«So überf lüs­sig wie ein Sand­kas­ten in der Sa­ha­ra»

Zürcher Unterländer - - Samstag Extra -

IHach! Ist es nicht traum­haft draus­sen? Die­se weis­se Pracht über­all. Sie klebt an Schu­hen und Au­to­schei­ben, ver­wan­delt al­le Stras­sen und Trot­toirs in Kun­st­eis­bah­nen oder don­nert als nie­der­ge­hen­de La­wi­ne auf der Schwä­galp in ein Ho­tel. Und wenn, wie an die­sem Wo­che­n­en­de, Re­gen an­ge­sagt ist, ver­wan­deln sich die mär­chen­haf­ten Schnee­ber­ge in ek­lig-feuch­te Pflot­sch­ho­ger. Be­glei­tet wird das Gan­ze von or­ches­trier­tem Hus­ten und Schnäu­zen er­käl­te­ter Volkschö­re. Idyl­le pur!

Ich ge­be es of­fen zu: Ich has­se den Win­ter und all sei­ne Be­gleit­erschei­nun­gen. Käl­te und Näs­se sind mir völ­lig zu­wi­der. Die­se of­fe­ne Ab­nei­gung hat ei­ner­seits mit mei­nen phy­si­schen Vor­aus­set­zun­gen zu tun und hat sei­ne Wur­zeln an­de­rer­seits in mei­ner Kind­heit. Ich ha­be eher tie­fen Blut­druck und des­we­gen auch Durch­blu­tungs­stö­run­gen. Seit frü­hes­ter Ju­gend lei­de ich an kal­ten Hän­den und Füs­sen. Da kam mir nicht ent­ge­gen, dass mein Va­ter un­ter an­de­rem Ski­leh­rer war und ich als Kind qua­si je­des Win­ter­wo­chen­en­de in den Bergen auf der Pis­te ver­brach­te. Das Ski­fah­ren mach­te mir zwar Spass, Glei­ches galt für Schul­aus­flü­ge in den Win­ter­wald oder Schlit­teln auf dem Haus­berg – nicht aber für mei­ne durch­ge­fro­re­nen Ex­tre­mi­tä­ten, dies trotz di­cken Hand­schu­hen oder Dop­pel­so­cken.

Seit die­ser Zeit lö­sen schon nur die Wor­te Win­ter, Schnee oder Eis au­to­ma­tisch Fie­ber­schü­be in mir aus. Und man kann ei­ne Wet­te dar­auf ab­schlies­sen: Wenn ich ge­gen die kal­te Jah­res­zeit wet­te­re, fällt je­des Mal die dümm­li­che Volks­weis­heit: «Aber der Schnee macht den Win­ter doch erst so rich­tig schön.» Was bit­te ist so toll dar­an, sich über Mo­na­te in vier La­gen Klei­der zu zwän­gen oder sich auf rut­schi­gen Stras­sen in Le­bens­ge­fahr zu be­ge­ben? Dar­auf­hin be­kom­me ich dann im­mer das zwei­te Au­gen­roll-Ge­gen­ar­gu­ment zu hö­ren: «Du musst halt auf den ÖV um­stei­gen.» Ge­nau. End­los lan­ge War­te­rei an Hal­te­stel­len oder Bahn­hö­fen, trotz 10-ma­li­gem Im­prä­gnie­ren durch­näss­te Schuhe und am En­de die Durch­sa­ge, dass Bus, Tram oder Zug we­gen des Schäum­chens Schnee viel spä­ter oder gar nicht mehr fah­ren. Für mich schmilzt die­ses Win­ter-Won­der­land-Ge­sül­ze so schnell wie But­ter an der Son­ne – und die­se se­hen wir we­gen an­hal­ten­der Grau­zo­ne zur­zeit ja auch eher sel­ten.

Ich kann und will den Jah­res­zei­ten­zy­klus nicht än­dern. Trotz­dem: Schnee ge­hört in die Ber­ge. Punkt. Im Flach­land ist er für mich so über­flüs­sig wie ein Sand­kas­ten in der Wüs­te Sa­ha­ra.

«Die Wor­te Win­ter, Schnee oder Eis lö­sen au­to­ma­tisch Fie­ber­schü­be in mir aus.»

Re­na­to Cec­chet Re­dak­tor

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