Wah­len 2019

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Zürich - In­ter­view: Mar­kus Brot­schi

Die Par­tei­prä­si­den­tin der FDP wirft den Grü­nen vor, in Sa­chen Kli­ma­po­li­tik nicht weit­sich­tig ge­nug zu sein.

WAHL­JAHR FDP-Prä­si­den­tin Pe­tra Gös­si wirft der Lin­ken und der SVP beim Rah­men­ab­kom­men mit der EU Blo­cka­de­po­li­tik vor. Aus­ser­dem kön­ne die SVP die Hei­mat nicht für sich al­lein be­an­spru­chen.

Sie ha­ben end­lich wie­der ei­ne Frau im Bun­des­rat. Hof­fen Sie bei den Wah­len auf den Kel­lerSut­ter-Ef­fekt?

Ich freue mich sehr über un­se­re kom­pe­ten­te Ver­tre­tung im Bun­des­rat mit ei­ner Frau und ei­nem Mann. Das wird uns si­cher hel­fen. Aber ver­ges­sen Sie nicht, dass un­se­re Mit­glie­der im Bun­des­rat in ers­ter Li­nie Po­li­tik für das gan­ze Land ma­chen und nicht pri­mär Wahl­kampf be­trei­ben sol­len.

Die FDP rei­tet seit den eid­ge­nös­si­schen Wah­len von 2015 auf ei­ner Er­folgs­wel­le bei den kan­to­na­len Wah­len. Nun wol­len Sie die SP beim Wäh­ler­an­teil vom zwei­ten Rang ver­drän­gen. Von wem ho­len Sie die Stim­men, der SVP oder der SP?

Wir wol­len nicht nur Wech­sel­wäh­ler ab­ho­len, son­dern auch Neu­wäh­ler ge­win­nen. Die FDP gibt es in al­len Kan­to­nen, auf dem Land und in den Städ­ten. Wir wol­len al­le li­be­ral den­ken­den Men­schen ab­ho­len. Die SP ist hin­ge­gen im Mo­ment nur am Blo­ckie­ren und ist kon­ser­va­tiv un­ter­wegs. Und die SVP war seit je ei­ne kon­ser­va­ti­ve Par­tei, die zu al­lem Nein sagt. Wir hin­ge­gen bie­ten li­be­ra­le Lö­sun­gen und zei­gen, wie wir uns un­se­re Hei­mat vor­stel­len.

Bis­her hau­sier­te vor al­lem die SVP mit dem Be­griff Hei­mat. Wol­len Sie die SVP ko­pie­ren?

Nein. Es geht nicht an, dass ei­ne Par­tei die­sen Be­griff für sich al­lein pach­tet. Je­der braucht ei­ne Hei­mat. Denn nur wer sei­ne Wur­zeln kennt, hat die Kraft, im in­ter­na­tio­na­len Kon­text er­folg­reich zu sein und für sei­ne In­ter­es­sen ein­zu­ste­hen. Wir ver­tre­ten ei­nen Hei­mat­be­griff, der fort­schritt­lich ist und die Chan­cen der Zu­kunft auf­zeigt.

Zu den wich­ti­gen Ge­schäf­ten der letz­ten drei Jah­re: Die Ren­ten­re­form ist ge­schei­tert, das CO2-Ge­setz steht auf der Kip­pe, mit der EU sind wir im Clinch. Was hat denn die er­stark­te FDP für die Schweiz in die­ser Le­gis­la­tur er­reicht?

Wir ha­ben viel er­reicht. Die Ren­ten­re­form ha­ben wir ver­hin­dert, weil die Ren­ten­er­hö­hung an­ge­sichts der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung nicht fi­nan­zier­bar ge­we­sen wä­re. Wir ha­ben be­reits vor der Volks­ab­stim­mung klar auf­ge­zeigt, wie wir uns die Re­form vor­stel­len. Nun hat Bun­des­rat Ber­set ei­ni­ge Punk­te auf­ge­nom­men, aber in Be­rei­chen wie der Fi­nan­zie­rung durch die Mehr­wert­steu­er über­trie­ben. Wenn das so in der Vor­la­ge bleibt, wer­den wir im Par­la­ment Ge­gen­steu­er ge­ben. Beim CO2-Ge­setz ha­ben wir zu vie­lem Hand ge­bo­ten, et­wa zur Er­hö­hung der CO2-Ab­ga­be oder zu ei­ner hö­he­ren Treib­stoff­kom­pen­sa­ti­on. Es wa­ren doch die Lin­ken, die das Ge­setz zu­sam­men mit der SVP ab­ge­schos­sen ha­ben.

