Kla­gen der Rüs­tungs­in­dus­trie er­hört

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Schweiz - Mar­kus Häf­li­ger

WAFFENEXPORTE Wirt­schafts­mi­nis­ter Schnei­derAm­mann will das Waf­fen­ex­port­ver­bot für Kon­flikt­ge­bie­te auf­wei­chen. Flä­chen­de­cken­de Kon­flik­te wie in Sy­ri­en sol­len aber ta­bu blei­ben.

Schwei­zer Waffenexporte in Län­der, in de­nen ein in­ter­ner Kon­flikt herrscht, sind ge­ne­rell ver­bo­ten. Bis jetzt. Denn nun soll die­ses ab­so­lu­te Ex­port­ver­bot fal­len. Bun­des­rat Jo­hann Schnei­der-Am­mann ver­langt, dass Kriegs­ma­te­ri­al un­ter ge­wis­sen Be­din­gun­gen auch in Län­der mit bür­ger­kriegs­ähn­li­chen Zu­stän­den mög­lich wer­den. Ge­mäss zu­ver­läs­si­gen In­for­ma­tio­nen die­ser Zei­tung be­an­tragt der Wirt­schafts­mi­nis­ter ei­ne ent­spre­chen­de Än­de­rung der Kriegs­ma­te­ri­al­ver­ord­nung. Be­reits an sei­ner Sit­zung von heu­te Frei­tag soll der Ge­samt­bun­des­rat dar­über ent­schei­den.

Kon­kret will der FDP-Bun­des­rat den Ar­ti­kel 5 der Kriegs­ma­te­ri­al­ver­ord­nung än­dern. Bis­lang heisst es dort, dass der Bund kei­ne Waf­fen­aus­fuh­ren be­wil­ligt, «wenn das Be­stim­mungs­land in ei­nen in­ter­nen oder in­ter­na­tio­na­len be­waff­ne­ten Kon­flikt ver­wi­ckelt ist». Neu will Schnei­derAm­mann sol­che Aus­fuh­ren un­ter ge­wis­sen Be­din­gun­gen er­lau­ben – und zwar dann, «wenn kein Grund zur An­nah­me be­steht, dass das aus­zu­füh­ren­de Kriegs­ma­te­ri­al im in­ter­nen be­waff­ne­ten Kon­flikt ein­ge­setzt wird». Für die mög­li­chen Fol­gen die­ser Än­de­run­gen nennt Schnei­der-Am­mann laut bun­des­rats­na­hen Per­so­nen meh­re­re Bei­spie­le: Er­mög­li­chen will er zum Bei­spiel Kriegs­ma­te­ri­al­lie­fe­run­gen an die Prä­si­den­ten­gar­de oder die Ma­ri­ne ei­nes Lan­des, das in ei­nem in­ter­nen be­waff­ne­ten Kon­flikt steht. Da­hin­ter steht of­fen­bar die An­nah­me, dass die Gar­de oder die Ma­ri­ne nicht an ei­nem sol­chen Kon­flikt mit­wir­ken. Denk­bar ist aber auch, dass der neue Aus­nah­me­pa­ra­graf die Lie­fe­rung von Flie­ger­ab­wehr­ge­schüt­zen an Bür­ger­kriegs­län­der er­mög­li­chen wür­de. Hier lies­se sich et­wa ar­gu­men­tie­ren, dass sol­che Ge­rä­te in der Re­gel nicht ge­gen die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung ein­ge­setzt wer­den.

