Fe­ri­en­ge­dan­ken auf­le­ben las­sen

Pi­us Rü­disü­li weiss, was hin­ter al­ten An­sichts­kar­ten steckt.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseite - Prä­sen­tiert Pi­us Rü­disü­li in stil­ge­rech­ten Me­tall­stän­dern. Andrea Bau­mann

Ob er ahnt, auf was er sich ein­lässt? Pi­us Rü­disü­li ent­schliesst sich, auf das In­se­rat zu ant­wor­ten. Er­schie­nen ist es in der Zeit­schrift für Mün­zen­samm­ler – doch es rich­tet sich an die so­ge­nann­ten Hei­mat­samm­ler. An­ge­bo­ten wer­den: his­to­ri­sche An­sichts­kar­ten di­ver­ser Schwei­zer Ort­schaf­ten. Von Am­den et­wa, von Er­len­bach oder Küs­nacht. Da­mit ist das In­ter­es­se von Rü­disü­li ge­weckt. Ist doch Am­den sei­ne Hei­mat­ge­mein­de, Er­len­bach sein Wohn­ort und Küs­nacht der Ort, wo er die Leh­re macht.

Es ist das Jahr 1977. Der da­mals 18-Jäh­ri­ge be­stellt drei Kar­ten. «Ich war auf den ers­ten Blick fas­zi­niert», sagt Rü­disü­li heu­te über den Kauf. Mitt­ler­wei­le ar­bei­tet er seit 30 Jah­ren als Ge­mein­de­schrei­ber, wo­von de­ren 19 in Herrliberg, wo er auch lebt. Dass die einst emp­fun­de­ne Be­geis­te­rung nicht oh­ne Fol­gen ge­blie­ben ist, er­kennt schnell, wer sein Wohn­zim­mer be­tritt.

Ak­tu­ell gut 10 000 Stück

Die rus­ti­kal ge­tä­fer­te Stu­be hat den Charme ei­nes Berg­cha­lets. Und ein biss­chen wirkt sie wie ein Tou­ris­mus­bü­ro aus ver­gan­ge­nen Zei­ten mit den drei Me­tall­stän­dern, die im Raum ste­hen und hän­gen. Satt ge­füllt, schei­nen sie auf Kund­schaft zu war­ten. Ge­füllt sind sie mit – genau: An­sichts­kar­ten.

Die­se sind in­des nicht zum Ver­kauf da. Im Ge­gen­teil. Kurz nach der ent­schei­den­den Lek­tü­re der Mün­zen­zeit­schrift wird aus Rü­disü­li ein lei­den­schaft­li­cher Samm­ler; er bleibt es bis heu­te. Den Be­stand von ur­sprüng­lich drei Kar­ten ver­grös­sert er bis auf ak­tu­ell gut 10 000. Was da­von nicht in den Me­tall­stän­dern Platz fin­det, la­gert sor­tiert in rund 25 di­cken Al­ben. «Am An­fang ha­be ich je­den Sams­tag den Floh­markt auf dem Bür­k­li­platz nach al­ten Kar­ten durch­stö­bert», sagt Rü­disü­li. Wenn die Kar­ten Spu­ren der eins­ti­gen Ver­wen­dung zei­gen, et­wa die ori­gi­na­len Gruss­wor­te und ei­ne ab­ge­stem­pel­te Brief­mar­ke: um­so bes­ser. So geht ei­ni­ges sei­nes mo­nat­li­chen Lehr­lings­lohns von 400 Fran­ken an das Hob­by, auch wenn er pro Kar­te nur be­schei­de­ne Sum­men von ei­nem bis zu zehn Fran­ken aus­gibt. «In den Acht­zi­ger­jah­ren herrsch­te aber ei­ne wah­re Sam­me­leu­pho­rie», er­in­nert er sich. Bis zu 300 Fran­ken sei­en pro Stück be­zahlt wor­den. In Ein­zel­fäl­len, für Kar­ten klei­ne­rer Ort­schaf­ten, gar noch mehr.

