«Sie spie­len auf Er­folg, nicht auf Schön­heit»

Für Da­ni­el Jean­du­peux ist Frank­reich kla­rer Fa­vo­rit im Fi­nal – we­gen des Prag­ma­tis­mus von Trai­ner De­schamps und Aus­nah­me­spie­lern wie Mbap­pé.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Wm 2018 - Da­ni­el Jean­du­peux: sind «viel­leicht nicht die bes­te Mann­schaft des Tur­niers – aber sie kön­nen ge­gen al­le ge­win­nen». Da­ni­el Jean­du­peux war Schwei­zer Na­tio­nal­spie­ler und -trai­ner. Er ist 69 und lebt in Frank­reich. In­ter­view: Tho­mas Schif­fer­le

Frank­reich - Kroa­ti­en, ist das ein gu­ter Fi­nal?

reich, ja. Für Frank-

Und für den neu­tra­len Zu­schau­er?

Es kann ein gu­ter Fi­nal wer­den, weil Frank­reich in­di­vi­du­ell ein Rie­sen­po­ten­zi­al und Kroa­ti­en eben­falls aus­ge­zeich­ne­te Spie­ler hat, be­son­ders im Mit­tel­feld mit Mod­ric und Ra­ki­tic.

Die Kroa­ten ha­ben aber ei­nen Nach­teil.

Wel­chen?

Sie ha­ben drei Ver­län­ge­run­gen hin­ter sich, die Be­las­tung von zwei Elf­me­ter­schies­sen und ei­nen Tag we­ni­ger Er­ho­lung.

Scha­de für Kroa­ti­en ( lacht). Aber klar, das ist ein Nach­teil. Kroa­ti­en hat ins­ge­samt ein Spiel mehr be­strit­ten. Im Halb­fi­nal hat man das ge­se­hen, ein paar Spie­ler sind we­ni­ger ge­lau­fen als vor­her. Ich den­ke be­son­ders an Mod­ric und Ra­ki­tic. Jetzt fehlt ih­nen viel­leicht die Fri­sche, um den Fi­nal in­di­vi­du­ell ent­schei­den zu kön­nen.

Pe­ri­sic und Mand­zu­kic kön­nen das nicht aus­glei­chen?

Das kann sein, doch. Pe­ri­sic kommt jetzt gross raus, Mand­zu­kic auch. Es war auch be­ein­dru­ckend, wie die Kroa­ten ge­gen En­g­land am En­de stär­ker wa­ren. Aber sie ha­ben schon viel ge­kämpft, um so weit zu kom­men. Es ist ein Wun­der, dass sie trotz ih­rer Mü­dig­keit noch so viel her­aus­ho­len kön­nen.

Ei­ne Fra­ge der Men­ta­li­tät?

Wahr­schein­lich schon.

Oder ist es die­ser Glau­be vie­ler äl­te­rer Spie­ler, ei­ne ein­ma­li­ge Chan­ce zu ha­ben, um Welt­meis­ter zu wer­den?

Das gilt für die Fran­zo­sen auch, selbst wenn vie­le jung sind.

Wenn man Kroa­ti­en im Fi­nal sieht, stellt sich die Fra­ge: Wo sind die ganz gros­sen Teams ge­blie­ben? Deutsch­land, Ar­gen­ti­ni­en, Bra­si­li­en, Spa­ni­en?

Spa­ni­en und Deutsch­land hat­ten vor­her viel Er­folg. Neh­men wir die Deut­schen. Von An­fang an fehl­ten mir die deut­schen Qua­li­tä­ten, al­so Kampf­kraft, Ener­gie, Wil­le. Ich wür­de so­gar sa­gen: Sie hat­ten zu we­nig Cha­rak­ter.

«Se­fe­ro­vic und Dr­mic ge­hö­ren nicht zu den bes­ten 100 Mit­tel­stür­mern der Welt.»

Sie hat­ten nicht das, was Ra­ki­tic oder Mod­ric aus­macht?