Nicht nach Sy­ri­en

Hin­ge­gen ver­si­chert Schnei­derAm­mann sei­nen Re­gie­rungs­kol­le­gen, dass Waf­fen­lie­fe­run­gen an Län­der, in de­nen der Bür­ger­krieg flä­chen­de­ckend aus­ge­bro­chen ist, wei­ter­hin ver­bo­ten blei­ben sol­len. Im Wirt­schafts­de­par­te­ment nennt man als Bei­spie­le für sol­che No-go-Län­der zum Bei­spiel Sy­ri­en oder den Je­men. Ei­ne sol­che Ver­ord­nungs­än­de­rung kann der Bun­des­rat je­der­zeit in ei­ge­ner Kom­pe­tenz be­schlies­sen. Das will die BDP än­dern: Sie hat am 28. Mai 2018 ei­ne Mo­ti­on ein­ge­reicht, wel­che ver­langt, dass künf­tig das Par­la­ment die Ex­port­re­geln de­fi­niert, mit der Mög­lich­keit ei­nes Re­fe­ren­dums. Die Mo­ti­on kommt für die jetzt ge­plan­te Än­de­rung je­doch zu spät. Mit sei­nem An­trag re­agiert Schnei­der-Am­mann auf Kla­gen der In­dus­trie. Im Sep­tem­ber 2017 ver­lang­ten 13 Rüs­tungs­fir­men und ih­re Zu­lie­fe­rer in ei­nem Brief die Auf­wei­chung der Ex­port­re­geln und be­grün­de­ten dies mit ei­nem dras­ti­schen Rück­gang der Ex­por­te. «Die im Ver­gleich mit an­de­ren eu­ro­päi­schen Staa­ten re­strik­ti­ve Ex­port­pra­xis ge­fähr­det Tau­sen­de wert­vol­le Ar­beits­plät­ze», schrie­ben die Fir­men; die Rüs­tungs­in­dus­trie als Gan­zes sei akut ge­fähr­det. 2016 wa­ren die Rüs­tungs­ex­por­te auf den tiefs­ten Wert seit 2006 ge­fal­len. Im Jahr 2017 ha­ben sie sich wie­der leicht er­höht, auf 446,8 Mil­lio­nen Fran­ken. Das ent­spricht 0,15 Pro­zent al­ler Schwei­zer Ex­por­te. Schnei­der-Am­manns An­trag auf ei­ne Ex­port­er­leich­te­rung ist die di­rek­te Re­ak­ti­on auf den Hil­fe­ruf der Bran­che vom letz­ten Sep­tem­ber. Ge­gen­über sei­nen Bun­des­rats­kol­le­gen ar­gu­men­tiert der FDP-Bun­des­rat un­ter an­de­rem da­mit, dass ei­ne Hil­fe an die Schwei­zer Rüs­tungs­in­dus­trie auch im In­ter­es­se des Schwei­zer Staats lie­ge. Nur mit ei­ner ge­wis­sen Ei­gen­pro­duk­ti­on kön­ne die Schweiz im Ernst­fall ih­re ei­ge­ne Ar­mee mit Waf­fen und Mu­ni­ti­on ver­sor­gen.

Zwei­te Lo­cke­rung seit 2014

Da­für will der FDP-Bun­des­rat die Ex­port­re­geln noch in zwei wei­te­ren Punk­ten auf­wei­chen. Ers­tens soll die Ge­wäh­rung von Be­wil­li­gun­gen für Waffenexporte künf­tig zwei statt nur ein Jahr gül­tig sein – auch das war ei­ne For­de­rung der Rüs­tungs­fir­men. Zu­sätz­lich will Schnei­der-Am­mann in den Be­wil­li­gungs­ver­fah­ren die Si­che­rung ei­ner ei­gen­stän­di­gen Schwei­zer Rüs­tungs­pro­duk­ti­on neu ex­pli­zit als Kri­te­ri­um be­rück­sich­ti­gen. Ob die­ses neue Po­si­tiv­kri­te­ri­um zu zu­sätz­li­chen Ex­port­be­wil­li­gun­gen in heik­len Grenz­fäl­len füh­ren wür­de, ist der­zeit schwer ein­zu­schät­zen.

Die Ex­port­re­geln für Kriegs­ma­te­ri­al sind seit lan­gem ein hef­tig dis­ku­tier­tes The­ma. 2008 ver­schärf­te der Bun­des­rat das Re­gime, weil da­mals ei­ne Volks­in­itia­ti­ve der Grup­pe für ei­ne Schweiz oh­ne Ar­mee (GSoA) vor der Tü­re stand, wel­che die Waffenexporte ganz ver­bie­ten woll­te. Seit­dem das Volk die Initia­ti­ve ab­ge­lehnt hat, dreht der Bun­des­rat das Rad zu­rück. Be­reits 2014 hat er die Ex­port­re­strik­tio­nen für Län­der ge­lo­ckert, wel­che sys­te­ma­tisch und schwer­wie­gend die Men­schen­rech­te ver­let­zen. Auch in sol­chen Fäl­len sind Ex­por­te heu­te wie­der zu­läs­sig, so­fern «ein ge­rin­ges Ri­si­ko be­steht, dass das aus­zu­füh­ren­de Kriegs­ma­te­ri­al zur Be­ge­hung von schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ein­ge­setzt wird».

Fo­to: Ra­pha­el Fal­chi

Die Rüs­tungs­in­dus­trie will mehr ex­por­tie­ren: Ge­schütz­tes Mann­schafts­trans­port­fahr­zeug.

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