Flug­lärm stört zu vie­le Menschen

Der neue Flug­ha­fen­be­richt hält fest, dass 2017 über 65 000 Menschen durch den Flug­lärm ge­stört wur­den – knapp 40 Pro­zent mehr, als der ma­xi­ma­le Richt­wert vor­sieht. Ent­spre­chend ha­gelt es Kri­tik.

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Die Zah­len, wel­che der Zürcher Re­gie­rungs­rat am Frei­tag pu­bli­ziert hat, kom­men we­nig über­ra­schend. Trotz­dem sind sie er­nüch­ternd: Ge­mäss dem Zürcher Flug­lär­m­in­dex (ZFI), wel­cher misst, wie vie­le Menschen durch Flug­lärm tags­über und in der Nacht ge­stört wer­den, wa­ren im Jahr 2017 rund 65 000 Per­so­nen be­trof­fen.

Nicht nur ist die Zahl der durch den Lärm be­läs­tig­ten Menschen da­mit ge­gen­über dem Vor­jahr er­neut ge­stie­gen – um et­was mehr als 2 Pro­zent –, die An­zahl liegt auch deut­lich über dem Richt­wert von 47 000 Per­so­nen.

Re­ak­tio­nen auf die­se Mit­tei­lung lies­sen nicht lan­ge auf sich war­ten. «Wenn es so wei­ter­geht, lei­den Jahr für Jahr im­mer noch mehr Menschen un­ter Flug­lärm. Be­son­ders är­ger­lich und auch schäd­lich ist die Lärm­zu­nah­me in den Nacht­stun­den», er­klär­te et­wa der Schutz­ver­band der Be­völ­ke­rung um den Flug­ha­fen Zü­rich (SBFZ). Der Ver­band wies in sei­ner Mit­tei­lung auch dar­auf hin, dass der Wert nicht nur des­we­gen steigt, weil ein­fach im­mer mehr Per­so­nen um den Flug­ha­fen le­ben. Zur Zu­nah­me trug das Be­völ­ke­rungs­wachs­tum ge­mäss dem Flug­ha­fen­be­richt zu 44 Pro­zent bei, den grös­se­ren An­teil von über 56 Pro­zen­te steu­er­te aber der Flug­be­trieb selbst bei.

Kons­ter­niert zeig­te sich auch der Dach­ver­band Flug­lärm­schutz (DVFS), wel­cher von der Klo­te­ner Na­tio­nal­rä­tin Pris­ka Sei­ler Graf (SP) prä­si­diert wird. «Das Er­geb­nis ist das­sel­be wie all die Jah­re zu­vor: Auch 2017 ist der Mo­ni­to­ring­wert ge­gen­über den Vor­jah­ren wei­ter ge­stie­gen und der Richt­wert wurde so­mit um 18 500 Per­so­nen deut­lich über­schrit­ten.» Wei­ter­hin schie­nen die Ver­stös­se ge­gen die Nachtsper­rord­nung aus­ser Kon­trol­le zu sein, kri­ti­siert der Ver­band. Ins sel­be Horn stösst auch die Be­hör­den­or­ga­ni­sa­ti­on Re­gi­on Ost. Aus dem Be­richt ge­he her­vor, dass die Flug­ha­fen Zü­rich AG 2017 deut­lich mehr Be­wil­li­gun­gen für Flug­be­we­gun­gen wäh­rend der Nachtsperr­zei­ten er­teilt ha­be. 2016 wa­ren es noch 188, im Jahr 2017 schon 271 für Gross­flug­zeu­ge. Es sei­en Mass­nah­men zu er­grei­fen, da­mit die Sperr­zei­ten ein­ge­hal­ten wür­den.

Die Zahl der von Flug­lärm ge­stör­ten Per­so­nen hat ei­nen neu­en Höchst­stand er­reicht. Ein wich­ti­ger Fak­tor sind die Flü­ge in der Nacht. Swiss-CEO Tho­mas Klühr macht Eng­päs­se in Zü­rich und die Ge­samt­si­tua­ti­on in Eu­ro­pa da­für ver­ant­wort­lich.