Ur­gross­va­ter auf der Kar­te

Mitt­ler­wei­le hät­ten auch hier in­ter­na­tio­na­le In­ter­net­platt­for­men die tra­di­tio­nel­len Händ­ler ab­ge­löst. «Vie­le Kar­ten, die einst ins Aus­land ver­schickt wor­den sind, ge­lan­gen nun von dort zum Ver­kauf und so wie­der zu­rück in die Schweiz», be­ob­ach­tet Pi­us Rü­disü­li.

Fünf bis zehn Mi­nu­ten wid­met er täg­lich dem Stu­di­um der ein­schlä­gi­gen Web­sei­ten. Und lan­det bis­wei­len un­glaub­li­che Tref­fer: wie die Kar­te von Am­den, auf der ein Al­phirt mit Tou­ris­ten ab­ge­bil­det ist – beim Hir­ten han­delt es sich um Rü­disü­lis Ur­gross­va­ter. Das ha­be sich erst her­aus­ge­stellt, als er die Kar­te sei­nem Va­ter ge­zeigt ha­be. «Ein Rie­sen­zu­fall.»

Er wol­le wis­sen, wie es frü­her in den Dör­fern aus­ge­se­hen ha­be, sagt der heu­te 59-Jäh­ri­ge. Da­bei fas­zi­nie­re ihn be­son­ders, die Ent- wick­lung im Lauf der Jah­re nach­zu­voll­zie­hen. Längst hat er sein Sam­mel­ge­biet über Am­den und Er­len­bach hin­aus aus­ge­dehnt: auf die an­de­ren See­ge­mein­den, das Glar­ner­land und vor al­lem das Obe­r­en­ga­din.

Ver­gleich mit Ist­zu­stand

Im­mer wie­der reist Rü­disü­li an die Or­te und ver­gleicht Kar­ten­su­jets mit dem ak­tu­el­lem Zu­stand. «Die bau­li­che Ent­wick­lung der Ge­mein­den nach­zu­ver­fol­gen, ist be­ein­dru­ckend.» Und wenn er da so mit schwarz­weis­sen oder ko­lo­rier­ten Auf­nah­men in den Stras­sen ste­he, kom­me er öf­ters mit An­woh­nern ins Ge­spräch. Er­in­ne­run­gen wür­den aus­ge­tauscht über Lo­kal­ge­schich­te und Dorf­le­ben. «Ei­ne im­men­se Ho­ri­zont­er­wei­te­rung er­fährt man so», schwärmt er, «kon­kre­te Ge­schich­te, ei­nem Zei­t­raf­fer gleich.» Mit­un­ter ma­che ihn die Ent­wick­lung auch recht nach­denk­lich. Bei Kar­ten mit dem Mor­te­ratsch­glet­scher et­wa – heu­te sei dort nichts als Ge­röll und Öd­nis.

Die di­gi­ta­le Welt hat dem An­sichts­kar­ten­schrei­ben längst den Rang ab­ge­lau­fen. Gleich­wohl schwebt Rü­disü­li vor, der­einst mit Schü­lern den Wert von An­sichts­kar­ten zu dis­ku­tie­ren. «Ein MMS liest man schnell und löscht es wie­der», sagt er. Da­mit lö­sche man aber auch Zeug­nis­se un­se­rer Zeit. Auf An­sichts­kar­ten hin­ge­gen lies­sen sich die al­ten Fe­ri­en­ge­dan­ken noch nach­voll­zie­hen. Viel­leicht kön­ne er den ei­nen oder an­de­ren Ju­gend­li­chen wie­der zum ana­lo­gen Schrei­ben ani­mie­ren – wie schon sei­ne Kin­der oder die Ge­mein­de­rä­te. Er hof­fe halt, dass die Kar­ten so bald nicht auss­ter­ben wer­den.

Fo­to: Micha­el Trost

Ei­nen Teil sei­ner Samm­lung

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