«Es ist nicht ver­bo­ten, falsch zu bud­ge­tie­ren»

Ein neu­er Ge­set­zes­ar­ti­kel bringt die Ge­mein­den bei den Bud­gets 2019 in die Bre­douil­le. Man­che bud­ge­tie­ren wil­lent­lich falsch, an­de­re hof­fen, al­le Re­geln ein­ge­hal­ten zu ha­ben. Die Be­zirks­rä­te müs­sen den Ge­mein­den jetzt auf die Fin­ger schau­en – ob sie wol­le

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürichsee - Wil­ly Nüesch (FDP), Fi­nanz­vor­stand Richterswil Con­ra­din Kn­a­ben­hans

Die Buch­hal­ter an den Re­chen­schie­bern in den Ge­mein­den sind nicht zu be­nei­den. Je­des Jahr jon­glie­ren sie mit Zah­len bis auf die letz­te Kom­ma­stel­le ge­nau, um pünkt­lich En­de Jahr dem Stimm­bür­ger ein Bud­get zu prä­sen­tie­ren, das dann wo­mög­lich vom Steu­er­zah­ler zer­zaust wird. Das ist der nor­ma­le Gang ei­nes Ge­mein­de­bud­gets jahr­aus, jahr­ein.

2018 ist al­les an­ders. Schuld dar­an ist Re­gie­rungs­rä­tin Jac­que­line Fehr (SP). Sie sorgt in den Ge­mein­de­häu­sern des Kan­tons für kol­lek­ti­ve Ve­r­un­si­che­rung. In ei­nem Re­gie­rungs­rats­be­schluss macht sie klar: Jetzt wird den Ge­mein­den schon bei der Bud­ge­tie­rung auf die Fin­ger ge­schaut.

Um Fehrs Droh­ge­bär­de zu ver­ste­hen, braucht es et­was Vor­ge­schich­te. Schuld dar­an ist Pa­ra­graf 119 des neu­en Zürcher Ge­mein­de­ge­set­zes, wie die NZZ be­rich­tet. Ge­re­gelt ist dar­in, wie die Bei­trä­ge in oder aus dem Fi­nanz­aus­gleich im Bud­get dar­ge­stellt wer­den müs­sen. Frü­her war das ein­fach: Für 2018 rech­ne­te man mit den de­fi­ni­ti­ven Zah­len aus dem Jahr 2016, die man Mit­te 2017 mit­ge­teilt er­hielt.

Neu müs­sen Ge­mein­den, die Geld er­hal­ten – am Zü­rich­see sind dies Hom­brech­ti­kon, Oet­wil, Wä­dens­wil, Richterswil und Langnau –, ei­nen Dif­fe­renz­be­trag vom im Rech­nungs­jahr tat­säch­lich er­hal­te­nen Bei­trag und dem zu er­war­ten­den Bei­trag bud­ge­tie­ren und da­bei gleich­zei­tig auch noch ei­ne Fi­nanz­aus­gleichsRück­stel­lung aus ei­nem frü­he­ren Jahr auf­lö­sen. Den Be­trag aus dem Fi­nanz­aus­gleich dür­fen sie nicht mehr eins zu eins als Ein­nah­me ver­bu­chen, son­dern müs­sen ihn buch­hal­te­risch ab­gren­zen. Ein Vor­gang, den selbst den ta­len­tier­ten Buch­hal­ter Nötz­li über­for­dert hät­te. «Die­se Be­rech­nungs­art kennt man in der Buch­hal­tungs­pra­xis sonst nicht», er­klärt Heinz Mon­ta­na­ri vom Zürcher Amt der Ge­mein­den. Ein­ge­führt hat die­se neue Pra­xis der Zürcher Kan­tons­rat – ge­gen den Wil­len des Re­gie­rungs­ra­tes.