Genau! Er­folg macht mü­de. Für Spa­ni­en gilt das genau glei­che. Ich sah das Spiel ge­gen Russ­land. Du kannst nicht noch ei­nen 20. Pass ma­chen in der Hoff­nung, dass doch noch ir­gend­et­was pas­siert. Ich sa­ge: zu viel Kopf, zu we­nig Herz.

Und Bra­si­li­en?

Das war für mich die bes­te Mann­schaft die­ser WM, mit Bel­gi­en. Sie hin­ter­liess den stärks­ten Ein­druck. Aber nach der Grup­pen­pha­se ist es kei­ne Meis­ter­schaft mehr, son­dern ein Cup. Im Cup ge­winnt nicht im­mer das bes­se­re Team. Man kann nicht sa­gen, dass die Fran­zo­sen die Bes­ten der Welt sind, aber sie kön­nen ge­gen al­le an­de­ren ge­win­nen. Und da­rin er­kennt man den Prag­ma­tis­mus von De­schamps. Er hat nicht un­be­dingt die bes­ten Spie­ler auf­ge­bo­ten, aber er fin­det ge­gen je­den ein Mit­tel. Das ist nicht spek­ta­ku­lär, aber er­folg­reich.

Wel­che Re­so­nanz fin­det die­se Mann­schaft in der Hei­mat? Wird sie ge­liebt?

Wenn sie im Halb­fi­nal ge­winnt, ja. Wenn sie im Fi­nal ge­winnt, ja. Am An­fang hiess es: Sie ge­fällt nicht, ihr fehlt das, das und das. Ich ha­be im­mer ge­sagt: Das spielt kei­ne Rol­le. Es ist sel­ten der Fall, dass die bes­te Mann­schaft der Vor­run­de Welt­meis­ter wird. 2014 re­de­te je­der von Hol­land, und dann wur­de Deutsch­land Welt­meis­ter.

Was braucht es zum Ti­tel?

Du musst hin­ten stark sein, und du musst To­re er­zie­len kön­nen, ganz ein­fach. Frank­reich hat ei­nen gu­ten Tor­hü­ter, Llo­ris. Er ist nicht der bes­te des Tur­niers, das war Cour­tois...

...und Som­mer der Zweit­bes­te?

Si­cher ei­ner der fünf Bes­ten der WM. Aber im Ge­gen­satz zu ihm ist Llo­ris noch da.

Vor Llo­ris ver­tei­di­gen Va­ra­ne und Um­ti­ti, zwei Hü­nen.

Va­ra­ne ist ei­ne Art Lieb­lings­spie­ler von mir, er hat fast al­les, er ist schnell, kopf­ball­stark, er ist tech­nisch stark und in­tel­li­gent. Even­tu­ell fehlt es ihm et­was an Ag­gres­si­vi­tät. Um­ti­ti ist genau gleich. Für mich war das Fra­ge­zei­chen: Kön­nen sie zu­sam­men­spie­len? Es zeigt sich: Ja, sie kön­nen es. Fra­ge­zei­chen wa­ren auch die Aus­sen­ver­tei­di­ger. Aber sie sind aus­ge­zeich­net. Pa­vard ist ein kom­plet­ter rech­ter Ver­tei­di­ger, Her­nan­dez bringt links de­fen­siv sehr viel mit. Frank­reich hat im Mit­tel­feld Pog­ba, der viel kämpft, er hat Ta­lent, er kann su­per Päs­se schla­gen und To­re schies­sen, er wird im­mer kom­plet­ter. Kan­té ist für mich ein Lauf­wun­der. Ma­tui­di ist über­ra­schend gut, ein un­wahr­schein­li­cher Läu­fer.

Sind nicht Ma­tui­di und Gi­roud be­zeich­nend für das prag­ma­ti­sche Den­ken von De­schamps?

Wie­so?

