«Der Er­folg ist ein ab­so­lu­ter Bar­bar»

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Kultur & Gesellschaft - Mar­tin Ebel

LI­TE­RA­TUR Mit 765 Brie­fen Ro­bert Walsers, so vie­len wie noch nie, star­tet die neue Ber­ner Ge­samt­aus­ga­be im Suhr­kamp-Ver­lag. Dar­in zeigt sich der Autor in vie­ler­lei Gestalt: an­züg­lich und ag­gres­siv, ver­zwei­felt und als gros­ser Sprach­spie­ler.

Für nicht we­ni­ge ist Ro­bert Wal­ser der gröss­te Schwei­zer Schrift­stel­ler über­haupt. Wo­bei wohl kein Ad­jek­tiv schlech­ter zu ihm pas­sen will als ge­ra­de «gross». Kei­ner hat sich so gern so klein ge­macht wie er. Er war Die­ner auf ei­nem schle­si­schen Schloss, «Ge­hül­fe» bei ei­nem In­ge­nieur, Bank-«Com­mis» und Schrei­ber.

Auch sei­ne li­te­ra­ri­sche Lauf­bahn, mit drei Ro­ma­nen in ra­scher Fol­ge viel­ver­spre­chend be­gon­nen, verzwerg­te sich bald. Zwar druck­ten Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten sei­ne Feuille­tons gern, und es ge­lang ihm, sie in ei­ni­gen Sam­mel­bän­den er­schei­nen zu las­sen. Nach dem Ers­ten Welt­krieg mach­ten dann Pa­pier­knapp­heit, In­fla­ti­on und Wirt­schafts­kri­se den Ver­la­gen schwer zu schaf­fen. Ein Best­sel­ler­au­tor war Wal­ser oh­ne­hin nie, schon 1904 leg­te ihm der In­selVer­lag, als er ein Nach­ho­no­rar für «Fritz Ko­chers Auf­sät­ze» for­der­te, dar, «dass von 1300 Ex­em­pla­ren der Auf­la­ge bis­her erst 47 Ex­em­pla­re ab­ge­setzt wor­den sind».

In Kri­sen­zei­ten wurde er für die Ver­le­ger, wie er selbst gra­zi­ös for­mu­lier­te, ei­ne «Be­denk­lich­keits­ver­ur­sa­chung». En­de der 1920er-Jah­re ging auch die Klein­pro­sa-Ab­druck­ra­te zu­rück. Wal­ser ver­la­ger­te die Pro­duk­ti­on all­mäh­lich ins «Blei­stift­ge­biet»; er schrieb sei­ne Tex­te in win­zig klei­ner Schrift, als woll­te er auch sein Werk zum Ver­schwin­den brin­gen.

1929 such­te er we­gen Angst­zu­stän­den die Heil­an­stalt Wal­dau auf, 1933 wurde er nach He­ri­sau ver­legt und ent­mün­digt. Er leb­te noch 23 Jah­re da­hin, kleb­te Pa­pier­tü­ten, half im Gar­ten und mach­te Wan­de­run­gen in der Um­ge­bung. Der Schrift­stel­ler Ro­bert Wal­ser war da schon tot und weit­ge­hend ver­ges­sen.

Selbst­verzwer­gungs­vir­tuo­se

Erst in den spä­ten 60er- und 70er-Jah­ren setz­te das In­ter­es­se an die­ser ei­gen­tüm­lichs­ten Gestalt der Schwei­zer, wenn nicht gar der eu­ro­päi­schen Li­te­ra­tur ein. Ei­ne ers­te Wer­k­aus­ga­be er­schien, ein Wal­ser-Ar­chiv wurde ge­grün­det und 2009 in Bern neu auf­ge­stellt.

Der­zeit sind gleich zwei neue Ge­samt­aus­ga­ben im Ent­ste­hen. Die ers­te, die «Kri­ti­sche Aus­ga­be», ist auf 50 Bän­de ver­an­schlagt und lie­fert je­de Zei­le, je­den Text­fet­zen im Fak­si­mi­le und in Um­schrift. Sie ist et­was für For­scher, rei­che Lieb­ha­ber und Bi­b­lio­the­ken. Da­ge­gen als «Le­se­aus­ga­be» kon­zi­piert ist die neue «Ber­ner Aus­ga­be», de­ren ers­te drei Bän­de (von 31 ge­plan­ten) jetzt er­schie­nen sind. Zwei mo­nu­men­ta­le Edi­tio­nen al­so: Das ist das pa­ra­do­xe Er­geb­nis der Pro­duk­ti­on die­ses Selbst­verzwer­gungs­vir­tuo­sen.

