Schwe­re Kri­se zwi­schen CDU und CSU

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Ausland - Do­mi­ni­que Ei­gen­mann, Berlin

BERLIN Im Streit um An­ge­la Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik will die CSU ei­ne Kehrt­wen­de er­zwin­gen. Die CDU möch­te sich nicht er­pres­sen las­sen und bit­tet um mehr Zeit.

«Ernst», «dra­ma­tisch», «exis­ten­zi­ell», «his­to­risch» sei die La­ge, sag­ten am Don­ners­tag wahl­wei­se ent­geis­ter­te oder grim­mi­ge deut­sche Christ­de­mo­kra­ten und baye­ri­sche Christ­lich-So­zia­le. Im Bun­des­tag spiel­ten sich tu­mul­tuö­se Sze­nen ab, et­wa als In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) mit sei­nen Ab­ge­ord­ne­ten in die ei­ne Rich­tung und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) mit ih­ren Leu­ten in die an­de­re Rich­tung da­von­zo­gen, um über die Kri­se zu be­ra­ten. «Wir sind im End­spiel um die Glaub­wür­dig­keit», kün­dig­te der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der an See­ho­fers Sit­zung an. Deutsch­land sol­le Eu­ro­pa mit ei­nem Al­lein­gang vor Au­gen füh­ren, so Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt, dass die bis­he­ri­ge Asyl­po­li­tik ge­schei­tert sei. CSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Mar­kus Blu­me hat­te schon zu­vor ge­warnt: «Wer hier falsch ab­biegt, ver­sün­digt sich an un­se­rem Land.» Aus Mer­kels Sit­zung drang ge­ball­ter Un­mut über die an­geb­lich ver­schwis­ter­te Par­tei. Oh­ne Not pro­vo­zie­re die CSU ei­ne schwe­re Re­gie­rungs­kri­se. Er­pres­sen las­sen wer­de man sich aber nicht.

Ul­ti­ma­tum der CSU an Mer­kel

Das Dra­ma hat­te sich an der Fra­ge ent­zün­det, ob Deutsch­land künf­tig wie Frank­reich Zehn­tau­sen­de Asyl­su­chen­de, die schon an­ders­wo in der EU re­gis­triert wur­den, di­rekt an der Gren­ze ab­wei­sen soll. See­ho­fer, die CSU, aber auch die Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land und die FDP for­dern dies ul­ti­ma­tiv und se­hen sich da­bei von Um­fra­gen ge­stützt, nach de­nen ei­ne Mehr­heit der Deut­schen die Mass­nah­me be­für­wor­tet. Mer­kel, ein Teil ih­rer Par­tei so­wie SPD, Grü­ne und Link­s­par­tei leh­nen dies ve­he­ment ab. Die Zu­rück­wei­sung ver­let­ze eu­ro­päi­sches Recht und set­ze nur Staa­ten wie Ita­li­en oder Grie­chen­land un­ter Druck, in de­nen am meis­ten Flücht­lin­ge an­kä­men. Die Kanz­le­rin sucht des­we­gen ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung. Be­reits am Mitt­woch­abend hat­ten Mer­kel und See­ho­fer drei St­un­den er­folg­los ver­sucht, ei­nen Kom­pro­miss zu fin­den. Die Kanz­le­rin mach­te das An­ge­bot, bis zum EU-Gip­fel in zwei Wo­chen bi­la­te­ra­le Ab­kom­men mit EU-Part­nern ab­zu­schlies­sen, um recht­lich ein­wand­frei die Zu­rück­wei­sung von Mi­gran­ten zu er­mög­li­chen, die in die­sen Län­dern be­reits Asyl­an­trä­ge ge­stellt ha­ben. Die CSU aber glaubt nicht mehr an eu­ro­päi­sche Lö­sun­gen und will nun «end­lich» han­deln – das sei man der ei­ge­nen Wäh­ler­schaft schul­dig. In Bay­ern wird im Ok­to­ber ge­wählt, die CSU droht ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit zu ver­lie­ren.

Ges­tern spitz­te sich der Streit wei­ter zu, so­dass sich CDU und CSU schliess­lich zu ge­trenn­ten Kri­sen­sit­zun­gen ih­rer Frak­tio­nen tra­fen – ein höchst aus­ser­ge­wöhn­li­cher Schritt. Die CSU sprach da­bei ei­ne Art Ul­ti­ma­tum aus: Len­ke Mer­kel nicht ein, wer­de See­ho­fer die Zu­rück­wei­sun­gen in sei­ner ei­ge­ner Kom­pe­tenz als In­nen­mi­nis­ter ver­ord­nen. Mer­kel wie­der­um, die sich von der ei­ge­nen Frak­ti­on am Di­ens­tag noch viel Kri­tik für ih­ren Wi­der­stand ge­gen See­ho­fer hat­te an­hö­ren müs­sen, sah sich nun aber von der Mehr­heit ih­rer Ab­ge­ord­ne­ten in ih­rer Li­nie be­stärkt, zu­nächst noch ein­mal ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung zu su­chen.

Der ein­zi­ge Spit­zen­po­li­ti­ker, der sich in der Frak­ti­on ge­gen die Par­tei­che­fin aus­sprach, war Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn. Der jun­ge Kon­ser­va­ti­ve un­ter­stütz­te See­ho­fer und for­der­te ei­ne ge­mein­sa­me Frak­ti­ons­sit­zung mit der CSU da­zu, über des­sen For­de­run­gen ab­zu­stim­men.

Fo­to: Key

Horst See­ho­fer (CSU) for­dert här­te­re Mass­nah­men von Mer­kel.

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