Plötz­lich ein De­fi­zit

Der Grund: Die fi­nanz­star­ken Ge­mein­den muss­ten je­des Jahr meh­re­re Hun­dert Mil­lio­nen Fran­ken in den Fi­nanz­aus­gleich­stopf ein­be­zah­len, konn­ten aber gleich­zei­tig ih­ren Stimm­bür­gern kaum je ver­ständ­lich dar­le­gen, war­um die gi­gan­ti­schen Steu­er­er­trä­ge nicht im Porte­mon­naie der Ge­mein­de zu­rück­blie­ben, son­dern mit ei­ner Ver­zö­ge­rung in den Fi­nanz­aus­gleich ab­flies­sen. Auch sie sind von der neu­en Re­ge­lung be­trof­fen, ha­ben aber ei­ne Wahl­mög­lich­keit zwi­schen ei­ner so­ge­nann­ten Voll- oder Teil­be­trags­ab­gren­zung.

Die Neh­mer­ge­mein­den ha­ben we­gen die­ser neu­en Re­ge­lung ein grö­be­res Pro­blem: Sie müs­sen teil­wei­se De­fi­zi­te in ih­ren Bud­gets aus­wei­sen, ob­wohl sie ei­gent­lich ei­ne aus­ge­gli­che­ne Rech­nung hät­ten. «Bin­go spie­len» nennt das et­wa die Win­ter­thu­rer Fi­nanz­vor­ste­he­rin Yvon­ne Beut­ler (SP). Statt ei­nes Plus von 13 Mil­lio­nen bud­ge­tiert die Stadt ein De­fi­zit von fast 40 Mil­lio­nen Fran­ken.

Kei­ne Lust auf Bin­go

Und weil die Ge­mein­den um Win­ter­thur – haupt­säch­lich Neh­mer­ge­mein­den – kei­ne Lust auf «Bin­go» ha­ben, ru­fen sie gleich da­zu auf, den neu­en Ge­set­zes­ar­ti­kel ein­fach zu boy­kot­tie­ren. Und hier kommt Re­gie­rungs­rä­tin Fehr wie­der ins Spiel. Das Ge­setz sei ein­zu­hal­ten, weist sie die Ge­mein­den hoch­of­fi­zi­ell in ei­nem Be­schluss hin. Die Be­zirks­rä­te müs­sen die Ge­mein­den in ei­nem Brief war­nen, sich un­be­dingt an die Re­geln zu hal­ten. Sonst be­hal­te man sich vor, «die Ge­neh­mi­gung des Bud­gets 2019 auf­sichts­recht­lich auf­zu­he­ben und zur Neu­fest­set­zung zu­rück­zu­wei­sen». So steht es im Brief an die Ge­mein­den, wel­cher der ZSZ vor­liegt. Im schlimms­ten Fall wür­de ein auf­ge­ho­be­nes Bud­get den fi­nan­zi­el­len Spiel­raum der Ge­mein­de mas­siv ein­schrän­ken und et­wa In­ves­ti­ti­ons­aus­ga­ben tem­po­rär ver­un­mög­li­chen.

Ge­mein­de­prä­si­dent ver­är­gert

Die­ser Brief wie­der­um ist es, den aus­ge­rech­net die Ge­ber­ge­mein­den auf die Pal­me bringt. Mar­kus Ernst, Ge­mein­de­prä­si­dent von Küs­nacht (FDP), spricht von ei­ner «Be­weis­last­um­kehr», ei­ner «to­tal un­ver­hält­nis­smäs­si­gen Ak­ti­on» und ei­nem «Ge­ne­ral­ver­dacht». Ernst kann dem «miss­glück­ten Ge­setz» we­nig ab­ge­win­nen: Man müs­se nun den Bür­gern ein Bud­get vor­le­gen, das nicht ver­ständ­lich und nicht er­klär­bar sei. «Wie soll ich ver­ständ­lich ma­chen, dass aus ei­nem Net­to­ver­mö­gen von 100 Mil­lio­nen plötz­lich Schul­den von 100 Mil­lio­nen ge­wor­den sind?» Die­ser Un­ter­schied ent­steht, weil Rück­stel­lun­gen ge­macht wer­den müs­sen. Für Ernst ist klar: Es braucht An­pas­sun­gen – und mehr Au­gen­mass vom Re­gie­rungs­rat.