«Aus­ser­dem ist es ge­ra­de so schön, nichts zu sein, es hat ei­ne hö­he­re Glut, als das Et­was sein», schrieb Wal­ser an sei­nen Lek­tor Chris­ti­an Mor­gens­tern. Der Brief ist ei­ner von 765 von Ro­bert Walsers Hand – er schrieb aus­schliess­lich mit der Hand, in ei­ner wun­der­bar les­ba­ren, fast kal­li­gra­fi­schen, je nach An­lass und Adres­sat sehr va­ria­blen Schrift –, fast dop­pelt so vie­le wie in den bis­he­ri­gen Aus­ga­ben, da­zu 186 Ge­gen­brie­fe. Der Kom­men­tar ist kun­dig, knapp und hin­rei­chend zu­gleich; der drit­te Band ent­hält auch Ab­bil­dun­gen aus­ge­wähl­ter Stü­cke, ver­spiel­te und ver­schnör­kel­te Schrift­pro­ben ei­nes Au­tors, dem auch die Buch­sta­ben-Gestalt von Be­deu­tung war.

Die Lek­tü­re der Kor­re­spon­denz er­zeugt, bei al­ler un­ver­meid­li­chen Mo­no­to­nie, ei­ne ei­gen­tüm­li­che Fas­zi­na­ti­on. Man will auch vom Brief­schrei­ber Wal­ser nicht las­sen. «Am meis­ten aber är­ger­te man­che Le­ser, dass sie die­se Sa­chen, ob­schon sie sie ‹ab­surd› fan­den, doch im­mer zu En­de le­sen muss­ten»: Was Jo­seph Vik­tor Wid­mann, Walsers För­de­rer im Ber­ner «Bund», fest­stell­te, gilt auch für die Brie­fe. Tat­säch­lich ist der Über­gang zur li­te­ra­ri­schen Pro­sa flies­send. Wal­ser selbst fin­det für die Be­zie­hung von bio­gra­fi­scher Rea­li­tät und li­te­ra­ri­scher Ver­wand­lung fol­gen­de un­er­gründ­li­che, un­ver­gess­li­che For­mu­lie­rung: «als ob beim Schaf­fen Le­ben und Kunst nicht zu­sam­men heim­tü­ckisch, wie auf ei­ner Na­del­spit­ze, auf der Lau­er säs­sen».

Bu­ben­ und Da­men­hös­li

Höchst ei­gen­ar­tig muss je­dem heu­ti­gen Le­ser die Kor­re­spon­denz mit Frie­da Mer­met er­schei­nen, ein Haupt­stück des Brief­wech­sels. Wal­ser hat­te die Wä­sche­rin in der Heil­an­stalt Bel­le­lay über sei­ne Schwes­ter Li­sa ken­nen ge­lernt, mit ihr führ­te er ei­ne, wie Pe­ter von Matt es ein­mal aus­ge­drückt hat, «Schrei­bund Spa­zier­ehe». Man könn­te auch sa­gen: ei­ne Tausch­han­dels­ge­mein­schaft. Denn Mer­met, ge­schie­de­ne und al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter ei­nes Soh­nes, schick­te Wal­ser Kä­se, An­ken, Speck, Wein, Süs­sig­kei­ten, Hem­den; stopf­te ihm So­cken und bes­ser­te sei­ne An­zü­ge aus. Im Ge­gen­zug er­hielt sie Walsers li­te­ra­ri­sche Pro­duk­ti­on, die Bü­cher wie die Zei­tungs­be­le­ge; sie war so et­was wie sein Ar­beits­ar­chiv. Aber na­tür­lich nicht nur das.

Der Jung­ge­sel­le pro­ji­ziert auf Frie­da ero­ti­sche und ma­so­chis­ti­sche Wün­sche und Ängs­te, er nimmt sich Fri­vo­li­tä­ten und Frech­hei­ten her­aus und sie im nächs­ten Satz wie­der zu­rück. Er er­bit­tet sich ein «ge­tra­ge­nes Bu­ben­hös­li» des klei­nen Lou­is (und er­hält es auch). Er fan­ta­siert über ih­re Un­ter­wä­sche oder dar­über, «das Heis­se, das zwi­schen den lie­ben Zeh­l­ein ist, mit dem Mund auf­zu­küs­sen». Er möch­te sich «in das Ta­schen­tuch ver­wan­deln, wo­mit Sie das Nä­schen put­zen». Er nennt sie «Ma­ma», «liebe ge­wal­ti­ge Frau», «er­ha­be­ne Be­herr­sche­rin», stellt sich vor, ih­re «Magd» zu sein und, wenn er un­ar­tig war, «Kläp­fe» zu be­kom­men. In ei­nem Brief schreibt er von «sei­nem höchs­ten, in­tims­ten, aber lei­der un­er­füll­ten Wunsch», näm­lich zu er­fah­ren, «wie ei­ne Ohr­fei­ge von Da­men­hand schmeckt».