Bei an­de­ren Trai­nern wür­de Mar­ti­al von Man­ches­ter United spie­len, La­ca­zet­te von Ar­senal oder Ben­ze­ma von Re­al Ma­drid. Aber De­schamps hat sie nicht ein­mal auf­ge­bo­ten.

Neh­men wir Gi­roud. Er ist wirk­lich ein Mit­tel­stür­mer, kopf­ball­stark und der Spie­ler mit den viert­meis­ten To­ren in der Ge­schich­te der fran­zö­si­schen Na­tio­nal­mann­schaft. Er schiesst To­re, oh­ne manch­mal gros­se Chan­cen zu ha­ben. Er ar­bei­tet für die Mann­schaft, wie Ka­ne, auch wenn er we­ni­ger stark ist als er. Aber an Gi­roud sieht man, dass De­schamps to­tal auf Er­folg spielt und nicht auf Stil, auf Schön­heit, über­haupt nicht.

Wenn wir nun Stür­mer wie Gi­roud oder Mand­zu­kic se­hen – ist das genau das, was der Schweiz fehlt, um sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln?

Genau. Genau! Die Schweiz ist gut. Aber mich stört im­mer noch, dass Dze­mai­li so weit vor­ne spielt. Und es fehlt die Welt­klas­se­spit­ze. Gi­roud und Mand­zu­kic ge­hö­ren zu den dreis­sig bes­ten Mit­tel­stür­mern der Welt, aber Se­fe­ro­vic und Dr­mic nicht zu den bes­ten 100.

Die bes­ten 30, das tönt auch nicht sehr über­schwäng­lich.

Ich kann aber auch nicht sa­gen, dass sie zu den zehn Bes­ten ge­hö­ren. Viel­leicht könn­te ich ja auch zwan­zig sa­gen.

Wer ist denn der Stärks­te über­haupt?

Ka­ne. Ganz klar. Er hat fast al­les.

Er­in­nert Sie die fran­zö­si­sche Mann­schaft an je­ne, die 1998 zu­erst auch Wi­der­stän­de über­win­den muss­te, dann wäh­rend des Tur­niers wuchs und schliess­lich den Ti­tel ge­wann?

1998 ge­wann sie den Fi­nal ge­gen Bra­si­li­en 3:0, oh­ne ei­nen her­aus­ra­gen­den Mit­tel­stür­mer zu ha­ben. Es fehl­te ihr al­so et­was. Wo gibt es jetzt Schwach­punk­te? Mbap­pé ist ein Phä­no­men, mit sei­ner Schnel­lig­keit, mit sei­ner Tech­nik. Fe­kir, der zwar fast nicht spielt, ist ein su­per Spie­ler, er er- in­nert mich an Tür­ky­il­maz, nur schnel­ler und tech­nisch bes­ser. Le­mar kann aus­ge­zeich­net sein.

Und es gibt noch Griez­mann.

Griez­mann! Den ha­be ich noch ver­ges­sen! Weil er bis jetzt nicht so viel ge­bracht hat.

Blanc, De­schamps und Zi­da­ne wa­ren 1998 die Lea­der. Wer ist das heu­te?

Es gab auch an­de­re, die wich­tig wa­ren, Pe­tit und Li­za­ra­zu. Wie viel die bei­den im Kopf ha­ben, sieht man heu­te beim Fern­se­hen, wo sie als Ex­per­ten ar­bei­ten. Das ist der Un­ter­schied zu 2010 in Süd­afri­ka. 1998 hat­te Frank­reich ei­ne klu­ge Mann­schaft mit Per­sön­lich­kei­ten, in Süd­afri­ka da­ge­gen wa­ren die Wort­füh­rer Spie­ler aus den Ban­lieus. (Die Spie­ler streik­ten ge­gen Trai­ner Do­men­ech und sorg­ten für ei­nen Eclat, bei dem sich so­gar Staats­prä­si­dent Sar­ko­zy ein­schal­te­te.)

Sie mei­nen Ri­bé­ry, Ben­ze­ma…

...Anel­ka und so wei­ter.

