt? Es sind ein paar Wim­pel, an de­nen man Hips­ter-Schick er­kennt: Viel­leicht ist der Hor­ror­film für Ari As­ter ja ein­fach ein De­si­gn­klas­si­ker, und «Heredita­ry» der ers­te Schritt in der Gen­tri­fi­zie­rung ei­nes Gen­res. Ari As­ter hat in­so­fern den pro­gram­ma­ti­schen Scho­cker für die jun­ge Hor­ror­wel­le ge­dreht, de­ren Re­gis­seu­re al­le das Erb­gut des Gen­res in­tus ha­ben. Denn hier er­zählt ei­ner buch­stäb­lich vom Bö­sen, das ei­ne Ge­ne­ra­ti­on an die nächs­te wei­ter­gibt.

Fo­to: PD

Emo­tio­na­ler Ter­ror: In «Heredita­ry» wird die Fa­mi­lie Gra­ham von ei­ner un­sicht­ba­ren Macht be­droht.

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