Es ist si­cher – ne­ben den ganz an­ders ge­ar­te­ten Lie­bes­brie­fen Franz Kaf­kas – die selt­sams­te Lie­bes­kor­re­spon­denz ei­nes deutsch­spra­chi­gen Au­tors. Er hält sein Pro­jek­ti­ons­ob­jekt in ei­ner glü­hen­den Dis­tanz, in­dem er es wie ein pa­ra­do­xer Ma­gnet zu­gleich an­zieht und ab­stösst; nä­her­ge­kom­men als in die­sen Brie­fen, dem Aus­tausch von Vik­tua­li­en und Ab­dru­cken und auf Spa­zier­gän­gen sind sich Wal­ser und Frie­da Mer­met nie.

Ein ganz an­de­rer Wal­ser zeigt sich in der Kor­re­spon­denz mit Ver­la­gen und Zei­tun­gen. Hier tritt er als selbst­be­wuss­ter Autor auf, der zwar die höf­li­che Pi­rou­et­te be­herrscht, wenn er et­was an­bie­tet – «drei neue Ge­reift­hei­ten, Fe­der­ent­schlüpft­hei­ten» –, aber beim Ho­no­rar hart­nä­ckig bleibt und auf Ab­leh­nung po­le­misch, ja bö­se re­agie­ren kann.

Er er­weist sich als scharf­sin­ni­ger Kri­ti­ker von Kol­le­gen: «Der Ly­ri­ker Wer­fel schei­ter­te je­des­mal, so­bald er in Schwung kam, am bal­di­gen Auf­hö­ren des tur­ne­ri­schen, tän­ze­ri­schen, spie­len­den Schwun­ges und am Be­gin­nen des Viel­wis­sens, wel­ches ihn ly­risch kalt­stell­te.» Er staucht den Her­aus­ge­ber des «Neu­en Mer­kur» zu­sam­men, des­sen gan­zes Pro­gramm nichts tau­ge, ver­ball­hornt den NZZ-Feuille­ton­chef Edu­ard Kor­ro­di zum «Kro­ko­di­lü­de­li» und den Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Wal­ter Muschg zum «Dok­tor Musch­gat­nuss». Den Ver­le­ger Zsol­nay schilt er in ei­nem ein­zi­gen Brief Ro­ma­ne­di­tor­schur­ke, Ver­le­ger­sch­nu­der­bub, Föt­zelcheib und Schafs­eckel.

Manch­mal ver­geht ihm die Lust an Spiel und Po­le­mik, bricht die nack­te Wut durch: «Wie stel­len Sie sich die Exis­tenz ei­nes Dich­ters ei­gent­lich vor?», herrscht er den Francke-Ver­lag an. Im­mer wie­der lei­det Wal­ser bit­te­re Geld­not, ver­zwei­felt an der Mög­lich­keit, sich als Schrift­stel­ler am Le­ben zu hal­ten, und fürch­tet, wie­der in ei­nem «Ämt­chen», als Kon­tor­schrei­ber al­so, un­ter­schlüp­fen zu müs­sen.

Er kann­te sei­nen Wert

Denn Wal­ser wuss­te ge­nau, was sei­ne Li­te­ra­tur wert war. Er­folg­reich woll­te er schon auch gern sein – und zu­gleich auch wie­der nicht. «Ich be­dau­re, dass ich kein Pu­bli­kum-Autor bin, und doch be­dau­re ich das wie­der­um in kei­ner Wei­se», schreibt er 1918 an den Re­dak­tor Emil Wied­mer. «Was man so un­ter ‹Er­folg› ver­steht, hal­te ich für das furcht­bars­te Hin­der­nis, zu wah­rer Kul­tur zu ge­lan­gen. Der ‹Er­folg› ist ein ab­so­lu­ter Bar­bar, näm­lich durch­aus an sich.» Mit was für Ge­füh­len er wohl das Ent­ste­hen von zwei Ge­samt­aus­ga­ben mit ins­ge­samt 80 Bän­den be­glei­ten wür­de, die je­des Fetz­chen, das er ein­mal be­schrieb, be­wah­ren und ver­viel­fäl­ti­gen?

Ro­bert Wal­ser: Brie­fe. Hg. v. Pe­ter Sto­cker u. Bern­hard Ech­te. Ber­ner Aus­ga­be, Bd. 1–3. Suhr­kamp, Ber­lin 2018. 1523 S., ca. 93 Fr.

Fo­tos: Ro­bert-Wal­ser-Ar­chiv

Die ei­gen­tüm­lichs­te Gestaltder Schwei­zer Li­te­ra­tur: Ro­bert Wal­ser.

Ei­ne kal­li­gra­fi­sche, sehr va­ria­ble Schrift: Ro­bert Wal­ser schrieb aus­schliess­lich mit der Hand.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.