Die FDP hat sich mit der SVP zu­sam­men­ge­tan, die jeg­li­chen Fort­schritt beim Kli­ma­schutz tor­pe­diert.

Wir ha­ben uns nicht mit der SVP zu­sam­men­ge­tan. Im Ge­gen­teil, wir ha­ben uns im Un­ter­schied zur SVP in der gan­zen Be­ra­tung kon­struk­tiv ein­ge­bracht. Wenn man aber wie die Lin­ke zwei Schrit­te vor­wärts­ge­hen will, ob­wohl der Kon­sens erst für ei­nen Schritt reicht, blo­ckiert die Lin­ke, nicht wir. Das Pro­blem ist, dass die Grü­nen ih­re Kon­zep­te nicht zu En­de den­ken.

Wie mei­nen Sie das?

Die Grü­nen wol­len die Elek­tro­mo­bi­li­tät vor­an­trei­ben. Dann müs­sen sie be­reit sein, im In­land die Strom­pro­duk­ti­on aus­zu­bau­en oder den Strom­han­del zu er­leich­tern. Da­zu brau­chen wir ent­we­der mehr Was­ser-, Fo­to­vol­ta­i­kund Wind­kraft­wer­ke. Aber die­se be­kämp­fen die Grü­nen we­gen des Land­schafts- oder Um­welt­schut­zes. Oder wir be­nö­ti­gen ein Strom­ab­kom­men mit der EU. Aber auch da ste­hen Grü­ne und SP auf die Brem­se. Sie sind nicht ein­mal be­reit, über das da­für not­wen­di­ge Rah­men­ab­kom­men mit der EU zu dis­ku­tie­ren. Das ist un­ehr­li­che Po­li­tik.

Frü­her ko­ope­rier­te die FDP bei wich­ti­gen Ge­schäf­ten wie der Ren­ten­re­form mit der CVP. Geht das nicht mehr, weil die FDP nach rechts ge­rückt ist?

Die CVP hat in den letz­ten Jah­ren schmerz­haf­te Ver­lus­te ein­ge­fah­ren. Man spürt, dass die CVP in ei­ner Fin­dungs­pha­se ist. Der Prä­si­dent sucht ei­ne bür­ger­li­che Aus­rich­tung, aber die Frak­ti­on po­li­ti­siert klar links. Die CVP grenzt sich heu­te klar ab von uns. Lei­der ver­steht bei uns nie­mand mehr, wo­für die­se Par­tei steht.

Bei der AHV hat die FDP ihr Ziel ver­fehlt. Um die Re­form der Un­ter­neh­mens­steu­ern mehr­heits­fä­hig zu ma­chen, muss sie der AHV ei­ne Fi­nanz­sprit­ze ge­wäh­ren, oh­ne dass das Ren­ten­al­ter er­höht wird. DerSP-Prä­si­dent fei­ert das als Sieg.

Chris­ti­an Lev­rat ver­kennt völ­lig, dass mit den zwei Mil­li­ar­den Fran­ken pro Jahr nur 40 Pro­zent des Fi­nan­zie­rungs­de­fi­zits ge­deckt wer­den. Da kann doch nie­mand sa­gen, der Re­form­druck sei weg. Wenn wir die AHV jetzt nicht re­for­mie­ren, wer­den die kom­men­den Ge­ne­ra­tio­nen nur noch ei­ne un­ge­nü­gen­de Ren­te er­hal­ten. Der Druck ist al­so im­mer noch da, trotz der AHV-Steu­erVor­la­ge – und er wird oh­ne Re­for­men jähr­lich grös­ser.