Rich­tig ge­rech­net?

In der Neh­mer­ge­mein­de Richterswil führt der Brief eben­so zu Ve­r­un­si­che­rung. Der Fi­nanz­vor­stand gibt of­fen zu, dass er ak­tu­ell nicht in der La­ge wä­re, die neu­en Re­geln tief­grün­dig an der Ge­mein­de­ver­samm­lung zu er­klä­ren. «Das Bud­get ist für die Bür­ger heu­te schon ein kom­ple­xes Un­ter­fan­gen», meint Wil­ly Nüesch (FDP).

Der Lei­ter der Rich­ters­wi­ler Fi­nanz­ab­tei­lung San­dro Pul­ci­ni ist – nach mehr­stün­di­ger Schu­lung durch das Ge­mein­de­amt und Ak­ten­stu­di­um – zum Schluss ge­kom­men, dass die an­ge­spro­che­ne «Ab­gren­zung» in Sa­chen Fi­nanz­aus­gleich nur nö­tig ist,

«Das Bud­get ist für die Bür­ger heu­te schon ein kom­ple­xes Un­ter­fan­gen.»

wenn sich die ge­mein­de­ei­ge­ne Steu­er­kraft nicht im Gleich­schritt mit der kan­to­na­len Steu­er­kraft ent­wick­le. «Und hier liegt der Hund be­gra­ben», sagt Pul­ci­ni. Das kan­to­na­le Mit­tel stieg in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ste­tig stark an, nun rech­net der Kan­ton zu­künf­tig mit tie­fe­ren Wer­ten. Des­halb ist es für ihn «zu­min­dest frag­wür­dig», dass man auf­grund von zu pes­si­mis­ti­schen Schät­zun­gen die­se Re­geln um­set­zen müs­se. Und trotz­dem: «Wir wer­den uns kom­men­de Wo­che noch­mals zu­sam­men­set­zen, um zu über­prü­fen, ob wir un­se­re Ba­sis zur Be­rech­nung der Steu­er­kraft än­dern müs­sen.»

Be­zirks­rä­te über­wa­chen

Wäch­ter über die Fi­nanz­wahr­heit ist der Be­zirks­rat. Ar­min St­ein­mann, Prä­si­dent des Horg­ner Be­zirks­ra­tes, sagt: «Wir wur­den vom Re­gie­rungs­rats­be­schluss eben­so über­rascht wie die Ge­mein­den.» Aber selbst­ver­ständ­lich kom­me man dem Auf­trag der Re­gie­rung nach und er­in­ne­re die Be­hör­den an die Ein­hal­tung der Ge­set­ze. «Wir ma­chen das der­zeit aber prag­ma­tisch im Sin­ne der prä­ven­ti­ven Auf­sicht.»

Wie die vom Re­gie­rungs­rat ge­for­der­te Kon­trol­le der Bud­gets dann er­folgt, sei noch nicht be- spro­chen – und wird es vor den Ge­mein­de­ver­samm­lun­gen wohl auch nicht mehr. Es han­delt sich schliess­lich um ei­ne Nach­kon­trol­le. Im Ex­trem­fall könn­te der Be­zirks­rat ein Bud­get zwar auf­he­ben, aber das sei – so heisst es hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand aus den Amts­stu­ben – wohl in vie­len Fäl­len un­ver­hält­nis­mäs­sig. Oder wie es Ar­min St­ein­mann – trotz Blick auf kon­kre­te Ge­set­zes­ar­ti­kel zu ein­zel­nen The­men – for­mu­liert: «Es ist nicht ver­bo­ten, falsch zu bud­ge­tie­ren.»

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