Und wer sind die Chefs heu­te?

Llo­ris, oh­ne schrei­en zu müs­sen, weil er klug ist. Va­ra­ne, im­mer mehr. Pog­ba. Und Gi­roud.

«Das Pro­blem mit der Her­kunft hat Frank­reich doch auch. Oder En­g­land. Oder Bel­gi­en.»

Kön­nen Sie die Ar­beits­mo­ral von De­schamps er­klä­ren?

Sei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on ist fast per­fekt. Er sagt, was er zu sa­gen hat, aber nie zu viel. Er lässt die Leu­te glau­ben, was sie wol­len, und macht doch, wie er es will. Und er hat ei­ne Mann­schaft ge­baut. Ei­ne Mann­schaft! Was bei ei­ner Na­tio­nal­mann­schaft sehr schwie­rig ist. Das kann man auch von der Schweiz sa­gen.

Von der Schweiz?

Ja. Sie hat ei­ne Mann­schaft.

Der ei­ge­ne Ver­band hat ge­ra­de die Dis­kus­si­on um Dop­pel­bür­ger an­ge­zet­telt, um Spie­ler wie Xha­ka, Shaqi­ri, Beh­ra­mi.

Das glei­che Pro­blem mit der Her­kunft hat Frank­reich doch auch. Oder En­g­land oder Bel­gi­en. Über­all auf der Welt kom­men die Fuss­bal­ler aus den tiefs­ten so­zia­len oder aus nicht pri­vi­le­gier­ten Schich­ten. Es sind Mi­gran­ten oder Ar­bei­ter, wie man es frü­her nann­te, es sind Leu­te, die et­was aus dem Fussball ma­chen. Wenn Frank­reich Welt­meis­ter wird, muss man die fran­zö­si­schen Na­men in der Mann­schaft su­chen oder die Spie­ler, die ih­re Wur­zeln nicht in ei­nem an­de­ren Land ha­ben. Gi­roud, Griez­mann, das sind Fran­zo­sen, ja. Aber Mbap­pé nicht, Ma­tui­di nicht, Kan­té, Pog­ba, Va­ra­ne oder Um­ti­ti auch nicht…

Fussball ist…

...ei­ne Chan­ce für Mi­gran­ten, von der ers­ten oder zwei­ten Ge­ne­ra­ti­on. Die bes­ten fran­zö­si­schen Fuss­bal­ler der Ge­schich­te wa­ren Ko­pa: aus Po­len, Pla­ti­ni: aus Ita­li­en, Zi­da­ne: aus Al­ge­ri­en. Viel­leicht fühl­ten sie sich et­was als Po­le, als Ita­lie­ner, als Al­ge­ri­er, aber die fran­zö­si­sche Ge­sell­schaft hat ih­nen et­was bei­ge­bracht.

Las­sen wir die Mi­gran­ten weg, in Frank­reich, in Bel­gi­en, in der Schweiz. Dann gibt es gar kei­ne Mann­schaf­ten mehr.

Doch, aber ein we­ni­ger star­ke..

Was ist Ih­re Fi­nal-Pro­gno­se?

Ich könn­te sa­gen: 2:0, 3:0 für Frank­reich.

So deut­lich?

Ja, aber ich sa­ge es nicht. Wie­so nicht? Weil ei­ne sol­che Pro­gno­se den Ein­druck ver­mit­telt, es könn­te für Frank­reich ein­fach sein. Das Spiel wird nicht ein­fach. Und es wird sehr kom­pli­ziert sein, das ers­te Tor zu er­zie­len. Aber wenn es Frank­reich er­zielt hat, kann es mit je­dem An­griff ein wei­te­res Tor er­zie­len. We­gen Mbap­pé, Griez­mann, auch we­gen Gi­roud oder Pog­ba.

Fo­to: Mar­tin Meiss­ner (Keysto­ne)

Ky­li­an Mbap­pé und Frank­reich

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