Re­gie­rungs­rä­tin Car­men Wal­ker Späh (FDP) ist es wohl leid, stets al­lein den Kopf hin­hal­ten zu müs­sen für die Lärm­ent­wick­lung rund um den Flug­ha­fen Zü­rich. So prä­sen­tier­te die Volks­wirt­schafts­di­rek­to­rin ges­tern erst­mals mit ei­nem Gast den neus­ten Flug­ha­fen­be­richt: mit Swis­sCEO Tho­mas Klühr. Schliess­lich sind die Ver­spä­tun­gen sei­ner Air­line mit­ver­ant­wort­lich für den er­neu­ten An­stieg des Zürcher Flug­lär­m­in­de­xes (ZFI).

Die­ser zeigt auf, wie stark die Be­völ­ke­rung vom Flug­lärm be­las­tet wird. Wie­der hat der Wert, des­sen Richt­grös­se bei 47 000 Per­so­nen liegt, ei­nen neu­en Höchst­stand er­reicht. Im Be­rech­nungs­jahr 2017 wur­den 65 507 Per­so­nen stark von Flug­lärm ge­stört. Das sind 2,2 Pro­zent mehr als im Vor­jahr.

Den Aus­schlag ga­ben nebst dem Be­völ­ke­rungs­wachs­tum um den Flug­ha­fen ein­mal mehr die spä­ten Flü­ge am Abend. Die stö­ren die Be­völ­ke­rung be­son­ders und schen­ken beim ZFI ent­spre­chend ein. Ins­be­son­de­re die Flug­be­we­gun­gen wäh­rend der Nachtsperr­zeit (23 bis 6 Uhr) ha­ben zu­ge­nom­men, um 5,5 Pro­zent von 2492 auf 2629.

Ei­ne jun­ge Flot­te

Die Swiss un­ter­neh­me viel, um den Lärm zu re­du­zie­ren, sag­te Klühr. Kei­ne Air­line in Eu­ro­pa in­ves­tie­re so viel in lei­se­re Flug­zeu­ge. 8 Mil­li­ar­den ha­be die Swiss aus­ge­ge­ben, um un­ter an­de­rem zehn Bo­eing 777 zu kau­fen. Die Langstre­cken­ma­schi­ne steigt auch schneller als ihr Vor­gän­ger­mo­dell A340 und ent­fernt sich da­durch schneller von be­sie­del­tem Ge­biet.

Mark Denn­ler, Ab­tei­lungs­lei­ter Flug­ha­fen/Luft­ver­kehr beim Kan­ton, be­stä­tigt. «Auf­grund die­ses bes­se­ren Steig­ver­hal­tens ist al­lein in der Re­gi­on Re­gens­dorf und Win­ter­thur die Flä­che des Un­ter­su­chungs­pe­ri­me­ters um 90 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen.»

Nur: Die Zu­nah­me der Flü­ge wäh­rend der Nacht­stun­den macht die­sen Ef­fekt im ZFI wie­der zu­nich­te. Ur­sa­che sind oft Ver­spä­tun­gen, die sich bis in den Abend hin­ein ku­mu­lie­ren (sie­he Gra­fik).

Puf­fer im Flug­plan

Klühr er­klär­te, wie­so die­ses Pro­blem nicht längst ge­löst ist: «Die Pas­sa­gier­zahl steigt ste­tig, aber die In­fra­struk­tur und der ope­ra­tio­nel­le Spiel­raum sind be­grenzt.» Klühr be­zeich­ne­te die Si­tua­ti­on in Zü­rich als «alar­mie­rend».

Hin­zu kom­men Streiks und Per­so­nal­eng­päs­se in den be­nach­bar­ten Flug­si­che­rungs­sek­to­ren und ein kom­ple­xer Flug­ha­fen Zü­rich, auf dem sich schwie­ri­ge Wet­ter­be­din­gun­gen wie Bi­se stark auf die Ka­pa­zi­tät aus­wir­ken.