Die FDP woll­te der AHV nur mehr Geld ge­ben, wenn bei den Aus­ga­ben an­ge­setzt wird.

Ich möch­te klar­stel­len, dass wir kei­ne Ren­ten­kür­zun­gen wol­len. Aber man kann bei­spiels­wei­se dar­über dis­ku­tie­ren, ob nicht nur die Frau­en ein Jahr län­ger als heu­te ar­bei­ten müs­sen, son­dern auch die Män­ner. Die Leu­te in der Schweiz sind ver­nünf­tig und se­hen ein, dass zum Er­halt des So­zi­al­sys­tems die Fi­nan­zie­rung ge­si­chert wer­den muss.

Über 50-Jäh­ri­ge spü­ren, dass sie es schwer ha­ben auf dem Ar­beits­markt. Sind Sie si­cher, dass ei­ne sol­che Ren­ten­al­ter­er­hö­hung mehr­heits­fä­hig ist?

Ich ken­ne Un­ter­neh­mer, die we­gen der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung schon jetzt kei­ne Mit­ar­bei­ten­den mehr fin­den. Man­che wä­ren dank­bar, wenn ih­re Mit­ar­bei­ter noch et­was län­ger ar­bei­ten wür­den, statt sich frü­her pen­sio­nie­ren zu las­sen. Aber ich ru­fe auch die Un­ter­neh­men da­zu auf, äl­te­re Ar­beit­neh­men­de an­zu­stel­len und zu be­hal­ten. Die Po­li­tik ih­rer­seits muss da­für sor­gen, dass sys­te­ma­ti­sche Fehl­an­rei­ze be­sei­tigt wer­den – da­mit zum Bei­spiel äl­te­re Ar­beit­neh­men­de bei der zwei­ten Säu­le nicht mehr so teu­er sind.

Die Eu­ro­pa­po­li­tik do­mi­niert im Wahl­jahr. SVP und SP leh­nen das Rah­men­ab­kom­men ab. Wie will sich die FDP da pro­fi­lie­ren?

Wir ha­ben uns noch kei­ne ab­schlies­sen­de Mei­nung ge­macht. Aber wenn SVP und SP Nein sa­gen, wird das Rah­men­ab­kom­men ver­senkt. Es dau­ert Jah­re, bis wir et­was Neu­es ha­ben. Die EU wird re­agie­ren. Wir spü­ren das jetzt schon bei der Bör­sen­äqui­va­lenz. Es ist ein Spiel mit den Ar­beits­plät­zen Tau­sen­der Men­schen in der Schweiz. Der nächs­te Ver­hand­lungs­punkt mit der EU sind die tech­ni­schen Han­dels­hemm­nis­se. Wenn wir da kei­ne Lö­sung mehr ha­ben, wird das et­wa die Me­di­zi­nalbran­che spü­ren. Der Bun­des­rat muss sei­ne Füh­rungs­auf­ga­be über­neh­men und den Preis ei­nes Schei­terns be­zif­fern. Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis zog ro­te Li­ni­en für die Ver­hand­lun­gen, die nun beim Lohn­schutz und bei der Uni­ons­bür­ger­schaft über­schrit­ten wur­den. Igna­zio Cas­sis hat nicht die ro­ten Li­ni­en über­schrit­ten. Es ist sein Ver­dienst, dass er die EU-For­de­run­gen öf­fent­lich mach­te und ei­ne Dis­kus­si­on er­mög­lich­te. Die SP hat im Ge­fol­ge der Ge­werk­schaf­ten die Dis­kus­si­on, wie der Lohn­schutz mit in­no­va­ti­ven Lö­sun­gen er­hal­ten wer­den kann, ver­wei­gert. Die SP macht auf Hin­hal­te­tak­tik und war­tet die Wah­len ab. Das geht nicht.

Fo­to: Urs Jau­das

Pe­tra Gös­si: «Wenn SVP und SP Nein sa­gen, wird das Rah­men­ab­kom­men ver­senkt.»

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