Ge­rech­tig­keit er­war­ten

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Region - Eva B. Kel­ler Uet­li­burg Eva B. Kel­ler ist re­for­mier­te Theo­lo­gin und über­nimmt Stell­ver­tre­tun­gen.

Im Ad­vent be­rei­ten wir uns auf die An­kunft von Je­sus vor. Durch ihn er­fah­ren wir, wie sich Gott uns heil­voll zu­wen­det. Wir er­war­ten, dass Gott im­mer wie­der neu in die Welt ein­greift. Die­ses War­ten ist nicht pas­siv, so wie man auf ei­nen Bus war­tet. Die­ses War­ten im Ad­vent ist eher ein ak­ti­ves Su­chen, das uns ver­än­dern soll.

Die zen­tra­le Bot­schaft von Je­sus ist das Reich Got­tes, das kommt. So er­mun­tert er uns in der Berg­pre­digt, dass wir uns nicht um un­se­re all­täg­li­chen Be­dürf­nis­se Sor­gen ma­chen sol­len, son­dern: «Sucht viel­mehr zu­erst das Reich Got­tes und sei­ne Ge­rech­tig­keit, dann wird euch das al­les da­zu­ge­ge­ben wer­den» (Mt 6, 33). Das Reich Got­tes zeich­net sich durch sei­ne Ge­rech­tig­keit aus. Hier wird nie­mand aus­ge­schlos­sen, und al­le ha­ben ge­nug zum Le­ben. Die­se Ge­rech­tig­keit ist nicht von Menschen ge­macht, son­dern Gott gibt sie. Wenn Je­sus Leu­te heilt, mit ih­nen isst und trinkt und vom Reich Got­tes er­zählt, ver­kör­pert er die­se Ge­rech­tig­keit. So heisst es von ihm mit ei­nem Zi­tat aus dem Buch Je­sa­ja: «Ge­knick­tes Rohr wird er nicht zer­bre­chen und glim­men­den Docht nicht aus­lö­schen, bis er dem Recht zum Sieg ver­hol­fen hat» (Mt 12, 20). Da wird Recht und Ge­rech­tig­keit nicht mit ei­ner Re­vo­lu­ti­on durch­ge­setzt, die zwar das Gu­te will, aber am Schluss vie­les zer­stört. Je­sus lebt die­se Ge­rech­tig­keit ge­walt­los, in­dem er das Lei­den sei­ner Mit­men­schen sieht und sie da­von er­löst. Über­mor­gen ist der Tag der Men­schen­rech­te. Vor 70 Jah­ren wur­den sie nach ei­ner schreck­li­chen Zeit for­mu­liert und in Kraft ge­setzt. Sie ge­hen von der Wür­de ei­nes je­den Menschen aus. Es braucht Frei­heits­rech­te, aber auch Frie­den und Ge­rech­tig­keit, da­mit sie wirk­sam sind. Wenn die so­zia­le Un­gleich­heit zu gross ist und es am Nö­tigs­ten fehlt, nüt­zen Frei­heits­rech­te we­nig. Wer nicht ei­nen Ort hat, wo er Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ein­kla­gen kann, hat nichts von den Men­schen­rech­ten.

Die Men­schen­rech­te ste­hen über der Na­ti­on oder der Tra­di­ti­on, das heisst, sie sind uni­ver­sal. Die christ­li­che Be­grün­dung da­zu ist die Aus­sa­ge: «Man muss Gott mehr ge­hor­chen als den Menschen» (Apos­tel­ge­schich­te 5, 29).

Die Men­schen­rech­te sind noch nicht das Reich Got­tes, das kommt. Sie müs­sen lau­fend kor­ri­giert und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den. Aber sie wei­sen auf die Ge­rech­tig­keit hin, die uns Gott schenkt. Gott steht auf der Sei­te der­je­ni­gen, de­nen Un­recht ge­schieht. Des­halb ist es un­se­re Auf­ga­be, eben­falls laut und deut­lich zu pro­tes­tie­ren, wenn Un­recht ge­schieht und Men­schen­recht ver­letzt wird. Wenn Menschen, die ei­ner an­de­ren Re­li­gi­on oder Kul­tur an­ge­hö­ren, ver­höhnt und ver­folgt wer­den, kön­nen wir nicht schwei­gen. Wir er­war­ten Ge­rech­tig­keit, ge­ra­de im Ad­vent.

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