Ler­nen vom Ka­pi­ta­lis­mus?

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürichsee - Stä­fa Bern­hard El­se­ner:

Kürz­lich muss­te ich an ei­ner Ta­gung be­grün­den, ob und wie die Kir­che vom Ka­pi­ta­lis­mus ler­nen kann. Ich war kri­tisch. Denn ich ha­be in den USA ei­ne Kirch­ge­mein­de er­lebt, wel­che sich für die Op­fer ei­nes irr­sin­nig ge­wor­de­nen Ge­win­nund Macht­stre­bens ein­ge­setzt, sie ge­trös­tet, auf­ge­rich­tet und ge­heilt hat. Mir kam aber auch ein Zi­tat ei­nes Theo­lo­gen über das Ver­hält­nis von Kir­che und «Wirt­schaft» in den Sinn: «Es muss uns be­schä­men, wenn draus­sen letzt­lich Be­lang­lo­ses bes­ser ver­wal­tet, Sinn­lo­ses bes­ser kom­mu­ni­ziert, Schlech­tes ef­fi­zi­en­ter pro­du­ziert und bes­ser ver­kauft wird, wenn Vor­ge­setz­te und Mit­ar­bei­terin­nen und Mit­ar­bei­ter dort mensch­li­cher mit­ein­an­der um­ge­hen und wenn Ge­mein­de­mit­glie­der auf dem Markt bes­ser ge­hört wer­den als in ih­rer Kir­che, wenn sie ih­re Be­dürf­nis­se äus­sern.»

Des­halb wur­de für mich klar: Die Kir­che muss mit­hel­fen, den Ka­pi­ta­lis­mus ra­di­kal zu ver­än­dern. Die Er­de ver­trägt ihn nicht mehr. Die Wachs­tums­ideo­lo­gie kommt an ei­ne Gren­ze – nicht zu­letzt öko­lo­gisch. Gleich­zei­tig darf die Kir­che be­währ­te In­stru­men­te aus der Wirt­schaft an­wen­den. Denn sie muss mit den Mit­teln, die sie hat, mög­lichst wir­kungs­voll und da­mit spar­sam um­ge­hen.

Pau­lus hat im Um­gang mit Ide­en aus ver­schie­de­nen Fel­dern schon ge­ra­ten: «Prü­fet al­les – das Gu­te be­hal­tet!» Kri­tisch sein muss die Kir­che. Aber es gibt nir­gends ei­ne theo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung da­für, die Kir­che schlech­ter und in­ef­fek­ti­ver zu or­ga­ni­sie­ren als Or­ga­ni­sa­tio­nen, die nach un­ter­neh­me­ri­schen Kri­te­ri­en ar­bei­ten. Kir­che ist für An­de­re da. Des­halb ist auch der Or­ga­ni­sa­ti­on Kir­che auf­ge­tra­gen, Men­schen wahr­zu­neh­men und ih­nen zu­zu­hö­ren – wie das er­folg­rei­che Wirt­schafts­un­ter­neh­men zur Meis­ter­schaft tun. Es gibt da­zu gu­te Me­tho­den und Werk­zeu­ge. Die Kir­che kann in Zei­ten des Um­bruchs un­ter­neh­me­risch neue Chan­cen fin­den, in­dem sie viel­fäl­ti­ger wird, Ri­si­ken ein­geht, Bal­last ab­wirft, agi­ler wird, ih­re Ver­trau­ens­kul­tur aus­baut – al­les Din­ge, die in ka­pi­ta­lis­tisch ge­präg­ten Un­ter­neh­men seit Jahr­zehn­ten gang und gä­be sind.

Ein In­no­va­ti­ons­mo­dell, mit dem wir Er­fah­run­gen sam­meln, ist «Ef­fec­tua­ti­on». Es ar­bei­tet mit dem Bild ei­nes Kühl­schranks. Neue Ide­en ent­ste­hen nicht, in­dem zu­nächst ein Re­zept ent­wi­ckelt wird und dann sorg­fäl­tig der Ein­kauf ge­plant wird. In­no­va­ti­on ent­steht, wenn der Kühl­schrank ge­öff­net wird und mit dem ein Me­nu ge­kocht wird, was im Kühl­schrank zu fin­den ist. Die­ses Prin­zip ist ganz und gar bi­blisch: Fünf Bro­te und zwei Fi­sche war al­les, was über fünf­tau­send Men­schen da­bei hat­ten, als sie ein­mal Je­sus zu­hör­ten. Je­sus lehr­te sie: Das ist ge­nug, um al­le zu sät­ti­gen. Fünf Bro­te und zwei Fi­sche! Es ist al­les da, da­mit die Kir­che un­ter­neh­me­risch den Auf­bruch wagt und die Re­for­ma­ti­on wei­ter­führt.

Tho­mas Schau­fel­ber­ger aus Stä­fa ist Pfar­rer und lei­tet die Ar­beits­stel­le für die kirch­li­che Aus­und Wei­ter­bil­dung. www.bil­dungkir­che.ch.

Sie wa­ren am Mon­tag bei der Eid­ge­nös­si­schen Ma­te­ri­al­prü­fungs- und For­schungs­an­stalt Em­pa in Düben­dorf. Die­se wird die Tei­le der ein­ge­stürz­ten Brü­cke von Ge­nua be­gut­ach­ten. Was war Ih­re Auf­ga­be?

Mei­ne bei­den ita­lie­ni­schen Ex­per­ten­kol­le­gen ha­ben am ver­gan­ge­nen Frei­tag be­auf­sich­tigt, wie 13 Trüm­mer­tei­le der ein­ge­stürz­ten Brü­cke in Ge­nua auf Last­wa­gen ver­la­den wur­den. An­schlies­send ha­ben sie die­se ver­sie­gelt. Als die bei­den Last­wa­gen am Mon­tag um 17 Uhr bei der Em­pa ein­tra­fen, ha­be ich kon­trol­liert, ob die Sie­gel noch in­takt wa­ren, und das Okay zum Ab­la­den ge­ge­ben. Die­ses ha­be ich ver­folgt, bis al­le Tei­le an ei­nem si­che­ren Ort de­po­niert wa­ren.

Wes­halb wer­den die Be­weis­stü­cke zum Ein­sturz ei­ner ita­lie­ni­schen Brü­cke in der Schweiz un­ter­sucht?

Zu­erst über­leg­ten wir drei Ex­per­ten na­tür­lich, wel­ches La­bor in Ita­li­en die Tei­le prü­fen könn­te. Wir stell­ten je­doch bald fest, dass al­le La­bo­re ent­we­der Ver­bin­dun­gen zur Au­tostra­de per l’Ita­lia, der Be­trei­ber­fir­ma der Brü­cke, oder zum Mi­nis­te­ri­um ha­ben, wo­mit sie be­fan­gen sind und weg­fal­len. Zu­dem gibt es in Ita­li­en kein La­bor, das ähn­lich brei­te Un­ter­su­chun­gen an Stahl­be­ton durch­füh­ren könn­te wie die Em­pa.

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