Für die Swiss ha­be die Sta­bi­li­sie­rung des Flug­be­triebs höchs­te Prio­ri­tät, sag­te Klühr. Zu­sam­men mit dem Flug­ha­fen und der Flug­si­che­rung Sky­gui­de ha­be man Mass­nah­men er­grif­fen. Um bei Un­re­gel­mäs­sig­kei­ten schneller re­agie­ren zu kön­nen, wer­de die Flug­zeu­g­re­ser­ve er­höht und zu­sätz­li­ches Per­so­nal für Flug­zeu­gund Pas­sa­gier­ab­fer­ti­gung ein­ge­setzt. «Wir ver­su­chen, ge­ra­de die spä­ten Langstre­cken­flü­ge pünkt­lich raus­zu­las­sen. Das ge­lingt uns gut. Aber das ist ein gros­ser Kraft­akt. Pro­ble­me ha­ben wir nun vor al­lem mit den spät an­kom­men­den Eu­ro­paflü­gen.» Um sol­che Ver­spä­tun­gen bes­ser ab­fe­dern zu kön­nen, sol­len im nächs­ten Flug­plan Puf­fer ein­ge­baut wer­den.

Mess­da­ten ak­tua­li­sie­ren

Aus Sicht der Flug­lärm­geg­ner und grü­nen Par­tei­en reicht das nicht. Sie ver­lan­gen, dass die Nacht­flug­sper­re zwin­gend ein­ge­hal­ten wird und Lärm­ge­büh­ren für spä­te Starts und Lan­dun­gen er­höht wer­den.

Ei­ne wei­te­re Ver­schär­fung der Nacht­flug­sper­re ist für Wal­ker Späh aber kein The­ma. Die spä­ten Ver­bin­dun­gen sei­en für den Hub Zü­rich wich­tig, da­mit der Auf­trag als Lan­des­flug­ha­fen er­füllt wird. Auch den ZFI will sie als Mo­ni­to­ring­in­stru­ment bei­be­hal­ten. Denk­bar sei aber, dass künf­tig lei­se­re Flug­zeu­ge bes­ser dar­in ab­ge­bil­det wür­den. Die Lärm­be­rech­nun­gen ba­sie­ren auf Da­ten aus dem Jahr 1996. Der Kan­ton un­ter­stützt nun ein Em­pa-Pro­jekt, um den Lärm der ak­tu­el­len Flot­te zu mes­sen.

«Müs­sen Zäh­ne zei­gen»

Hoff­nung setzt Car­men Wal­ker Späh auch auf op­ti­mier­te Flug­ver­fah­ren. Die Fir­ma Sky­lab prüft ab 2020 ein Sys­tem, das ei­nen kon­ti­nu­ier­li­chen und da­mit lei­se­ren An­flug auf die Pis­ten 28 und 34 er­mög­li­chen soll. Für die Tests wird in Düben­dorf ei­ne A320 sta­tio­niert. Die Ein­füh­rung ist 2021 vor­ge­se­hen.

Noch et­was län­ger dürf­te es bis zur Ein­füh­rung des Bi­sen­kon­zepts dau­ern. Die­ses soll dank Süd­starts ge­ra­de­aus da­zu bei­tra­gen, dass bei Bi­se we­ni­ger Ver­spä­tun­gen ent­ste­hen.

Ver­bes­se­run­gen sind auch mit dem Be­triebs­kon­zept 2014 zu er­war­ten. Ein Teil da­von liegt aber in Ber­lin auf Eis. «Wir müs­sen ge­gen­über den Deut­schen Zäh­ne zei­gen», sag­te Wal­ker Späh. Je­der ach­te Flug­gast in Zü­rich kommt aus dem süd­deut­schen Raum. Beim Bun­des­rat sei des­halb Druck auf­ge­setzt wor­den, in Ver­hand­lun­gen mit Deutsch­land das Flug­ha­fen­dos­sier mit Vor­ha­ben im Stras­sen- oder Bahn­ver­kehr zu ver­knüp­fen.

Fo­to: Patrick B. Kra­e­mer

Vor al­lem Flü­ge wäh­rend der Nachtsper­re sor­gen für Un­mut. «Pro­ble­me ha­ben wir der­zeit mit den spät an­kom­men­den Eu­ro­paflü­gen», sagt Swiss-CEO Tho­mas Klühr.

Fo­to: Si­byl­le Mei­er

Tho­mas Klühr CEO Swiss

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