Deutsch­land sucht den Lok­füh­rer

Sie woll­ten Olym­pia­sil­ber fei­ern, doch dann wur­de für Deutsch­land das Heim­tur­nier zur Cas­ting­show.

Zürcher Unterländer - - Sport - Phil­ipp Muschg, Krefeld

Kö­nig-Pa­last, der Na­me passt. Denn die schmuck­lo­se Mehr­zweck­hal­le, in wel­cher erst­mals der Deutsch­land-Cup statt­fin­det, wur­de plötz­lich Schau­platz ei­nes Kö­nigs­dra­mas. Je­ner Mann, der sei­ne Hei­mat im Fe­bru­ar zum ers­ten Olym­pia­sil­ber der Ge­schich­te ge­führt hat­te, dank­te aus hei­te­rem Him­mel ab. Und weil Mar­co Sturm in die NHL zu Los An­ge­les geht, be­wegt in Krefeld nicht mehr ei­ne Me­dail­le die Ge­mü­ter, son­dern ein Na­tio­nal­trai­ner und sei­ne Nach­fol­ge.

Die Haupt­dar­stel­ler be­zie­hen schnell Po­si­ti­on. Schon beim Start­spiel ge­gen Russ­land, das im Zei­chen der Re­van­che für den Olym­pia­fi­nal hät­te ste­hen sol­len.

Sturm macht den Auf­takt, ein paar Mi­nu­ten vor Match­be­ginn. Der 40-Jäh­ri­ge spricht in ein ro­sa­ro­tes Mi­kro­fon, was ihn bei sei­nem letz­ten Tur­nier so al­les be­wegt: «Der Ab­schied tut na­tür­lich auch weh.»

In der ers­ten Pau­se dann kommt der Kö­nigs­ma­cher. Glei­che Stel­le am Spiel­feld­rand, glei­ches Mi­kro­fon. Der Prä­si­dent des Deut­schen Eis­ho­ckey-Bun­des gibt sich prag­ma­tisch. «Wir ha­ben jetzt den Lok­füh­rer ver­lo­ren, da brau­chen wir ei­nen neu­en», sagt Franz Reindl. Man wol­le sich nun zu­sam­men­set­zen und er­geb­nis­of­fen dis­ku­tie­ren. «Ein Ne­ben­amt kommt nicht in­fra­ge. Für die Na­tio­nal­mann­schaft braucht man ein Ge­sicht, ein Aus­hän­ge­schild.»

Der Lo­kal­ma­ta­dor will nicht

In der zwei­ten Pau­se er­scheint ein Job­kan­di­dat. Chris­ti­an Ehr­hoff, wie Sturm einst NHLSpie­ler, in Süd­ko­rea noch als Ver­tei­di­ger da­bei. Er ist Lo­kal­ma­ta­dor, kommt aus Krefeld, je­doch: Er will nicht Lok­füh­rer wer­den. Der Job sei «im Mo­ment nichts für mich», er­klärt der 36Jäh­ri­ge.

Nichts wird es auch mit der Re­van­che. Deutsch­land un­ter­liegt wie in Pyeong­chang 3:4 nach Ver­län­ge­rung, wo­bei Russ­land mit ei­nem B-Team in Krefeld ist, nicht mit ei­nem Who’s who der hei­mi­schen Li­ga.

Vor­bild für die Schweiz

Es herrscht al­so viel Un­ru­he vor dem heu­ti­gen Match ge­gen die Schweiz. Dem Du­ell zwei­er Teams, die 2018 wie aus dem Nichts Sil­ber ge­wan­nen, ei­ne noch grös­se­re Sen­sa­ti­on erst in der Ver­län­ge­rung (Deutsch­land) oder Pen­al­ty­schies­sen (Schweiz) ganz knapp ver­pass­ten. In der Welt­rang­lis­te sind die bei­den Nach­barn, auf dem Eis pfle­gen sie ei­ne lang­jäh­ri­ge Ri­va­li­tät. Und was leicht ver­ges­sen geht: Bei der Be­set­zung des wich­tigs­ten Jobs dien­te Deutsch­land den Schwei­zern gar als Vor­bild.

Denn als Swiss Ice Ho­ckey im De­zem­ber 2015 Pa­trick Fi­scher als Na­tio­nal­trai­ner vor­stell­te, ver­wie­sen die Ver­ant­wort­li­chen ex­pli­zit dar­auf, dass der DEB ein paar Mo­na­te zu­vor ei­nen noch Jün­ge­ren, noch Un­er­fah­re­ne­ren zum Chef ge­macht hat­te. Und mit Sturm war ja dann schon der Deutsch­lan­dCup ge­won­nen wor­den.

Drei Jah­re spä­ter ist Fi­scher un­be­strit­ten wie nie, wäh­rend die Vor­rei­ter im Nor­den zur Kennt­nis neh­men müs­sen, dass die Olym­pia­me­dail­le ei­ne un­schö­ne Kehr­sei­te hat. Mit Sturm ver­liert Deutsch­land näm­lich nicht nur sei­nen Trai­ner und GM, son­dern auch den wich­tigs­ten Bot­schaf­ter. Aus­ge­rech­net jetzt, da der Er­folg mehr Spon­so­ren, Zu­schau­er und Nach­wuchs an­lockt.

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